Nicht nur tagsüber kommen Rollstuhlfahrer oft nur auf Umwegen weiter, auch in der nächtlichen Clubszene ist ihnen der Weg manchmal versperrt. Foto:  

Ein Zuffenhäuser will mit seinem behinderten Freund in einem Club in der Stadtmitte feiern. Doch der Eintritt wird ihnen verwehrt.

S-Mitte/Stuttgart-Zuffenhausen - Christian Baudenbacher ist seit seiner Geburt an den Rollstuhl gefesselt. Vor etwas mehr als 42 Jahren erblickte er das Licht der Welt. Bei der Entbindung traten Komplikationen auf. Sein Gehirn erhielt zu wenig Sauerstoff. Christian kann nicht sprechen, nicht gehen, nicht alleine stehen. Er muss gefüttert werden und trinkt mit Strohhalm. Kommunizieren kann er – mit einem Sprachcomputer. Sein Geist ist wach, aber eben gefangen in einem Körper, der nicht so kann, wie Christian eigentlich gerne würde.

Mit Freunden ein Bier trinken gehen? Flirten? Zu seiner Lieblingsmusik im Rollstuhl abzappeln? Warum nicht? Christian hat dieselben Bedürfnisse wie jeder andere Mensch auch. Doch die Gelegenheit dazu gibt es nicht allzu häufig. Vor wenigen Tagen war es mal wieder soweit: Es hatte einige Anläufe gebraucht, bis der Termin stand. Freunde hatten sich angekündigt, die er schon viele Monate nicht mehr gesehen hatte. Der Weg führte sie in die Innenstadt. Der Abend begann vielversprechend und sollte ab Mitternacht im ehemaligen Club Schocken – heute Zwanglos – an der Hirschstraße in der Stadtmitte ausklingen.

Was vor dem Club passierte, bezeichnet der Zuffenhäuser Alexander Mak als „echt schwach“. Als er das Zwanglos ohne Probleme betreten hatte, dachte er nicht im Traum daran, dass fünf Minuten später seinem Freund Christian Baudenbacher der Einlass verwehrt bleiben würde. „Ich respektiere das Hausrecht“, betont er. Einem Rollstuhlfahrer aber den Zugang zu einem ebenerdig begehbaren Lokal zu verwehren, nennt er gleichwohl ein „starkes Stück“. Mak fragte nach. Die Türsteher verwiesen auf Sicherheitsbedenken und versicherungsrechtliche Konsequenzen für den Club, sollte der rollstuhlfahrende Gast drinnen zu schaden kommen. „Die Sicherheitsexperten des Zwanglos meinten, es könne ja ein Betrunkener auf ihn fallen. Und im Fußballstadion würde es ja auch extra Bereiche für behinderte Menschen geben“, fasst Mak die Begründung des Zwanglos-Personals zusammen. Die Diskussion habe dann mit dem Satz geendet: „Der Chef will das nicht“, erklärt der Zuffenhäuser im sozialen Netzwerk „Facebook“, wo er den Vorfall öffentlich gemacht hat.

Im Internet gibt es Kritik

Viele Kommentatoren hinterließen Zeilen unter dem Post. „Barrieren im Kopf sind, wie auch Dein Erlebnis zeigt, schwieriger zu beseitigen als bauliche Barrieren“, schreibt ein Leser. Ein anderer bemerkt, dass er den Club künftig meiden wolle.

Der Club Zwanglos hat sich gleichfalls auf Facebook zu den Vorwürfen geäußert: „Wir wehren uns gegen den Vorwurf, diskriminierend aufzutreten.“ Rollstuhlfahrer seien im Zwanglos seit dessen Gründung willkommen. Aber: „Der Türsteher hat falsch reagiert und hätte lediglich auf eine längere Wartezeit für den Einlass hinweisen sollen.“ Das habe man anschließend auch noch einmal besprochen, erklärt der Betreiber des Clubs, Ralf Bauer. Er nennt die Zeit zwischen 1 und 3 Uhr „Primetime“. Da würden an Wochenenden die meisten Gäste anstehen, um Einlass zu finden. „Die Türsteher stehen unter Druck.“ Das mag ja sein, sagt Mak, aber an besagtem Abend habe es wie aus Kübeln gegossen. Und eine Warteschlange habe es definitiv nicht gegeben. Der Zuffenhäuser hätte sich im Nachgang gewünscht, dass Bauer persönlich auf Christian Baudenbacher zugeht. „Ich finde es schade, dass er das nicht aus dem Weg geräumt hat, in dem er sagt, komm doch noch mal vorbei“, sagt Mak. Immerhin habe sich Bauer zu dem Vorfall auf Facebook geäußert. „Das ist anerkennenswert.“

Clubbetreiber entschuldigt sich, Zuffenhäuser bleibt bei Kritik

Die Behindertenbeauftragte der Stadt, Simone Fischer, ist sich nicht sicher, ob die Entschuldigung Bauers genügt. „Je nachdem wie die Wortwahl war, kann das schon den Sachverhalt einer Diskriminierung erfüllen“, sagt sie. Eine solche ist in Deutschland strafbar. Sie habe sich in die Sache eingeschaltet, nachdem sich Mak an sie gewandt hat. „Ich habe mit dem Club Kontakt aufgenommen und ein Gespräch angeboten“, sagt sie. Generell sei das Nachtleben voller Hürden für Menschen mit Behinderungen. Clubs lägen oft in Kellern, die nur über Treppen erreichbar sind. Der Besuch eines Rollstuhlfahrers werde oft zu einer nur mit Muskelkraft zu behebenden Herausforderung für das Personal. Sie habe immerhin das Gefühl, dass Clubs in Stuttgart für die Belange ihrer behinderten Gäste sensibilisiert seien. Der Abend endete für Christian und seine Freunde übrigens dennoch positiv – wenige Meter weiter im Classic Rock Café.

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