Im Leonhardsviertel gelten unterschiedliche Sperrzeiten. Das sorgt für Frust – nun wächst bei einigen Gastronomen der Ruf nach einheitlichen Sperrzeiten.
Gerüchte wabern durch das Leonhardsviertel mitten in Stuttgart. Seit sich die Straßenbereiche vor manchen Bars zu nächtlichen Party-Treffs entwickelt haben, häufen sich wie berichtet die Beschwerden. Daraus entstehen dann Gerüchte wie, dass mit der Außengastronomie im Viertel künftig um 22 Uhr Schluss sein soll.
Aber: Von der Stadt gibt es keinerlei Vorstöße in diese Richtung. „Dazu ist aktuell nichts bekannt”, teilt das Amt für öffentliche Ordnung mit. Im Viertel selbst gibt es aber offenbar eine Initiative mit dem Ziel, einheitliche Schließzeiten draußen zu erreichen.
Kuddelmuddel an Schließzeiten
Das Leonhardsviertel ist ein diffuser Mix aus Rotlicht-Resten, einigen Anwohnern, Ausgehmeile, Partyszene, stadtplanerischem Entwicklungsquartier und erhaltenswerten echten Altstadtüberbleibseln mit den ältesten Häusern der Stadt. Konflikte gab es dort schon immer, vom einstigen Freier-Suchverkehr bis zum heutigen Partylärm. Der im Interesse der Stadtplaner liegende Wandel weg vom Rotlicht hat zu einer deutlichen Zunahme „seriöser” gastronomischer Betriebe geführt. Und damit auch zu einem Kuddelmuddel an Schließzeiten.
Die langjährige Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle, setzt sich seit vielen Jahren für das Leonhardsviertel ein, scheut dafür bekanntlich auch gerichtliche Auseinandersetzungen nicht. Im Gespräch mit ihr klingt aber auch ein Hauch von Resignation durch. Zu viel hat sie dort schon angestoßen und angeregt, zu wenig ist dort - auch von städtischer Seite - ihrer Meinung nach aber passiert. Aufgeben will sie trotzdem nicht, ihr Ziel bleibt nach wie vor, das Viertel in ein offenes lebens- und sehenswertes Quartier ohne illegale Bordellbetriebe zu verwandeln.
Stuttgart hat die Bestimmungen gelockert
Bei der Außengastronomie galt in Stuttgart einst eine klare Regelung: Um 22 Uhr ist Schluss. Das gilt eigentlich bis heute. Mitten in der Stadt entspricht das aber längst nicht mehr den sich verändernden klimatischen Bedingungen, den Bedürfnissen der Gäste und schon gar nicht den Zielen der Gastronomen, die ihre gerade im Zentrum zum Teil deutlich überhöhten Pachten mit allen Mitteln erwirtschaften müssen und wollen.
Deswegen zeigte sich Stuttgart - übrigens im Gegensatz zu anderen deutschen Großstädten - schon vor vielen Jahren weltoffener und lockerte die Bestimmungen. Jeder Gastronom kann einen Antrag auf Sperrzeitverkürzung stellen. Das kann ganz formlos beim Amt für öffentliche Ordnung geschehen, angegeben werden muss lediglich, „in welcher Form” und „aus welchen Gründen”. Diese Anträge werden von den beteiligten Ämtern geprüft und dann in den zuständigen Bezirksbeiräten beraten und beschlossen. In den Frühjahrsmonaten sind die Tagesordnungen der Innenstadtbezirksbeiräte voll mit solchen Anträgen auf Sperrzeitverkürzung oder zusätzliche Außengastronomie.
Konflikte mit dem Umfeld sind vorprogrammiert
„Anträge auf Verkürzung der Sperrzeit kann man inzwischen nicht mehr ohne weiteres ablehnen”, sagt Veronika Kienzle. Zumal es auch unter Gastronomen durchaus klagefreudige Wirte gibt. Die Möglichkeit besteht eigentlich nur, wenn der Schutz der Anwohner Vorrang haben muss. „So kommen die unterschiedlichen Öffnungszeiten zustande”, erklärt die Mitte-Bezirksvorsteherin. Das Amt für öffentliche Ordnung bestätigt das. „Vorwiegend endet die Außenbewirtschaftung im Leonhardsviertel zwischen 23 und 1 Uhr. Das ist aber von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Jeder Betreiber hat je nach Konzept eigene Zeiten beantragt, denen dann entsprochen wurde.”
Ganz konkret: Die Betreiber beispielsweise der Uhu-Bar dürfen draußen auf dem Gehweg bis 1 Uhr nachts Gäste bewirten. Andere, vielleicht nur wenige Meter weiter, haben nur einen Antrag bis 23 Uhr gestellt, deswegen ist dort draußen früher Schluss. Für die Gäste ist das natürlich nur schwer nachvollziehbar. Dann sammelt sich das Ausgehvolk dort, wo es länger geht. Die Konflikte mit dem Umfeld sind vorprogrammiert. Deswegen meint auch Veronika Kienzle, die selbst gerne draußen sitzt, „dass sich die Großzügigkeit nicht auf Dauer durchhalten lässt”.
„Im Leonhardsviertel beginnt die Nacht”
Aus Gastronomiekreisen im Viertel gibt es inzwischen den Vorschlag, die Außengastronomie entlang der Leonhardstraße einheitlich zu regeln. Also beispielsweise, dass dort alle draußen um Mitternacht Schluss machen, drinnen kann es ja noch lange weitergehen. Aus Rathauskreisen wiederum ist zu hören, dass eine solche Lösung begrüßt werden würde, ohne dass die Stadtverwaltung aber selbst aktiv werden will.
Auch das Clubkollektiv Stuttgart e.V., der „Interessenverband von Clubs und Veranstalter:innen aus Stadt und Region” könnte sich eine solche selbst gefundene Lösung gut vorstellen. Im Leonhardsviertel selbst gibt es zwar keine genehmigten Clubs und entsprechend auch keine Mitglieder, trotzdem wird das Geschehen dort aufmerksam beobachtet. „Im Leonhardsviertel beginnt die Nacht”, sagt Geschäftsführer Moritz Zimmer. Wenn die Außengastronomie dort früher geschlossen werden müsste, hätte das Auswirkungen auf die ganze Stadt und damit auch auf die Clubszene. „Davor warnen wir. Das wäre das falsche Signal für die ganze Stadt. Stuttgart lebt ein bisschen davon, dass man lange draußen sitzen kann.” Klar sei aber auch, „dass es gewisse Spielregeln geben muss”. Zimmer: „Es funktioniert nur miteinander, es müssen gemeinsame Lösungen gefunden werden.”