Pfarrer Ralf Vogel. Foto: Max Kovalenko

Am Sonntag geht es wieder in die Kirche. Abends, um 19 Uhr. Abends? Ja. Denn Ralf Vogel lädt wieder zu seiner „Nachtschicht“. Dieses Mal zu Gast: Soziologe Hartmut Rosa.

Am Sonntag geht es wieder in die Kirche. Abends, um 19 Uhr. Abends? Ja. Denn Ralf Vogel lädt wieder zu seiner „Nachtschicht“. Dieses Mal zu Gast: Soziologe Hartmut Rosa.

Stuttgart - Herr Vogel, Sie waren gerade erst im Allgäu, also inmitten der schönsten Natur. Waren Sie dort glücklich?
Ja, absolut glücklich!
Ich frage, weil Ihr nächster Nachtschicht-Gast, der Soziologe Hartmut Rosa, behauptet, der Mensch brauche die Natur als „Resonanzsphäre“, um glücklich zu sein. Sie auch?
Das ist bei mir in der Tiefe der Seele so. Darum war ich auch so begeistert von dieser Beschreibung von Hartmut Rosa. Ich habe mich durch und durch verstanden gefühlt. Allein schon, wenn ich in den Schnee schauen kann und so viel weiße Fläche mich umgibt: Ich spüre, wie das den ganzen Körper, den ganzen Vogel verändert. Wie man da auf Empfang geht, Vogelstimmen hört. Wie man die Luft spürt – man atmet ganz anders als in der Großstadt.
Warum haben Sie für die 13. Nachtschicht das Thema Natur gewählt?
Eigentlich muss man andersrum fragen: Warum habe ich es erst jetzt gewählt. Meine Mutter brach – seitdem ich denken an – immer in Tränen aus, wenn sie sah, wie die Natur zerstört wird. Ich bin ein Herzens-Grüner der ersten Stunde, wenn auch kein Parteimitglied. Aber wenn ich nur daran denke, was den Grünen da für ein Shitstorm entgegen gekommen ist, wegen des Veggie Days! Das Thema ist so belastet mit Besserwisserei, mit der Angst, dass man Leute bevormundet oder ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Das ist der völlig falsche Ansatz.
Was ist der richtige??
Zu zeigen, dass es verdammt ernst ist: Wir machen diese Welt, wir machen diesen Resonanzraum kaputt. Aber gleichzeitig ist die Kunst, das Thema anzugehen, ohne dass die Leute sagen: Oh, jetzt will mir mal wieder jemand mein Vergnügen nehmen. Es geht nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um ein ganz, ganz schönes Thema.
Sie haben auch den Kabarettisten Stefan Waghubinger eingeladen, der sagt: „Wenn die Natur hier mit uns leben will, ja dann muss die sich halt anpassen.“
Ja, genau, die Kabarettisten habe ich eingeladen, um zu zeigen, dass es nicht nur ein tierisch ernstes Thema ist, sondern dass man es mit Humor angehen muss. Dann erreichen wir auch bei den Menschen viel mehr.
Sie sind selbst Vegetarier . . .
Ich war Vegetarier – und zwar so lange es praktisch nicht möglich war, Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu bekommen. Seitdem das relativ unproblematisch möglich ist, esse ich wieder Fleisch. Das kostet dann natürlich was, aber das Geld ist es auch wert. Wir essen eben weniger. In meinen Kühlschrank kommt nur tote Tiere, die vorher ein artgerechtes Leben hatten. So habe ich mir eine Lyoner vom Rinderflüsterer von Ostdorf, Ernst-Hermann Maier gekauft. Vom Uria-Rind.
Der auch Gast bei der Nachtschicht sein wird.
Ja, ich freue mich sehr auf ihn und seine Tochter. Und ich freue mich auch, solche Landwirte, die sich für artgerechte Tierhaltung einsetzen, mit meinem Kauf der Lyoner unterstützen zu können. Die schmeckt übrigens noch besser, wenn man weiß, dass das Tier ein würdiges Leben hatte. Dann darf es aus meiner Sicht auch sterben. Das kann man aber mit großem Recht auch anders sehen.
Auch bei dem Thema Natur hatten sie bisher wieder eine volle Kirche. Das ist heute selten. Wie schaffen Sie das?
Das sind viele Gründe. Für viele, die zum ersten Mal kommen, ist ein besonders interessanter Gast das Argument zu kommen. Außerdem werben wir massiv. Das ist auch richtig so. Die Menschen haben so wenig Zeit, sie müssen wissen und sich überlegen, wofür sie sich Zeit nehmen. Außerdem kommen ganz viele wieder, weil es Ihnen gefallen hat.
Wie kommen Sie an ihre Gäste? Wie schaffen Sie es, dass etwa ein Joachim Gauck zusagt?
Das sind zwei Dinge. Zum einen sieht man natürlich nur, wer kommt – und nicht meine vielen Absagen. Zudem bin ich nachhaltig. Wenn mir jemand absagt, aber bedeutet, dass er generell interessiert ist, gehe ich wieder auf ihn zu. Gauck hatte ich schon einmal zum Thema Feindesliebe angefragt. Damals hat er sehr freundlich geantwortet, dass ihm, da er kein Pfarrer mehr sei, zu dem Thema nichts mehr einfallen müsse – und ihm dazu auch immer weniger einfallen würde. Zum Thema Politik und Macht kam er dann aber.
Und warum ist es eine Nachtschicht – also ein Abendgottesdienst?
Weil die Menschen da viel mehr Zeit haben. Die Nachtschicht geht zwei Stunden. Ich hatte einen Gottesdienst zum Thema Engel mit meditativen Elementen, und ich habe gesehen, wie die Menschen die Augen schlossen und sich zurückgelehnt haben. Mir war klar, das würden sie sonntagmorgens nie hinkriegen. Da wissen sie, der Sonntagsbraten muss in den Ofen, der Familienausflug will noch gemanagt werden. Sie sind so unruhig, dass meine Frau, die auch Pfarrerin ist, und ich auf die Stoppuhr schauen, wie lange die Predigt dauert, damit wir eine bestimmte Zeit auf keinen Fall überschreiten.
In Ihrem Programmheft schreiben Sie, dass Sie nun endlich den passenden Untertitel gefunden haben, nämlich Kirche im Gespräch. Wird in der Kirche sonst zu wenig kommuniziert?
In der Kirche wird sehr viel geredet, aber die Nachtschicht hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen ins Gespräch zu bringen – und Kirche ins Gespräch zu bringen. Nach der Nachtschicht stehen 200 Menschen zusammen, reden, trinken und essen. Ein katholischer Priester sagte mir, dass für die Katholiken klar sei, dass die Kneipe und die Kirche zusammen gehören: Erst isst man den Leib Christi, dann geht man in die Kneipe und trinkt ein Bier. Das können wir in der Andreaskirche beides möglich machen.
Und das funktioniert?
Gauck hat nach der Nachtschicht stundenlang mit Besuchern gesprochen, bis er sagte: Herr Pastor, bringen Sie mich ins Bett!
Sie wirken nicht mehr als Pfarrer in Obertürkheim. Fehlt Ihnen Ihre Gemeinde?
Zum Glück muss ich nicht ganz auf die Gemeinde verzichten, da ich über die Konfirmandenarbeit weiterhin mit Obertürkheim verbunden bin. Aber die Qualität eines Pfarrers zeigt sich vor allem in der Seelsorge und bei Beerdigungen. Das fehlt mir schon, ich vermisse diese intensive Begleitung.
Sie werden manchmal als Entertainment-Pfarrer bezeichnet. Sehen Sie das als Kompliment?
Ich höre das gerne. Ich will die Menschen unterhalten und auch die mit ins Geschehen hineinnahmen, denen ein Gottesdienst fremd ist. Da braucht es solche Fähigkeiten – und die sollte aus meiner Sicht jeder Pfarrer haben. Die Nachtschicht wird teilweise dafür kritisiert, dass sie ein Event sei. Ich sage: Ja, jeder Gottesdienst ist ein Event. Die Menschen sollen etwas Begeisterndes erleben.
Sie sind also ein Tausendsassa – wie entschleunigen Sie, um noch einmal auf Hartmut Rosa zurückzukommen?
Das ist lustig, weil selbst dem Entschleunigungs-Theoretiker Hartmut Rosa damit die größten Schwierigkeiten hat. Und so ähnlich geht es auch mir. Ich habe aber das große Glück, dass ich eine halbe Stelle habe. So darf ich kochen, meine Kinder zuhause begrüßen und für sie da sein. Solange meine Kinder im Haus sind, ist das mein großes Glück und meine Rettung. Das entschleunigt mich, weil ich merke, dass es auch noch etwas anderes gibt neben der Arbeit.
Und wenn Ihre Kinder aus dem Haus sind?
Dann werde ich wohl große Schwierigkeiten haben. Letztlich wäre es dann wieder die Natur, die mich entschleunigen würde, das Spazieren- oder Schwimmengehen. Das ist in Stuttgart allerdings ein bisschen schwierig. Da eignet sich das Allgäu mehr.

Die Nachtschicht mit Hartmut Rosa, Stefan Waghubinger und dem Ludwigsburger Blechbläser Quintett findet am 16. März um 19 Uhr in der Andreaskirche Obertürkheim, Heidelbeerstraße 5, statt.

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