Nachtschichtpfarrer Ralf Vogel (li.) und IT-Comedian Tobias Schrödel Foto: Lichtgut/Schmidt

Die Gottesdienstreihe Nachtschicht hat wieder begonnen: In der Andreaskirche von Stuttgart-Obertürkheim sprach der IT-Experte Tobias Schrödel zum Thema „An der Datengrenze“. Der Fachmann gab einige Tipps.

Stuttgart - Klein, Schlappohren und sanfte dunkle Augen: Das Hündchen, das der Fachinformatiker Tobias Schrödel, bekannt als „Deutschlands erster IT-Comedian“, auf eine Leinwand beamte, löste wohl bei den meisten Besuchern der voll besetzten Andreaskirche Knuddelgefühle aus. Aber so ein Hundebaby, genauer das Foto von ihm auf Facebook, hat auch Schattenseiten. Es liefert Daten, die allerlei Rückschlüsse auf sein Herrchen zulassen. „In dem Bild stecken Meta-Infos, beispielsweise der Längen- und Breitengrad vom Ort, wo es fotografiert wurde, auch wer es hochgeladen hat“, erklärte Schrödel. Er zeigte, wie über die geografischen Koordinaten die Adresse, die Telefonnummer und der Name des Halters ermittelt werden können. Und wer auch noch Gegend, Grundstückswerte sowie Zusatzrecherchen im Internet ins Kalkül zieht, der kann sogar herausfinden, welchen Hobbys das Herrchen wohl nachgeht, was er beruflich macht oder wie viel er wohl verdient. Informationen, die normalerweise keiner rausgeben würde mit dem Verweis auf Datenschutz. „Das Problem sind nicht einzelne Daten. Interessant wird es, wenn man sie anreichert und korreliert, also in Zusammenhang bringt“, erläuterte so der IT-Experte.

Mit seinem brandaktuellen Thema war er Gast der ersten Ausgabe der Nachtschichtreihe 2018. Diese Spätgottesdienste der Evangelischen Kirche Stuttgart, die unter einem Jahresmotto stehen und statt Predigt ein Gespräch mit einem Gast bieten, haben Tradition. Die ersten fanden im Jahr 2000 zu „Ecce Homo“ statt. Nun beschäftigen sich Nachtschichtpfarrer Ralf Vogel und sein Team mit Themen, die an die Grenzen gehen.

An der Datengrenze

So lautete der Titel des Abends mit Tobias Schrödel, der in Kooperation mit der Jugendkirche gestaltet wurde, „An der Datengrenze“. Dabei sprach der Autor des Bestsellers „Ich glaub es hackt! Ein Blick auf die irrwitzige Realität der IT-Sicherheit“ mit Pfarrer Vogel nicht nur über Schattenseiten und Vorteile des Internets, etwa im medizinischen Bereich, sondern auch darüber, wie man sich schützt. Er riet etwa, keine Fitness-Tracker anzuziehen. Die Daten, die sie vom Körper des Trägers ablesen, würden bald interessant für Versicherer. „Am besten auch andere Suchmaschinen als Google nutzen. Und verschlüsselt alle E-Mails, nicht nur zu eurem Schutz, sondern auch um andere zu schützen, etwa jene in diktatorischen Ländern, die das tun müssen.“ So sei jeder, der seine Nachrichten verschlüssele, für solche Staaten und Geheimdienste interessant. Wenn es aber alle machten, sei das obsolet.

Die zwei Seiten der virtuellen Medaille beschrieb er auch am Beispiel WhatsApp. Der Nachrichtenaustauschdienst verstoße gegen den deutschen Datenschutz, weil der Nutzer einwilligen müsse, alle Adressen des Smartphones zur Verfügung zu stellen. „Da müsste ich nach hiesigem Gesetz jeden Einzelnen fragen. Wer macht das schon?“ Auf der anderen Seite sei aber klar, dass die Jugendlichen ohne WhatsApp oft ausgeschlossen und nicht auf der Grillparty eingeladen seien. Eltern sollten sich daher interessieren und von den Jugendlichen digitale Medien erklären lassen. Es gehe nicht um Verbote, sondern darum, sich bewusst zu sein, was man tue.

Der Algorithmus weiß mehr als der Betroffene

Die vielen Seiten der digitalen Welt – vom sich rund um den Erdball austauschen können bis zum Cybermobbing – thematisierten außerdem die Mitglieder der Jugendkirche. Sie zitierten etwa Äußerungen aus Interviews. „Der Algorithmus weiß mehr über dich als du selbst“ hieß es da oder „Hör doch auf, mein wirkliches Wesen kennt das Internet nicht.“ Wie kreativ man mit digitalen und analogen Instrumenten Musik machen kann, das bewiesen sie in Kooperation dem deutsch-texanischen Cellisten und Komponisten Scott Roller. Er sorgte bei der Nachtschicht mit dem jungen Sindelfinger Pianisten Jonathan Hanke für Klangerlebnisse. Entsprechend brachte Schrödel die digitalen Möglichkeiten auf den Punkt: „Mit Datenwissen kann man die Welt besser machen. Aber man kann es auch für das Gegenteil nutzen. Und es wird immer Leute geben, die viel Geld damit verdienen wollen.“

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