Schauspielerin Esther Schweins im Gespräch mit Nachtschicht-Pfarrer Ralf Vogel. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Andrang war gewaltig. Beim Nachtschicht-Gottesdienst mit der Schauspielerin Esther Schweins wollten viele dabei sein. Die Moderatorin ließ sich auch nicht von einem Missgeschick aus der Ruhe bringen.

Stuttgart - Kein Platz blieb am Sonntag in der Johanneskirche am Feuersee unbesetzt. Für einige Gäste blieben nur Stehplätze, als die Landeskirchenstiftung zum zweiten „Nachtschicht“-Gottesdienst in diesem Jahr einlud. Der Grund für den Andrang: Pfarrer Helmut Liebs von der Landeskirchenstiftung und „Nachtschicht“-Pfarrer Ralf Vogel sprachen mit der Schauspielerin, Moderatorin und Regisseurin Esther Schweins über Schmerzgrenzen und Glücksmomente.

Ralf Vogel witzelte zunächst: „Ich wusste gar nicht, dass in Stuttgart noch so viele Leute gesund sind.“ Auch Esther Schweins trotzte glücklicherweise der Grippewelle, allerdings plagte sie ein Missgeschick, gestand sie: Sie habe das Buch, aus dem sie vorlesen wollte, im Taxi liegen gelassen.

Esther Schweins war im Dezember 2004 mit ihrer Mutter nur knapp dem Tod entronnen. Auf Sri Lanka wurden sie von der Tsunamiwelle erfasst, die Hundertausende das Leben kostete. Noch als ihre Mutter in Deutschland im Krankenhaus war und Schweins sich selbst vom Erlebten erholte, wollte sie zurück, um zu helfen. „Die Leute haben mir gesagt: Sorge dafür, dass man uns nicht vergisst“, sagte Schweins. Seitdem hat sie ihr Leben radikal verändert, beziehungsweise ihr Leben sie, verbesserte sie sich selbst. Sie trennte sich vom Großteil ihres Besitzes, lebte zwischenzeitlich ohne festen Wohnsitz und engagiert sich noch heute für die Tsunamiopfer auf Sri Lanka. Dort habe sie besondere Momente erlebt und die grenzenlose Hilfsbereitschaft von Nichtchristen erfahren.

Schweins: Wir dürfen niemanden ausgrenzen

Ralf Vogel verwies auf eine Schmerzgrenze, die es in Deutschland gebe, wenn es um Menschen mit anderen Mentalitäten aus anderen Kulturen ginge. Das ginge so weit, dass eine Obergrenze für diese verlangt würde. Schweins entgegnete, dass Menschen miteinander reden, sich zusammentun und entgegenstellen müssten: „Es darf nicht sein, dass wir Menschen ausgrenzen. Selbst wenn das schiefgeht, müssen wir das trotzdem tun. Selbst wenn wir uns Gefahr ins Land holen, müssen wir das trotzdem tun.“

Mangels Buch las sie improvisierend mit dem Laptop in der Hand Hermann Hesses philosophisches Gedicht „Stufen“ und aus einem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz, die selbst Grenzerfahrungen in zwei Weltkriegen gemacht hat. Nur über Grenzerfahrungen wüchsen die Menschen über sich hinaus. „In der dunkelsten Stunde liegt das Samenkorn begraben“, sagte sie. Begleitet wurde sie von Patrick Bebelaar am Klavier, Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen.

Nächster Gottesdienst am 15. April

Im vergangenen Jahr verstarb Schweins’ mallorquinischer Ehemann, doch den Humor habe sie auch dann nicht verloren. „Es sind die schlimmen Momente, in denen die besten Pointen passieren“, sagte sie. Humor sei immer ihr Samenkorn des Lebens, sie sei dankbar dafür, dass sie plötzlich lachen könne. Zum Ende des Gesprächs sagte sie unter Tränen, es gebe nur eine Möglichkeit, die Toten zu ehren: „Freu dich, bleib wach, sei ein Segen und zünde so viel Licht an, wie du kannst.“

Zum „Nachtschicht“-Gottesdienst mit dem Thema „Vernunftsgrenze“ lädt Ralf Vogel für Sonntag, 15. April, um 19 Uhr in die Andreaskirche in Obertürkheim ein. Gast ist Geigenbauer Martin Schleske, der über menschliche Allmacht spricht.

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