Dank der Kooperation mit der ÖBB ist auch Berlin wieder ans Nachtzugnetz angeschlossen. Foto: IMAGO//Laurie Dieffembacq

Der deutsche Schienenkonzern hat die eigenen Schlafwagen zwar abgeschafft. Aber nach Kritik und politischem Druck unterstützt die Deutsche Bahn nun die Nightjets der Österreichischen Bundesbahnen tatkräftig. Die Kooperationen sollen ausgebaut werden.

Seit einem halben Jahr ist der neue Nachtzug zwischen Berlin und Paris sowie Brüssel unterwegs. Die Deutsche Bahn zieht als einer von vier Kooperationspartnern eine positive Zwischenbilanz: „Wir sind mit Kundennachfrage und Buchungszahlen sehr zufrieden“, sagt ein Sprecher. Die Auslastung sei ähnlich hoch wie bei der Verbindung Wien – Paris.

 

DB hat Nachtzugflotte abgeschafft

Beim Start des Nightjets der Österreichischen Bundesbahnen im Dezember schwärmte DB-Chef Richard Lutz, der Nachtzug stehe „für klimafreundliches Reisen und ein vernetztes, grenzenloses Europa“. Man sei „stolz darauf, Teil der europäischen Nachtzug-Allianz zu sein“. Noch vor einigen Jahren gab es ganz andere Aussagen – da schob das größte Bundesunternehmen seine Nachtzugflotte komplett aufs Abstellgleis, ohne dass die damalige Regierung Merkel intervenierte.

Die Hotels auf Schienen seien unrentabel, Investitionen lohnten sich nicht, hieß es damals. Die ÖBB übernahm gleichwohl einen Teil der Verbindungen sowie DB-Schlafwagen, bestellte neue Züge bei Siemens und zeigt seither, wie es besser geht. Die Österreicher sind Marktführer in Europas Nachtzugverkehr und profitieren dabei von vielen Kooperationen. Nach viel Kritik und politischem Druck unterstützt auch der DB-Konzern die Nightjets der Konkurrenz tatkräftig.

DB: Teamplay statt Einzelkämpfer

Doch welchen Beitrag leistet die DB konkret? „Wir stellen Lokführer, Zugbegleiter und Loks, organisieren die Trassen-, Stations- und Energienutzung auf deutschem Gebiet und spielen im Vertrieb eine wichtige Rolle“, beschreibt ein Sprecher die mittlerweile beachtliche Kooperation. Im Wettbewerb der Bahn mit Auto und Flieger brauche es Teamplay statt Einzelkämpfer. Auch bei Produktionskonzepten und Streckenentwicklung arbeite man eng mit der ÖBB zusammen. So lässt die DB eigene Sitzwagen bei den Nightjets mitfahren, zahlt dafür einen Ausgleich und vermarktet die Tickets.

Schon 2022 seien mit Unterstützung der DB rund 6500 Züge mit Schlaf- und Liegewagen durch Deutschland gefahren, betont der Sprecher. Voriges Jahr sei die Marke von 7000 Zügen überschritten worden. Und im Fahrplan 2024 sind den Angaben zufolge rund 7200 Züge mit Schlaf- und Liegewagen eingeplant. Dabei ist zwar die ÖBB bei allen Verbindungen bis auf München – Warschau laut Vertrag Betreiberin und Beförderer. Auf deutschem Gebiet aber übernimmt die DB die Rolle des betriebsführenden Eisenbahnverkehrsunternehmen.

Konzern trägt Hälfte der Kosten

Die Frage, welche wirtschaftlichen Risiken die DB dabei konkret trägt, antwortet der Konzern nur ausweichend. Das im letzten Jahr bekannt gegebene erweiterte Kooperationsmodell mit der ÖBB sehe jedenfalls „eine noch stärkere Teilung der wirtschaftlichen Chancen und Risiken vor“. Damit werde ein stabiles Rahmenwerk geschaffen, „um Kapazität und Angebot nachfragegerecht auszubauen und die Qualität weiter zu verbessern“. Konkret verantworte die DB auf deutschem Gebiet „in etwa die Hälfte der Wertschöpfungskosten“.

Wirtschaftliche Herausforderungen

Ohne solche Kooperationen wären die kostenintensiven rollenden Hotels kaum wirtschaftlich zu betreiben. „Langlaufende internationale Verkehre in Europa sind durch durchschnittlich geringere Erlöse bei gleichzeitig höheren Kosten geprägt“, heißt es bei der DB mit Blick auf die unterschiedlichen Technik und Regeln der EU-Länder im Bahnverkehr. Diese operativen und wirtschaftlichen Herausforderungen seien „für ein Bahnunternehmen allein häufig nicht vertretbar“.

Daher werde man die Partnerschaften für die Zukunft des Nachtzugs kontinuierlich und deutlich ausweiten, betont der DB-Sprecher. Denn aufgrund seiner Größe und geografischen Lage im Herzen Europas sei ein europäisches Nachtzugnetz ohne Deutschland nicht denkbar: „Dieser wichtigen Rolle sind wir uns bewusst.“

ÖBB profitiert von staatlichen Hilfen

Vor allem die ÖBB profitiert als Marktführer vom veränderten politischen Klima. Mit dem Boom der Billigflieger galt das einst europaweite Nachtzug-Netz lange als überflüssig. Erst die verschärfte Klimadebatte führte zum Umdenken und auch in Deutschland zur späten Erkenntnis, dass die Bahn viele umweltschädliche Flüge ersetzen kann. Seither wird auch hierzulande der Nachtverkehr auf der Schiene etwas besser unterstützt. So muss für Züge mit mindestens einem Liege- oder Schlafwagen durchgehend nur ein halb so hoher Trassenpreis pro gefahrenem Kilometer gezahlt werden wie im Tagesverkehr.

Andere Länder wie Belgien haben Nachtzüge per Gesetz vorläufig ganz von den hohen Trassen- und Energiekosten auf dem dortigen Streckenanteil befreit und übernehmen die Kosten. Frankreich bezuschusst die neue ÖBB-Linie von Berlin nach Paris und hat in den letzten Jahren einige nationale Nachtzugverbindungen wiederbelebt, zum Beispiel von Paris nach Toulouse und nach Nizza. In Österreich profitieren auch Nightjets von den dortigen Zuschüssen für gewünschte Fernverkehrslinien, die der Staat ausschreibt, bestellt und falls nötig subventioniert.

Wien als Drehkreuz im Nachtverkehr

Während die DB mit ihrer früheren Nachtzugflotte angeblich dauerhaft Verluste einfuhr, betont die ÖBB, dass ihr Nachtverkehr profitabel sei. Über das Drehkreuz Wien verbinden mehr als drei Dutzend Nightjets zahlreiche Städte in Mitteleuropa, seit Ende 2023 auch erstmals seit vielen Jahrzehnten mit brandneuem rollendem Material. Die ÖBB hat für mehrere hundert Millionen Euro 33 neue Nightjets mit Sitz-, Liege- und Schlafwagen bei Siemens bestellt, die veraltete Züge ersetzen und ein größeres Angebot ermöglichen sollen. Die ersten neuen Nightjets mit mehr Privatsphäre und Laufruhe sind zwischen Hamburg, Innsbruck und Wien unterwegs. Noch weitgehend mit alten Waggons unterwegs ist der in Stuttgart startende Nachtzug, dessen verschiedene Teile die Ziele Wien/Budapest, Zagreb und Venedig ansteuern.