Der Bogenschütze Mete Gazoz holte mit der türkischen Männermannschaft immerhin Bronze. Foto: dpa/Sina Schuldt

Erstmals seit 40 Jahren hat die Türkei keine Goldmedaille gewonnen. Die Regierung schiebt den Sportverbänden die Schuld zu – umgekehrt passiert das auch.

Die Türkei hat zum ersten Mal seit 40 Jahren bei den olympischen Spielen keine Goldmedaille gewonnen. Mit drei Silber- und fünf Bronzemedaille landete das 85-Millionen-Einwohner-Land im Medaillenspiegel nur auf Platz 64 – und schnitt damit mehr als 20 Ränge schlechter ab als bei Olympia in Tokio. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan räumt den Misserfolg zwar ein, schiebt die Schuld aber den Sportverbänden zu. Die Opposition hingegen wirft Erdogans Regierungspartei AKP dagegen vor, sie sei nach zwei Jahrzehnten an der Macht für den Kahlschlag in Bildung und Sport verantwortlich. Und dies haben nun zum Debakel geführt.

 

Zuletzt war die Türkei 1984 in Los Angeles bei den Goldmedaillen leer ausgegangen. Danach gab es für die türkischen Sportler und Sportlerinnen bei den olympischen Spielen mindestens eine Bestplatzierung, doch jetzt siegte die Türkei kein einziges Mal. In einigen Bereichen sei das Land in Paris völlig untergegangen, kommentierte der Sportsender NTV-Spor. Von den 16 türkischen Teilnehmern bei den Leichtathletik-Wettbewerben seien nur zwei in die Endrunden gekommen und hätten mit einem fünften Platz das beste Ergebnis erreicht. Medaillen gab es nur beim Schießen, Boxen, Ringen, Taekwondo und Bogenschießen.

Opposition drängt auf Ursachensuche im Parlament

Die Bilanz sei auch eine Niederlage für Erdogans Regierung, sagt Selim Koru, Türkei-Experte an der US-Denkfabrik FPRI und Autor des Blogs Kültürkampf. Schließlich habe die politische Führung das 21. Jahrhundert zum „Jahrhundert der Türkei“ erklärt und den Aufstieg des Landes zur Großmacht versprochen, sagte Koru unserer Zeitung.

Sportliche Erfolge seien noch aus einem anderen Grund wichtig, meint Koru: „Die neue Führungselite der Türkei wird von einem großen und einflussreichen Teil der Bevölkerung immer noch nicht als vollständig legitim angesehen. Ich glaube, sie betrachtet den Sport als Bereich, der diesen Widerstand aufweicht.“ Alle Türken seien begeistert von Siegen bei sportlichen Großereignissen.

Das weiß auch der türkische Sportminister Osman Askin Bak. Das Land sei in Paris unter den Erwartungen geblieben, musste der Minister einräumen. Jetzt müssten die richtigen Lehren aus der „ernsten Botschaft“ gezogen werden. Türkische Sportler brauchten ein professionelleres Umfeld. Die Regierung treffe allerdings keine Schuld, sagte Bak. Der Staat habe den Sportverbänden die besten Voraussetzungen zur Verfügung gestellt. „Das sind Möglichkeiten, die es in vielen Ländern nicht gibt.“ Der Minister will nun einen Führungswechsel bei den Verbänden.

Die Opposition sieht das anders. Statt eine gute Infrastruktur für die Sportler zu schaffen, habe die Regierung viel Geld mit Bauaufträgen für Erdogan-treue Unternehmen verpulvert, kritisierte Deniz Yücel, Sprecher der CHP, der größten Oppositionspartei der Türkei. Der CHP-Abgeordnete Tuncay Özkan sieht einen „fürchterlichen Abgrund“ zwischen den erfolgreichen Sportnationen und der Türkei. Er will im Parlament untersuchen lassen, wer für das Problem verantwortlich ist und wie es gelöst werden kann.

Beneidenswerte Chinesen

Erdogans Regierung sieht sich schon lange dem Vorwurf ausgesetzt, auf religiöse Bildung zu setzen und andere Bereiche zu vernachlässigen. Dies wird nach Olympia besonders in den sozialen Medien thematisiert. Ein Nutzer auf der Social-Media-Plattform X etwa stellte ein Video vom sportlichen Leistungstraining chinesischer Kinder einem Bild türkischer Jungen und Mädchen beim Koran-Unterricht gegenüber, versehen mit der Bemerkung: „Mensch, was für ein Glück diese Chinesen haben!“