In der Marienkirche haben die Besucher Tango getanzt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Zu der 13. „Nacht der offenen Kirchen“ haben am Pfingstsonntag 19 Gemeinden eingeladen. Nicht nur evangelische, auch katholische und neuapostolische Gotteshäuser boten bis 23 Uhr ein buntes Programm. Getanzt werden durfte auch.

Stuttgart - Dieses Brausen! Die Töne der Orgel in der Heslacher Matthäuskirche erschienen gerade so wie die Feuerzungen des Heiligen Geistes, die der Evangelist Lukas beschreibt: Sie ließen die Apostel in anderen Sprachen predigen. Die Musikerin Gabriele Degenhardt erweckte sie zum Leben mit der Orgelfantasie „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ von Johann Sebastian Bach und anderen Pfingstchorälen.

Es war einer der Auftakte zu der 13. „Nacht der offenen Kirchen“, zu der am Pfingstsonntag 19 Gemeinden in den Dekanaten Stuttgart-Mitte, Bad Cannstatt, Degerloch und Zuffenhausen luden. Nicht nur evangelische, auch katholische und neuapostolische Gotteshäuser boten bis 23 Uhr ein buntes Programm, das von Musik über Lesungen, Diskussionen bis zu Lichtinstallationen reichte. In der Stiftskirche konnten Besucher nach einem ökumenischen Gottesdienst mit dem evangelischen Bischof Frank Otfried July und dem katholischen, Gebhard Fürst, auf den Turm steigen, sie erfuhren, was es mit dem Pfingstfenster des Künstlers Wolf-Dieter Kohler auf sich hat, und lauschten dem Organisten Kensuke Ohira. „Die Botschaft des Pfingstfests – Vielfalt, Austausch. Zusammenkommen – ist aktueller denn je“, so Markus Friedrich, Mesner der Stiftskirche. „Es ist wichtig, dies zurück ins Bewusstsein der Menschen zu bringen.“ Wüssten doch manche nicht, was da gefeiert würde. Am „Geburtstagsfest der Kirche“ sollen, so heißt es beim Evangelischen Kirchenkreis Stuttgart, alle Menschen – unabhängig von Nationalität und Ethnizität – angesprochen werden.

Lebendig ging es in der Marienkirche zu

Das geschah in der Leonhardskirche mit der Ausstellung „An(ge)kommen“. Inmitten der Fotografien von Geflüchteten aus 70 Jahren wurde etwa über die historischen Folgen des Zweiten Weltkriegs bis heute gesprochen. Die Hospitalkirche wiederum zeigte Kurzfilme der Filmakademie Baden-Württemberg. Darunter war auch der ausgezeichnete Animationsfilm „Oh Sheep“, der die Themen Toleranz, Vorurteile und Fanatismus mit viel schwarzem Humor auf den Punkt bringt: Nachdem zwei Schäfer die Felle ihrer Herden in verschiedenen Mustern scheren, um sie auseinanderzuhalten, prügeln die Tiere sich tot.

Lebendig ging es in der Marienkirche zu. Pfarrer Paul Kugler lud zum „Tango argentino“: Die Tangolehrenden Liane Schieferstein und Benedikt Krappmann führten zu jeder vollen Stunde in die Kunst des respektvollen „Führens“ und „Sich-führen-Lassens“ ein. „Neben der Ästhetik ist Tanz eine körperliche wie spirituelle Erfahrung“, so Pfarrer Kugler. Die Marienkirche öffne sich schon länger für verschiedene Formate, die Nacht der offenen Kirchen sei eine weitere Chance. „Die Menschen können den Alltag hinter sich lassen, sich austauschen, jenseits aller Sprach- und Kulturgrenzen, darum geht es an Pfingsten.“

Die Johanneskirche war proppenvoll

Nonverbal und grenzüberschreitend unter die Haut ging auch „Scharff 3fach – Festliches und Fetziges“: Der Saxofonist Jürgen Häußler, Schlagzeuger Hans Fickelscher und Organist Georg Ammon boten Gospel, Groove, Spirituals, Klezmer und Standards, mal fetzig wie Leonard Bernsteins „Tonight“ im Sambarhythmus, mal bittersüß wie Astor Piazzolas Tango für einen kleinen Hund, mal zum Lauschen, mal zum Mitmachen. Das gefiel, die Johanneskirche war proppenvoll.

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