Lebendiges Nachtleben in Stuttgart? Das könnte schon bald vorbei sein, meint der Zusammenschluss „die Nacht“. Foto: IMAGO/Depositphotos/wirestock_creators via imago-ima

Stuttgarter:innen haben sich unter dem Pseudonym „die Nacht“ zusammengeschlossen. Sie fordern Gesetze für Mischkonzepte, die die Grauzone zwischen Bar- und Clubbetrieb abdecken. Knapp 1200 Unterschriften sind gesammelt.

„Wir müssen uns jetzt genau überlegen und darüber diskutieren, wie wir in Zukunft in Stuttgart feiern wollen“, sagt der Sprecher von, „die Nacht“, „denn diese Eskalationen haben bereits jetzt schon große negative Auswirkungen auf das Nachtleben in Stuttgart und das ist im Zweifel erst der Anfang.“ Dabei spielt er auf die Geschehnisse der vergangenen Wochen rund um die Rakete Bar und das Partyformat „Palais Après“ im Stadtpalais an, die zu deren Aus geführt haben (wir haben berichtet).

 

„Die Nacht“ bezeichnet sich selbst als Zusammenschluss von Stuttgarter:innen, die nicht zwangsläufig beruflich im Nachtleben angesiedelt sind, aber ein hohes Interesse an einem vielfältigen Nachtbetrieb in der Landeshauptstadt haben. Die Mitglieder agieren ihrerseits anonym und halten ihre Identität geheim. „Wir sehen nicht ein, warum wir uns exponieren sollten, wenn die Gegenseite aus der Anonymität heraus agiert“, lautet die Erklärung des Bündnisses.

„Wir brauchen Gesetze für Mischkonzepte!“

In der Luft hängt eine gute Portion Ärger. Ärger über die Zerstörungskraft Einzelner in der Gemeinschaft, Ärger über das anonyme in den Rücken fallen von anderen Mitbewerbenden und Ärger über die Entscheidungsträger, die es über Jahrzehnte versäumt haben, entsprechende gesetzliche Regelungen für Mischbetriebe zwischen Bar und Club beziehungsweise Versammlungsstätte auf den Weg zu bringen oder zumindest sich innerhalb ihres Handlungsspielraums dafür einzusetzen. Luft gemacht wurde dem Ärger am 2. August in einem offenen Brief, der einem Brandbrief gleicht, an Stadt, Land und Bund, dem eine Petition zur Unterschrift anhängt, die bisher rund 1200 Personen unterzeichnet haben. Darin heißt es unter anderem: „Der/die Gesetzgeber:in hat leider bis zum heutigen Tag keine sinnvollen gesetzlichen Regelungen auf den Weg gebracht, die es ermöglichen, solche Läden [Mischkonzepte] legal und wirtschaftlich zu betreiben.“

Die Zerstörungsmacht des Einzelnen ist zu groß

Dass daraus ein Unmut unter den Clubbetreibenden entstehe, die ordentlich konzessioniert arbeiten und im Wettbewerb mit Club-ähnlichen Betrieben stehen, die nicht konzessioniert sind, sei verständlich. Doch für die daraus resultierenden Schließungen von Mischbetrieben auf Basis einzelner anonymer Hinweisgebender seitens der Behörden, fehle den „die Nacht“-Aktivistinnen und Aktivisten das Verständnis. Denn was die Schließung der Rakete Bar allen offenkundig vor Augen geführt hat, ist: „Ein Einzelner/eine Einzelne hat die Macht, mit ihrer anonymen Beschwerde einen Laden dichtzumachen und eine Existenz zu zerstören“, formuliert der Sprecher.

„Die Büchse der Pandora ist geöffnet, die Zeit des wohlwollenden Wegschauens ist vorbei“, schiebt er nach und meint damit, dass all den Personen nun ein Werkzeug in die Hand gelegt wurde, die einen bestimmten nachtkulturellen Betrieb auf dem Kieker haben und jetzt ihre Chance wittern, der Bar gegenüber, wo definitiv nicht nur herumgestanden, sondern mindestens geschunkelt wird, endlich den Garaus machen zu können.

Die Auswirkungen aufs Nachtleben sind dauerhaft

Und nicht nur das: „Wer soll denn da noch Lust haben, sein Geld zu investieren und einen neuen Laden in Stuttgart aufzumachen, wenn der morgen von irgendeinem Kasper da draußen wieder geschlossen werden kann?“, fragt der Sprecher in den Raum. Abgesehen von den zu Schließungen führenden Kontrollen weiterer Betriebe im Kessel, die jetzt noch auf Basis von fehlenden Konzessionen, folgen könnten. „Und das alles fällt zulasten der Nachtschaffenden, der Gäste und letztendlich des Images des Stadt“, schildert der „die Nacht“-Sprecher die zugespitzte Lage. „Bei der ganzen Situation jetzt gibt es nur Verlierer.“

Deswegen richte sich der offene Brief auch an alle Entscheider, ob groß, ob klein, ob oben, ob unten. „Dass entsprechende Regelungen auf Bundesebene, selbst mit Nachdruck, nicht mal schnell vonstattengehen, ist klar“, sagt der Sprecher. Deswegen sei es nach Auffassung „der Nacht“ umso wichtiger, auch hier kommunal alles Menschenmögliche zu versuchen und in die Wege zu leiten, am besten auch nach oben zum Land, dass Stuttgart ein lebendiges und vielfältiges Nachtleben weiter beibehält.

Damit das ganze Thema, wie so oft, nicht ausgesessen und wieder vergessen wird, bis es den nächsten Betrieb trifft (wer kann sich noch an die Einstellung des Bar-/Club-Betriebs des 1. Stocks wegen fehlender Konzession im Januar 2023 erinnern?), pochen die Leute hinter „die Nacht“ darauf, dranzubleiben, die Petition zu unterzeichnen, Tanzdemos zu veranstalten, laut zu bleiben und weiterzukämpfen für ein gerechtes und rechtmäßiges, aber auch vielfältiges Nachtleben in Stuttgart.

Weitere eigens organisierte Protestaktionen schließen die Aktivist:innen von „die Nacht“ nicht aus.