Der große Mario Adorf ist tot. Seine Karriere als Schauspieler umfasst sieben Jahrzehnte. Und obwohl er Nscho-tschi erschoss, wurde er zur künstlerischen Instanz der Deutschen.
Einmal hat Mario Adorf, für ihn höchst ungewöhnlich, öffentlich über einen Kollegen gelästert: über Til Schweiger – und zwar Jahre bevor der Keinohrhasen-Künstler wegen tyrannischer Ausfälle am Set in der Kritik stand und auch beim breiteren Publikum in Ungnade fiel. Im September 2015 aber, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, tourte Schweiger durch die Talkshows, warf der Merkel-Regierung Versagen vor und kündigte an, auf eigene Faust ein Vorzeigeheim für Geflüchtete einzurichten.
Er finde das großartig, kommentierte Adorf im Gespräch mit unserer Zeitung damals, aber leider habe Schweiger „die unglückliche Gabe, sich mit seinem dünnhäutigen, motzigen Auftreten nicht beliebt zu machen“. Das saß: dünnhäutig, motzig und dazu ein polemisierendes „Talent“! Schweiger war aufs Heftigste empört und schäumte, schließlich ritt die Attacke nicht irgendwer, sondern ein Mann, der längst war, was der Attackierte wohl nie werden wird: ein Weltstar aus Deutschland. Und davon haben wir nicht viele.
Der Schauspieler Mario Adorf, der jetzt mit 95 Jahren in seiner Wohnung in Paris „nach kurzer Krankheit eingeschlafen ist“, wie sein Manager Michael Stark mitteilte, war eine Legende zu Lebzeiten. Eine Autorität, eine künstlerisch-moralische Instanz. Als „Schauspieler von Weltruf“ würdigte ihn Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Von einem der „bedeutendsten Schauspieler unseres Landes, dessen künstlerisches Wirken Generationen geprägt hat“, sprach Bundestagspräsidentin Julia Klöckner.
Könnte Adorf diese Würdigungen und all die jetzt erscheinenden Nachrufe auf ihn lesen, er würde noch im Grab protestieren: Macht bloß kein Aufheben um mich! Wer bin ich denn schon? Die Antwort: er war ein Anti-Schweiger. Einer, der – wie viele aus seiner skeptischen Nachkriegsgeneration – gegen große Worte gefeit war, der sich bescheiden zurückhielt und nie die Nähe zu „mächtigen Leuten“ suchte. „Mit einer Ausnahme“, räumte Adorf ein: „Willy Brandt. Er war einer der wenigen Politiker, die ich mögen und bewundern konnte.“ Man darf spekulieren: hätten wir Deutsche die Möglichkeit gehabt, auch Mario Adorf zum Kanzler zu wählen, er hätte zu seinen Hoch-Zeiten wohl enorme Zustimmung bekommen.
Woher kam seine ungeheure, über sieben Jahrzehnte stetig steigende Popularität? Es gibt mindestens drei ikonografisch gewordene Adorf-Momente im deutschen Film, die allen, die noch ohne Facebook und Instagram aufgewachsen sind, unverbrüchlich in Erinnerung bleiben werden. Das Erstaunliche dabei: er spielt darin nicht den Guten, dem die Herzen zufliegen, sondern den Bösen, den Mafioso, Schurken, Mitläufer und Schlawiner. Just darauf, auf zwielichtige Burschen, war er mit seiner kräftigen, gedrungenen und finsteren Gestalt national und international abonniert. Unser Kanzler des Herzens wurde er trotzdem.
Den Schurken gab Adorf 1963 in „Winnetou I“, als sein verschlagener Santer die schönste Frau der Welt, Nscho-tschi, Winnetous Schwester, erschoss. Ein Attentat aus dem Hinterhalt, das er mit der gerechten Strafe bezahlte, als er vom Fels in die von den Apachen aufgepflanzten Speere stürzte: die Kamera kippt weg, ein trockenes Ritsch-Ratsch, und Santer ist tot. Gut so!
Den Nazi-Mitläufer spielte er 1979 in der „Blechtrommel“, der Oscar-prämierten und kongenialen Grass-Verfilmung von Volker Schlöndorff: Sein Alfred Matzerath, Vater des kleinen Oskars und rheinische Frohnatur, verschluckt hinter dem Rücken der Russen sein Parteiabzeichen – und erstickt daran: ein grausamer Witz zur Entnazifizierung und die beste Metapher für alle Verdrängungen nach dem Krieg. Und dann, 1986 in der satirischen Fernsehserie „Kir-Royal“, der ultimativste aller Adorf-Sätze: „Junge, ich scheiß dich zu mit mein‘ Jeld. Ich bin Dir einfach über.“ Das warf er als schmieriger Klebstofffabrikant Haffenloher dem Klatschreporter Baby Schimmerlos entgegen und ließ hernach die Münchner Schickimicki-Society nach seiner Pfeife tanzen.
Adorf als großmäuliges Schlitzohr: So wurde er zur Kultfigur – und so unvergesslich wie viele seiner grotesk-komischen, armseligen, rohen Gestalten. Sie konnten seiner Beliebtheit nicht schaden, obwohl sie wahrlich keine Sympathieträger waren. Allein: Den mit Abstand größten Widerling verkörperte Adorf – bei den Münchner Kammerspielen bereits ein Bühnenstar – 1957 in Robert Siodmaks Drama „Nachts, wenn der Teufel kam“. Und er war der Teufel, der Hilfsarbeiter Bruno Lüdke, den die Nationalsozialisten 1944 als Serienmörder hinrichten ließen. Zu Unrecht, wie sich später herausstellte, sie brauchten einen Fahndungserfolg – und sein Leben lang verzieh sich der skrupulöse Schauspieler nicht, dass er mit seinem intensiven Porträt eines Monsters dieses Unrecht für alle Leinwandewigkeit zementierte: „Ich hatte Erfolg damit, einen Unschuldigen als Täter abzustempeln.“
Tatsächlich war es ausgerechnet diese vermaledeite Rolle, die ihm den Durchbruch beim Film brachte. Er drehte in Hollywood und in Rom, in Cinecittà, wo er zu einem der wichtigsten Protagonisten der italienischen Politthriller der sechziger, siebziger Jahre avancierte – und als Partygänger nebenbei das Dolce Vita der Heiligen Stadt in vollen Zügen genoss. Zurück in seiner alten Heimat gelang dem Qualitätsgaranten Adorf der Anschluss an den Neuen Deutschen Film. Nicht nur Schlöndorff holte ihn vor die Kamera, auch Fassbinder, in dessen Sittengemälde „Lola“ er dem Baulöwen Schuckert eine feiste, Zigarren paffende Selbstgerechtigkeit verlieh. Adorf durchdrang seine Figuren nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Hellwach setzte er sich mit Charakteren auseinander und leuchtete ihre dunklen Flecken aus. Er wusste, was er spielte. Mit seiner gefestigten, in sich ruhenden Souveränität schenkte er den Zuschauern in den neunziger Jahren und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts dann weitere Höhepunkte der Film- und Fernsehgeschichte: die Mehrteiler „Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“ und „Die Affäre Semmeling“.
Man staunt im Rückblick, wie viele Filme – mehr als 200 – in dieses reiche und erfüllte Leben passten, wie viele Ehrungen und Auszeichnungen – und wie viel Präsenz live auf der Bühne. Schließlich spielte Adorf in jüngeren Jahren große Charakterrollen im Theater und tourte später als Entertainer mit schlohweißem Haar und noch immer schwarzen Augenbrauen durch die Lande. In Soloprogrammen sang er Chansons und las aus seinen Erzählungen und Erinnerungen, denn ein Schreibtalent war der Schauspieler und Partygänger ja auch noch. Das Publikum liebte und feierte ihn, er eilte von einem Erfolg zum andern, ohne dass ihm der Ruhm je zu Kopf gestiegen wäre. Dass Adorf trotz aller Beliebtheit keine Diva geworden ist, lag, wie er vermutete, an seiner Herkunft aus ärmlichen proletarischen Verhältnissen.
Geboren 1930 in Zürich, wuchs er als uneheliches Kind einer Näherin in der Eifel auf. Obwohl sich seine Mutter für ihn aufopferte, musste sie den Sohn während der Kriegsjahre in ein Waisenhaus geben, um ihn durchzubringen. Hunger und Angst, das seien seine prägenden Kindheitserfahrungen gewesen, so Adorf, doch als Gegengewicht auch die grenzenlose Fürsorge seiner Mutter, für die er zeitlebens dankbar war: „Ihr Tod war der schwerste Schicksalsschlag in meinem Leben“ – und ihr Alter, sie starb mit 92, „wäre auch für mich ein schönes Ziel“.
Dieses Ziel hat der seit mehr als fünfzig Jahren mit derselben Frau verheiratete Mario Adorf nun erreicht und übertroffen: mit Stil, Anstand, Haltung und ohne Skandale, ein leuchtender Stern im Kulturleben der Bonner und Berliner Republik. Was nach seinem Tod bleibt, sind seine Filme. Sie immer wieder zu schauen ist ein Genuss – und die letzte Ehre, die wir dem auch menschlich großen Künstler erweisen können.