Erwin Wagenhofer ist am Sonntag zu Gast bei der Nachtschicht Foto: Wagenhofer/Schnur

Pfarrer Ralf Vogel lädt in den kommenden Monaten wieder zu den Nachtschicht-Gottesdiensten. In der Andreaskirche hat er Gesprächspartner (jeweils 19 Uhr) zum Thema Bildung.

Stuttgart - Nicht mehr lange, dann darf die Evangelische Kirche mal wieder frohlocken. Massen an Gläubigen werden beim Kirchentag im Juni die Stadt fluten, und für wenige Tage wird es so wirken, als seien die Protestanten noch so zahlreich wie ehedem in der Stadt. Und die Kirche ein Teil des öffentlichen Lebens. Doch die Wirklichkeit ist eine andere: Die Menschen treten zu Tausenden aus der Kirche aus, und bei Gottesdiensten kann der Pfarrer seine Schäfchen mit Handschlag begrüßen.

Ein solches Willkommen würde Pfarrer Ralf Vogel überfordern. Zu seinen Nachtschicht-Gottesdiensten (19 Uhr) in der Andreaskirche in Obertürkheim kommen die Menschen in Scharen, sie stehen des Abends Schlange, um einen Platz zu finden. Vor einer Kirche, wohlgemerkt. Seit 15 Jahren veranstalten Vogel und sein Team die Reihe, heuer widmen sie sich dem Thema Bildung.

Am 1. März kommt Regisseur Erwin Wagenhofer und spricht mit Vogel über seinen Film „alphabets“. Er widmet sich der Bildung, und wie die Gesellschaft Wissen vermittelt. Etwa in China, wo Schüler dem Druck nicht gewachsen sind: Die häufigste Todesursache bei Jugendlichen ist dort Selbstmord. Ein Professor aus Peking sagt in dem Film: „Die Schüler beneiden ihre Eltern darum, dass sie abends fernsehen und am Wochenende ausschlafen können.“

Klar, China, könnte man, als deutscher, nun ja, Bildungsbürger, sagen, der für sein Kind nur das Allerbeste will. Doch Wagenhofer war auch in Hamburg, zitiert eine Gymnasiastin: „Mein Leben ist die Schule. Etwas muss falsch gelaufen sein. Mein Kopf ist voll, zu voll.“ Ihr sehnlichster Wunsch ist mal wieder die Sonne zu sehen. Was dabei für Menschen herauskommen? Da lässt Wagenhofer einen vielversprechenden Jung-Manager zu Wort kommen: „ Ich plane meine Kinder so, dass sie zeitlich zu meinen Projekten passen!“ Man sieht, es wird viel zu reden geben an diesem Abend.

Man kann Vogel nicht vorwerfen, dass er Scheu vor den großen Themen, den Kontroversen hat. Am 22. März geht es um Inklusion, die Teilhabe Behinderter an der Gesellschaft. Sein Gast an diesem Abend ist der Pfarrer und Kabarettist Rainer Schmidt. Er arbeitet als Dozent bei der Rheinischen Landeskirche. Schmidt ist ohne Unterarme geboren worden. Er hat keine Finger, nur einen Daumen, der auf dem Ellenbogen sitzt. Folgerichtig nennt er sein Kabarettprogramm: Däumchen drehen. Der Mann hat Humor, der wurde ihm offenbar in die Wiege gelegt. Seine Oma habe bei der Geburt gesagt: „Handwerker wird der nicht.“ Dafür Tischtennisspieler. Und zwar ein so guter, dass er zigfacher Deutscher Meister war und einige Goldmedaillen bei den Paralympics gewonnen hat. Seine Auftritte beendet er übrigens gerne mit einem Chor. Am Ende dürfen alle sagen: „Ein Mensch ohne Macke ist Kacke!“

Am 15. April ist Heiner Geißler mal wieder zu Gast in Stuttgart. Er glänzte ja in der Rolle als weiser Schlichter, nach Stuttgart 21 hat er sich nun dem nächsten darbenden Projekt angenommen und widmet sich in seinem neuen Buch „Was müsste Luther heute sagen?“ der evangelischen und katholischen Kirche. Er diskutiert mit der evangelischen Regionalbischöfin in München und Oberbayern Susanne Breit-Keßler. Das ist übrigens gelebte Ökumene, Geißler ist nämlich katholisch.

Am 8. Mai geht die Nachtschicht fremd und ist zu Gast in der Martinskirche im Stuttgarter Norden. Der Hirnforscher, Professor Gerald Hüther, glaubt, dass jedes Kind hochbegabt zur Welt kommt. Allerdings verkümmerten Vernetzungen im Gehirn, die nicht gefördert und gebraucht würden. Er plädiert deshalb für eine umfassende Bildung, die anrege, die eigenen Talente und Begabungen zu entdecken und zu entfalten.

Am 5. Juni wagt sich die Nachtschicht dann ans Tageslicht. und weit nach draußen in die Region. Im Rahmen des Programms des Kirchentages laden Vogel und das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ zu einem Gottesdienst unter freiem Himmel beim Rems-Murr-Klinikum. Es soll dies auch ein Zeichen gegen Gewalt sein. Gesprächspartner zum Thema“ Soziales Lernen“ ist der Soziologe Professor Hartmut Rosa. Der Stuttgarter Kabarettist Stefan Waghubinger ist mit dabei sowie der Sänger Andreas Bourani.

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