Nachwuchs-Comedian Das Leben und Lachen des Özcan Cosar

Von Andrea Jenewein 

Özcan Cosar ist Comedian mit Leib und Seele. Foto: pilaupictures.com
Özcan Cosar ist Comedian mit Leib und Seele. Foto: pilaupictures.com

Mit Beobachtungsgabe und Humor, mit Schauspiel und Tanz sowie mit Gesang und Gitarre nimmt Özcan Cosar deutsche und türkische Befindlichkeiten unter die Lupe. Das wurde nun belohnt. Der Nachwuchs-Comedian hat den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2013 erhalten.

Stuttgart - Sechs Preise in Folge hat er abgesahnt. Zuletzt erhielt Özcan Cosar den Baden-Württembergischen Kleinkunstpreis. Wie macht er das nur? „Eigentlich fing alles damit an, dass ich Freunden und Bekannten aus meinem Leben erzählte – und sie sich wegschmissen vor Lachen“, sagt der Nachwuchs-Comedian. „Bis heute sind meine Programme stark autobiografisch geprägt.“

Na, dann erzählen Sie mal, Herr Cosar!

„Der erste Film, den ich mit fünf Jahren zusammen mit meinen Eltern gesehen habe, war ‚Der Exorzist‘. Mein Vater las: ‚Freigegeben ab 18‘. Dann zählt er durch, meine Mutter, ich, er: ‚1 , 2, 3 – ach, egal.‘“

1981 kam Özcan Cosar in Bad Cannstatt zur Welt. Er wuchs mit seinen Eltern Emine und Musa, die in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kamen, und seinen zwei Schwestern in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf. „Meine Kindheit war wunderschön. Zazenhausen war idyllisch, und meine Eltern waren immer für mich da“, sagt er.

„‚Hey, du Fisch, Alter, du lebst doch im Aquarium‘ – unter Leuten, die so reden, bin ich groß geworden. Die gibt’s wirklich. Die reden immer so. Ich hatte eine scheiß Kindheit, hey, ich schwör’s euch.“

Als Özcan elf Jahre alt war, zog er mit seiner Familie in den Stadtteil Hausen. Eine harte Gegend, in der schon mal die Reifen von den Polizeiwagen geklaut wurden: „Eine Boulevardzeitung titelte einmal: ‚Hausen – das Drecksloch von Stuttgart‘“, erinnert sich Cosar. Zudem „gab es in Hausen die höchste Rate an Republikaner-Wählern in ganz Baden-Württemberg“, so Cosar. Doch für ihn war Hausen ein Synonym für Glück. „Wir wohnten dort in einer Drei-Zimmer-Wohnung, wir Kinder hatten ein eigenes Zimmer.“ Auch Freunde findet er, seine „Chaotenkumpels“, wie er sie nennt. „Das waren richtig gute Leute: Die wollten die Schule abschließen, eine Ausbildung machen – und dann arbeiten.“ Cosar wurde zu ihrer Hoffnung: „Ich war einer der ganz wenigen in Hausen, die es auf die Realschule geschafft haben.“

„Das türkische Leben war nicht einfach. Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich noch Träume. Ich wollte wie Michael Jackson tanzen, ich wollte ein Star sein. Stattdessen wurde ich beschnitten.“

Mit 15 Jahren entdeckte Cosar den Breakdance für sich, „weil man da auch etwas darstellen konnte, wenn man keine Markenkleidung anhatte – durch das Breakdancen war ich plötzlich überall akzeptiert“. Es wurde zur Sucht. Mit seiner Truppe Dynamic ­Moves übte er täglich drei bis vier Stunden, nahm erst an nationalen und dann an internationalen Wettbewerben teil. Mit knapp 18 Jahren fing er an, bei der Tanzschule Burger und Schäfer nebenher Breakdance zu unterrichten. Nach seinem Realschulabschluss hatte er ein Jahr lang das Berufskolleg besucht und arbeitete dann als Operator für Laserdruck. Doch sein Vater drängte ihn, eine Ausbildung zu machen. Er entschied sich, Zahnarzthelfer zu werden.

„Ich war der einzige Typ auf der Schule. Aber irgendwann habe ich mich integriert: Ich habe mir die Fingernägel angemalt, die Augenbrauen ­gezupft, und nach zwei Monaten habe ich meine Tage gekriegt.“

Cosar erinnert sich an seine Abschlussfeier: „Da erhielt ich den Zahnarzthelfer­innenbrief. Das war zu viel. Ich bin zum Rektor hin und habe zu ihm gesagt: ‚Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!‘“ Nachdem er den korrigierten Brief in der Tasche hatte, entschied er sich, dass dies genug der Absicherung sei – und er sich nun wieder auf das Tanzen konzentrieren konnte. Nebenher verdiente er sein Geld in der Gastronomie. Er jobbte in der Marshallbar in der Innenstadt.

„Die Gäste hingen wie Psychos an der Scheibe und haben überlegt, ob sie reinkommen sollen. ‚Ja, Schatzi, komm, ich kann mich mit dem Holz identifizieren.‘“

In der Marshallbar entdeckte Cosar sein Talent, andere zum Lachen zu bringen – dort erzählte er den Freunden und Bekannten nach Kneipenschluss Geschichten aus seinem Leben. Ein Kumpel fragte ihn daraufhin, ob er nicht den Breakdance-Wettbewerb „Battle of the Month“ moderieren wolle. Er wollte – und machte dies fortan regelmäßig. Dann fragte ihn Tolgay Moralioglu, der Besitzer der Corsobar, ob er nicht zusammen mit seinem Freund und Kollegen Yavuz Köroglu einmal im Monat Standup-Comedy in der Corsobar zeigen wolle. „Da musste ich mich zum ersten Mal hinsetzen und ein Programm schreiben“, erinnert sich Cosar. Am Tag der Aufführung war es dann aber sein „Notinstinkt“, der ihn rettet: „Ich muss mit dem Publikum auf Tuchfühlung gehen, ich muss merken, wie es reagiert – und dann entsteht eher Freestyle.“ Gleichzeitig machte Cosar eine Sportlehrerausbildung. Seit 2009 arbeitet er als Clubleiter im Kanto Sports im SI-Centrum. Zudem spielte er eine Hauptrolle in dem Stück „Was heißt hier Liebe“ im Theaterhaus.

„Wenn man verliebt ist, ist es schon ein bisschen assi. Die Türken sind eigentlich coole Typen. Aber dann wirst du ganz anders, du singst auf einmal so Lieder.“

2011 lernte Özcan Cosar seine Frau Neslihan kennen. „Ihre Eltern sind türkische Kurden. Die sagten zu mir: ‚Neslihan ist eine Rose – und man muss sie auch so behandeln.‘ Deshalb durften wir uns oft wochenlang nicht sehen“, erinnert sich Cosar. Er fuhr oft zu ihrem Elternhaus, blickte zu ihrem Fenster auf und legte eine Rose auf das Sims. Seit 2012 sind Özcan und Neslihan verheiratet, sie erwarten eine Tochter. Auch beruflich war 2012 ein glückliches Jahr für den Comedian. Sein Bühnenprogramm „Adam & Erdal“ feierte Premiere, und er belegte jeweils den ersten Platz beim Trierer Comedy Slam, bei Kunst gegen Bares, beim Comedy Slam 2012, beim Master Comedy Clash und beim Comedy Clash. Als Krönung erhielt er den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2013.

„Überlegt mal, es würde keine Türken mehr geben in Deutschland.“

Dann wäre Deutschland ärmer – auch um einen großartigen Comedian.

Lesen Sie jetzt