Party ja, aber selbstverwaltet statt mit Zwang zum Konsum. Dieser Wunsch wurde einst in Stuttgart erfüllt. Foto: Achim Zweygarth

Im Forum 3 sollte nicht über, sondern mit der Jugend gesprochen werden. Das Publikumsinteresse war gering, das Fazit eher unerwartet.

S-Mitte - In diesem Nebenzimmer wiederholt sich Geschichte. Die Klage, dass die Jugend von heute verdarbt sei, meißelten schon die Babylonier in Schrifttafeln. Allerdings ist es hier die Jugend selbst, die jene scheinbar ewige Klage wiederholt, wenn auch in anderer Wortwahl, und wenn auch die Jugendlichen hier schwerlich als typische Vertreter der jungen Erwachsenen des 21. Jahrhunderts gelten dürften.

„Auf die Theo würde ich nie gehen“, sagt Julius Kenntner. Er meint jene bei anderen Jugendlichen überaus beliebten Lokale, die sich an der Theodor-Heuss-Straße aneinanderreihen. Sich „mit zwei Flaschen Wodka und O-Saft auf dem Berliner Platz zu treffen, was ist denn das für ein Abend?“, fragt Luc Palmer. Dort betrinken sich an lauen Sommerabenden mehrere Hundert seiner Altersgenossen. Das seien diejenigen, die „ein schlechter Umgang mit der eigenen Stadt“ eint – kurz: Vandalismus. Anaick Geißel schätzt am Leben in Stuttgart vor allem „die Museen und Theater“ – wenn sie auch, für Jugendliche mit schmalem oder gar keinem Einkommen, nach ihrem Geschmack kostenlos sein dürften.

Die Podiumsdiskussion wird zur Runde im Nebenzimmer

Eigentlich sollten die drei auf einem Podium sitzen, ein Stockwerk höher im Saal des „Forum 3“, gemeinsam mit der Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle und dem Moderator Ulrich Morgenthaler. Weil wie dereinst schon in Babylon aktuell in Stuttgart viel über die Jugend gesprochen wird, aber wenig mit ihr, sollte Publikum hören, wie Jugendliche selbst sich und das Leben in der Stadtmitte einschätzen. Allerdings waren am Thema recht genau ebenso viele Gäste interessiert wie Diskutanten vor ihnen sitzen sollten. Weshalb die Runde sich ein Stockwerk tiefer zur mehr oder minder lockeren Aussprache rund um einen Tisch verlagerte.

Kenntner setzt sich in der Schülermitverwaltung der Waldorfschule Kräherwald ein. Palmer, ebenfalls Waldorfschüler, ist Jung-Künstler. Er hat seine Werke im aktuellen Jahr viermal ausgestellt. Geißel arbeitet gerade als Freiwillige in einem sozialen Jahr. Sie alle sind im Stadtzentrum aufgewachsen. Sie alle gehören gewiss nicht zu denjenigen, deren Verhalten oder Fehlverhalten mit der Regelmäßigkeit beklagt wird, mit der die Wochenenden wiederkehren. Nur ein paar Schritte weiter bereiten die Wirte der Theodor-Heuss-Straße sich in eben diesen Minuten auf den allfreitäglichen Ansturm vor. Dort, auf der Partymeile, sagt Palmer, „muss ich nur durchs Fenster gucken und weiß, dort sind nicht die Leute, die ich kennenlernen möchte“. Kenntner geht mit Freunden gern in Sophies Brauhaus, ein Treffpunkt für Auswärtige und das bürgerliche Stuttgart. Darüber spöttelt sogar sein Vater. Geißel verbringt ihre Abende mit Freundinnen bevorzugt bei Kulturveranstaltungen und klagt, dass Jugendliche dort vom reiferen Publikum stets gemustert werden, als gehörten sie irgendwo hin, aber nicht ins Kulturleben der Stadt. „Als ob Jugendliche dort nichts zu suchen hätten“, sagt sie.

Partys abseits der Partymeile gelten als illegal

Nicht, dass Kultur alles sein soll – auch dieser Teil der Jugend will feiern. Allerdings ohne Zwang zu Kommerz und Konsum. Für die Jugend, darin herrscht Einigkeit, fehlen Plätze, um sich zu treffen, zu reden, ein – mitgebrachtes – Bier zu trinken. In anderen Städten gibt es die, in Stuttgart bleibt nur der Palast der Republik, das Rondell am oberen Ende der Bolzstraße. Dort herrscht kein Konsumzwang. Die Jugend weicht aus, zu Raves an Orte, die geheim gehalten werden, denn „das schaltet die Polizei sofort ab“, sagt Kenntner. Partys abseits der Partymeile gelten als illegale Partys.

Hinter dem Züblin-Parkhaus soll im nächsten Frühjahr der Bau eines legalen Treffpunkts für die Jugend beginnen. Aber abgesehen davon, dass dies gewiss nicht der Ort für einen Rave sein wird, ist ein Platz genau ein Platz. Und das ist zu wenig. Es müsste mehr Treffpunkte für Jugendliche geben, die Jugendliche selbst verwalten, meint Kenntner. Das wäre eine Wiederholung jüngerer Geschichte. Das vorletzte selbstverwaltete Jugendhaus in Stuttgart hat die Stadt trotz heftiger Proteste 2005 schließen lassen und in eigene Regie übernommen: das Jugendhaus in Degerloch. Übrig geblieben ist der Jugendclub Rohr – nicht in Stuttgart, sondern in ganz Baden-Württemberg.

Aber selbst wenn es jene Treffpunkte gäbe: „Die Jugendlichen sind in Szenen aufgeteilt“, sagt Luc Palmer. „Es gibt die Gruftis, die Punks, die Aslaks, die wollen unter sich sein.“ Die Punks gibt es, seit es Punk gibt. Die Gruftis kamen später, diejenigen, deren Uniform der Trainingsanzug und deren Sprache frei von Grammatik ist, viel später. Dafür bekriegten sich die Punks in dieser Zeit der jüngeren Jugendgeschichte mit den Teds und den Poppern.

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