In der Hoffnung, dass sich ein Bewerber für den Bürgermeisterposten finden möge, hat der Empfinger Gemeinderat selbst Werbebanner aufgestellt. Foto: Jürgen Baiker

Es wird immer schwieriger, gute Bürgermeister zu finden. Die Gemeinde Empfingen legt sich nun besonders ins Zeug und wirbt an der Autobahn. Doch lockt das nicht eher Versicherungsvertreter statt Verwaltungskräfte an?

Empfingen - Wer auf der A 81 zwischen Sulz und Horb zu sehr aufs Gaspedal drückt, übersieht womöglich die Chance seines Lebens. Obwohl: Das Plakat, das dort neben der Fahrbahn steht, ist selbst für eilige Betrachter gut sichtbar. „Empfingen sucht Bürgermeister/in“ ist auf 15 mal 6 Metern zu lesen. Alles Weitere zu diesem Casting findet sich auf einer ­eigens angelegten Internetseite. Dort gibt es sogar ein Trickfilmchen, in dem sich die 4000 Einwohner zählende Gemeinde im Kreis Freudenstadt als „attraktiv, lebens- und liebenswert“ vorstellt. Man sei dörflich und idyllisch gelegen, aber auch modern, unkonventionell und tolerant. Ach ja, ein wenig Kleingeld habe man natürlich auch auf der hohen Kante.

Der scheidende Bürgermeister lächelt knitz, wenn er auf die ungewöhnliche Aktion angesprochen wird. Sein Gemeinderat wolle einfach gut vorbereitet sein, wenn er das Rathaus verlasse, sagt Albert Schindler (parteilos). Mehr als 30 Jahre ist es her, da sei sein Amtsvorgänger in Kur gefahren und vier Wochen später im Sarg zurückgekommen. Schindler, damals Kämmerer, galt als der geborene Nachfolger. Bei der Wahl erhielt er zwei Drittel der Stimmen.

Seither wurde er dreimal mit großen Mehrheiten wiedergewählt. „Wir sind hier alle per Du, aber wenn jemand dabei ist, sagen wir Sie“, beschreibt der geborene Empfinger seinen Führungsstil. „Bei mir gibt es keine Vetterleswirtschaft.“ Doch jetzt ist Schluss. Im Dezember wird der leutselige Schultes 68 Jahre alt. Zwar dürfen Bürgermeister seit 2015 auch jenseits der Altersgrenze weiter amtieren. Das gilt aber nicht für „Altfälle“, wie Schindler einer ist.

Xaver Kleindienst bittet auf die Terrasse

Es mag an dieser langen Zeit liegen, dass die Aussicht auf die am 15. Oktober anstehende Wahl den Gemeinderat ein wenig nervös gemacht hat. Vor einem Jahr bei einem informellen Treffen auf der heimischen Terrasse sei man auf die Idee mit dem Riesenplakat und dem Film gekommen, erzählt der stellvertretende Bürgermeister und Gemeinderat der Unabhängigen Bürgerliste, Xaver Kleindienst. Immer wieder höre man ja davon, wie schwer es sei, gute Kandidaten zu bekommen. Viele junge Leute schreckten vor den Anforderungen des Amts und dem Verlust an Privatheit zurück. Oft würden sich Berufsfremde bewerben. „Wir wollen aber eine echte Auswahl haben“, sagt Kleindienst.

Paul Witt, der als Rektor der Verwaltungshochschule in Kehl viele angehende Bürgermeister ausbildet, ist angetan. Von so einer kreativen Aktion habe er noch nie gehört, aber sie sei gut. Allerdings hege er leise Zweifel, ob mit einem Plakat an der Autobahn die richtige Zielgruppe erreicht werde. Da könnte sich auch ein Versicherungsvertreter angesprochen fühlen. „Wer sich für eine Kandidatur interessiert, wird zwangsläufig in den ‚Staatsanzeiger‘ schauen“, sagt Witt. Das weiß man natürlich auch in Empfingen. Die entsprechende Anzeige erscheint in dieser Woche.

Der Gemeinderat packt selber an

Im Gemeinderat hat die Aktion auf jeden Fall schon einmal den Teamgedanken gestärkt. Das Werbebanner habe man mit zwei geliehenen Hubstaplern selbst aufgespannt, sagt Kleindienst. „Wir sind ja auch Schwaben.“ Der neue Bürgermeister darf allerdings durchaus von auswärts kommen. Schließlich geht die Empfinger Stellenanzeige längst bundesweit durch die sozialen Medien. „Fünf Interessenten haben sich schon gemeldet.“

Wilde Wahlen sind eher selten

Laut der baden-württembergischen Gemeindeordnung müssen angehende Bürgermeister mindestens 25 Jahre alt und Deutsche oder EU-Bürger sein. Eine bestimmte Qualifikation wird nicht vorausgesetzt. Dennoch sind 85 Prozent der 1101 Rathauschefs im Land gelernte Verwaltungsfachkräfte. Inzwischen stehen aber auch mehr als 40 Förster und ähnlich viele Polizisten an der Spitze von Rathäusern. Nur in den Großstädten sind auch Juristen und Verwaltungswissenschaftler anzutreffen.

Nach einer Untersuchung der Hochschule Kehl, die zusammen mit der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg einen Großteil der potenziellen Nachwuchsbürgermeister ausbildet, ist die Zahl der Kandidaten bei Bürgermeisterwahlen nicht rückläufig. Meist seien es vier bis fünf, allerdings seien darunter vermehrt Vertreter der Neinpartei, die gar nicht gewählt werden wollen. Manchmal ist die Auswahl aber selbst in Großen Kreisstädten recht dünn. Als in Waldshut-Tiengen 2015 Oberbürgermeister Martin Albers nach 24 Jahren in Pension ging, bewarb sich nur ein Kandidat um die Nachfolge. Eine „wilde Wahl“ ganz ohne Kandidaten gab es vor zwei Jahren in Wieden bei Schönau. Das 600-Einwohner-Dorf im Hochschwarzwald fand dennoch einen neuen Rathauschef, genauer eine Chefin. Eine Gemeinderätin, die schon im ersten Wahlgang von vielen Bürgern auf den Wahlzettel geschrieben worden war, trat im zweiten Wahlgang auch offiziell an und wurde gewählt.