Aktion Weihnachten 2017 Diese Sprache versteht jeder Mensch

Von Tom Hörner 

An zwei Abenden hat Joe Bauers „Nacht der Lieder“ im ausverkauften Theaterhaus das Publikum begeistet. 90 Künstler haben bei der Benefiz-Show mitgewirkt, so viel wie noch nie. Der Vorverkauf fürs nächste Jahr läuft.

Stuttgart - Was das Timing angeht, da macht dem Comedian und ehemaligen Breakdance-Star Özcan Cosar so schnell keiner etwas vor. Pointen produziert er nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Körper. Jede Handbewegung, jeder Augenaufschlag sitzt. Der Mann arbeitet, im besten Sinn, präzise wie ein Uhrwerk – wobei man ihm die Arbeit natürlich nicht anmerkt. Dennoch hat der Entertainer Özcan Cosar eine Uhr mit auf die Bühne gebracht. Zwölf Minuten soll sein Auftritt dauern, habe man ihm gesagt. Nach zwölf Minuten bricht er ab, Mitten in der Pointe. Das Publikum im großen Saal des Theaterhauses tobt.

Der Abend als Komposition

Özcan Cosar ist, neben dem Nacht-der- Lieder-Erfinder und StN-Kolumnisten Joe Bauer, der einzige Nichtmusiker auf der Bühne bei der 17. Ausgabe der vorweihnachtlichen Benefizshow der Stuttgarter Nachrichten. Sein Auftritt aber besitzt alles, was man auch guter Musik nachsagt: Tempo, Rhythmus, Genauigkeit, Witz. Das passt – oder, wie es Jan Sellner, StN-Lokalchef und Vorsitzender der Aktion Weihnachten, eingangs formuliert: „Das 17. Jahr in Folge hat Joe Bauer die Nacht der Lieder komponiert – und man kann wirklich von einer Komposition sprechen.“

„Halleluja“ einmal anders

An zwei Abenden bekommt das Publikum im ausverkauften Theaterhaus ein gut dreieinhalbstündiges Programm geboten, wie es abwechslungsreicher und bunter kaum geht – und doch wirkt dank Joe Bauers sicherem Bühnengespür vieles wie aus einem Guss. Im vergangenen Jahr präsentierte die südafrikanische Sängerin Thabilé mit ihrer Band in Erinnerung an den damals kurz zuvor verstorbenen Sänger Leonard Cohen ihre Version von „Hallelujah“. Dieses Mal ist die Künstlerin mit eigenen Popsongs ihrer neuen CD vertreten. „Hallelujah“ stimmt im Jahr 2017 der Vesperkirchenchor rahmenlos & frei an, geleitet vom Füenf-Sänger Patrick Bopp am Flügel. Der Auftritt des Ensembles, in der Mehrzahl Menschen, die es nicht gewohnt sind, im Rampenlicht zu stehen und auch nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden, ist der vielleicht ergreifendste Moment des Abends. Manche im Publikum stehen schon während der Darbietung auf, am Ende bedanken sich alle im Saal mit Standing Ovations.

Die Musik packt jeden im Saal

Das Motto für die Nacht der Lieder gibt Tänzer, Tanzkompaniechef, Musiker und Entertainer Eric Gauthier gleich zu Beginn aus: „Was für ein Weltdorf wir doch sind“, sagt der charmante Conférencier, der Joe Bauers Nacht der Lieder von Anfang an die Treue hält. Musik wird als Sprache begriffen, die keine Grenzen kennt. Die musikalischen Einflüsse, die hier heute Abend zu hören seien, sagt Eric, kämen aus Afrika, Brasilien und Unterensingen. Und manchmal verschwimmen die Linien aufs Wunderbarste, wie bei den fünf Women of Music. Wenn interessiert bei Weltmusik schon, aus welcher Ecke der Welt die Einflüsse kommen. Der treibende Jazz des Akkordeonspielers Aleks Malakov und dessen Trio sowie die Gipsy Music von Foaie Verde sind einfach nur hin- und mitreißend. Oder nehmen wir die Linda Kyei Band. Kommen da stärker Soul- oder Jazzeinflüsse zum Tragen? Egal. Die Musik packt jeden im Saal – man hat bisweilen den Eindruck, als stünde eine Big Band auf der Bühne.

„Posaunenchöre können alles spielen“

Die gibt es natürlich auch bei der Nacht der Lieder – zumindest was die Anzahl der Musikerinnen und Musiker angeht. 23 Künstler zählt der Posaunenchor unter der Leitung der aus Großbritannien stammenden Dirigentin Sophie Pope – genau genommen sind es zwei Chöre, der 111 Jahre alte CVJM Posaunenchor Kornwestheim und das elf Jahre alte Ensemble Junges Blech/Schorndorf. „Posaunenchöre können alles spielen“, sagt Sophie Pope. Einen feierlichen Bach-Satz genauso wie eine heitere hebräische Weise. Und am Ende ihres Sets trommeln die Bläser unter Glockenklang für die Posaunentage in Ulm. Wann die seien, will am ersten Abend jemand aus dem Publikum wissen. Vom 30. Juni bis 1. Juli, antwortet die Dirigentin. So viel Werbung für die eigene Sache muss sein.

Hetzern brät er eine über

Auch ein Überraschungsprogramm wie die Nacht der Lieder braucht feste Größen: Seit Jahren sind das die A-cappella-Truppe Die Füenf und das oft im Hintergrund wirkende Nacht- und Nebelorchester unter der Leitung von Jens-Peter Abele. Das Publikum geht beim Auftritt der Füenf nicht nur emotional mit, ihm wird auch körperlich bei einem „indischen Weihnachtslied“ einiges abverlangt. Joe Bauer liest eine vor etwas mehr als einem Jahr entstandene und leicht überarbeitete Kolumne „Der Filzpantoffelheld“, eine Weihnachtsmarktgeschichte der anderen Art, die nichts an Aktualität verloren hat. Sich selbst nimmt Joe auf die Schippe, Hetzern brät er eine über.

Kein Witz mit Bart, aber ein Bartpreis

Auf seinen schon obligatorischen Witz mit Bart verzichtete Conférencier Eric Gauthier in diesem Jahr, dafür wird er vom Bart- und Kultur-Club Belle Moustache aus L. E. – nicht zu verwechseln mit L. A. – auf der Bühne zum Bartträger des Jahres gekürt. Erics Gesichtsbehaarung kann zwar nicht im Ansatz mit der der Männer aus L. E. konkurrieren, gewürdigt wird vor allem Erics soziales Engagement. Der Künstler unterstützt das Kinderkrankenhaus Olgäle und ein Projekt der Alzheimer-Forschung. Gauthier Dance gibt einen Vorgeschmack auf das neue Programm „Bullshit“: Wie in Frischhaltefolie verpackt huschen die Tanzprofis zu afrikanischen Klängen über die Bühne. Der vierminütige Auszug aus einer anderthalbstündigen Show weckt Lust auf mehr.

„Bitte gute Platze fürs nächste Jahr“

Kleine Beobachtung am Rande: Ein Mann kauft sich in der Pause an der Theaterhauskasse bereits Karten für die Nacht der Lieder 2018. „Bitte gute Plätze“, sagt er. Das Datum kann man sich merken: Wieder werden die Shows am 5. und 6. Dezember über die Bühne gehen (Tickets gibt es unter www.theaterhaus.com oder unter der Nummer 07 11 / 4 02 07 20). Es bleibt alles beim Alten – und wird doch wieder ganz anders.

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