Ungewohntes Bild: Der Nightjet legt bis Ende des Monats einen Halt am Böblinger Bahnhof ein. Foto: Stefanie Schlecht

Seit Freitagabend und bis Ende August können Fahrgäste täglich in Böblingen in einen Nachtzug zusteigen – und am Morgen in Berlin aufwachen. Eindrücke von der Premiere.

Der Mann im dunklen Hemd hat es eilig. Wer will es ihm auch verdenken? Die Verbindung, die er am Böblinger Bahnhof zu später Stunde anpeilt, fährt nicht alle zehn, 15 oder 30 Minuten. Sondern nur einmal täglich und das auch nur vorübergehend. Mit einem Rucksack auf den Schultern und einem Koffer samt Ticket in den Händen läuft Tobias Brauer also in schnellen Schritten an Gleis 5 entlang. Ein kurzer Austausch mit dem Personal, dann steht fest: Seine ausgedruckte Karte ist korrekt, der Fahrgast völlig richtig.

 

Das heißt in seinem Fall, dass er am Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen angekommen ist. Deren Nachtzug wird wegen Bauarbeiten bei der Deutschen Bahn bis Ende August umgeleitet – und Böblingen wird seit Freitag neben anderen Städten für wenige Wochen zum Halt. Und zur willkommenen Mitfahrgelegenheit für Tobias Brauer, der aus der Kreisstadt kommt.

„Ich bin Bahn-Fan und arbeite auch in der Branche. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen“, erklärt der 43-Jährige in der recht kurzen Zeit zwischen Ankunft und Einstieg, warum er die Gelegenheit am Freitagabend nutzt – und fügt noch hinzu: „Ich wollte eh mal wieder nach Berlin.“

Tobias Brauer aus Böblingen verbrachte ein verlängertes Wochenende in der Hauptstadt. Foto: Stefanie Schlecht

Mit einem Nachtzug fährt Tobias Brauer, der nach dem Ausschlafen auf ein verlängertes Wochenende in der Hauptstadt blickt, nicht zum ersten Mal. „Es ist eine besondere Art des Reisens“, beschreibt er den Aufenthalt. Wenig später verabschiedet sich der Fahrgast in einen der Waggons des Nightjets, an dessen größtenteils dunkelblauem Design einem ein roter Balken ins Auge sticht. Direkt darüber reihen sich die zahlreichen Fenster auf.

Kein Trubel am Böblinger Bahnhof

Etwa eine halbe Stunde, bevor Tobias Brauer einsteigt, erkunden um 23.14 Uhr erste Blicke zwischen den Vorhängen der stehenden Waggons hindurch die Haltstelle. Die Reisezugwagen kommen am Böblinger Bahnhof nicht auf Gleis 2 an. Und auch nicht planmäßig um 23.52 Uhr, sondern deutlich früher. Bislang habe es keinen Halt in Deutschland gegeben, informieren die Mitarbeiter vor Ort. Daher steht der Zug nun eben etwas länger in der Kreisstadt.

Wo sonst tagsüber zumindest zeitweise viel Trubel herrscht, ist an diesem lauen Sommerabend wenig los. Daran ändert der außergewöhnliche Besuch aus Österreich nicht wirklich etwas. Er wird bei seinem ersten Halt in Böblingen kaum von Fahrgästen wahrgenommen. Vielleicht wegen fehlender Kenntnis der vorübergehenden Alternativroute, wegen der späten Abfahrtszeit und Reisedauer oder einfach aus Zufall. „Ich wusste gar nicht, dass hier ein Nachtzug fährt“, meint eine Frau verwundert, die aus München kommt und an dem Abend aus anderen Gründen an Gleis 5 steht. Womöglich geht es vielen Bewohnern aus dem Kreis Böblingen ähnlich.

Viele Fahrgäste wissen allerdings von der etwas anderen Reisemöglichkeit – und nutzen sie auch, wie der Zugchef versichert: „Nachtzüge sind gerade sehr gut ausgelastet.“ Der Hauptverantwortliche steht während des rund 45-minütigen Aufenthalts mit seinen Kollegen am Bahnsteig und behält das Schienenfahrzeug aufmerksam im Blick. Logisch, denn „dem Personal geht es um Ordnung und Sicherheit“, erklärt ein Zugbegleiter der Deutschen Bahn, die im Nachtverkehr mit den Österreichischen Bundesbahnen kooperiert.

Entlang des Triebwagens und der fünf Nightjet- sowie zwei IC-Waggons, vor denen vereinzelte Fahrgäste den Halt für eine Zigarette nutzen, bleibt es in Böblingen jedenfalls ruhig. Um kurz vor Mitternacht setzt sich der Nightjet dann wieder in Bewegung. Das nächste außergewöhnliche Zwischenziel heißt Ludwigsburg.

Etwa 45 Minuten lang hielt der Nightjet in der Kreisstadt. Foto: Stefanie Schlecht

Im Inneren des Zuges ist die Geräuschkulisse ähnlich wie am Bahnsteig: kaum vorhanden. Den Schluss des Schienenfahrzeugs bilden die beiden IC-Sitzwagen. Einmal zweite Klasse, einmal erste. Den einen helfen Bücher und Bildschirme beim Zeitvertreib, die anderen versuchen es mit Schlaf. Augen zu – und ab durch die Bundesrepublik.

Es riecht dort, wie es eben riecht, wenn sich viele Leute längere Zeit in einem geschlossenen Raum aufhalten. Etwas privater wird es, geht man vor in Richtung Nightjet. Wobei es gelernt sein will, den schmalen Flur während der Fahrt halbwegs gerade zu beschreiten. Rechts befinden sich die Liegewagen. Nur ganz vereinzelt dringt aus den Abteilen für bis zu sechs Personen gelbliches Licht auf den Gang. Ansonsten ist es recht dunkel.

Vom Liege- bis zum Schlafwagen

Weiter vorne sind die Komfortliegewagen angesiedelt. Von nun an dämpft ein Teppich im Gang die Schrittgeräusche, auch die Türen sind massiver und neuer. Abschließend folgen die Schlafwagen, mit denen die bequemste, aber auch teuerste Reise möglich ist. Die dauert in der Nacht noch eine ganze Weile an. Pünktlich um 00.45 Uhr fährt der Nightjet in Ludwigsburg ein, wo ein regeres Treiben herrscht als am vorherigen Bahnhof. Mehrere Personen steigen zu, andere warten. Wenig später wird der Nachtzug nach Hamburg dort erwartet.

Der legt in Böblingen keinen Halt ein. Das kann Tobias Brauer aber verschmerzen. Der Bahn-Fan will ja mal wieder in die Hauptstadt. Und er hat Glück, dass er nicht einen Tag später reisen will. Denn diese Verbindung fällt aus, ebenso wie von Berlin aus am Montag. Aber für den Heimweg hat der 43-Jährige wegen der frühen Ankunftszeit am Morgen sowieso vor, mit anderen Bahnen zu reisen.

Schließlich soll die Fahrt mit dem Nightjet ja etwas Besonderes bleiben.

Mit dem Nachtzug aus Böblingen nach Berlin – und umgekehrt

Alternativroute
Weil es bei der Deutschen Bahn auf der Strecke zwischen Karlsruhe und Freiburg bis zum Monatsende zu Bauarbeiten kommt, wird der Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen vorübergehend umgeleitet – was der Region zwei Haltestellen verschafft. Denn auf dem Weg von Zürich nach Berlin und zurück hält der Nachtzug bis Ende des Monats nun unter anderem in Böblingen und Ludwigsburg. Auch Singen (Hohentwiel) und das schweizerische Schaffhausen werden zum Zwischenziel des Nightjets.

Hinreise
Am Böblinger Bahnhof kommt die Bahn laut Plan täglich um 23.52 Uhr an und fährt um 23.57 Uhr ab. Letztmals soll das am 29. August der Fall sein. In Ludwigsburg soll sie jeweils um 00.45 Uhr für zwei Minuten stoppen. Über die Stationen Fulda, Leipzig und Bitterfeld sowie das Berliner Südkreuz erreichen die Fahrgäste den Hauptbahnhof der Millionenstadt. Bis zum Donnerstag, 15. August, soll der Nightjet dort um 10.02 Uhr ankommen, ab dem Tag darauf dann um 9.36 Uhr.

Rückreise
Wer seinen Heimweg auf dieselbe Weise beschreiten will, der kann das bis am 27. August vom Berliner Hauptbahnhof aus machen. Abfahrt soll an den meisten, aber nicht an allen Tag um 21.01 Uhr sein. Die Bahn kommt gemäß Plan um 6.18 Uhr in Böblingen an. Ludwigsburg soll der Nightjet zuvor um 5.27 Uhr erreichen.