Der Schriftsteller ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP/Pierre-Philippe Marcou

Geboren in Peru, auf zwei Kontinenten zu Hause – Mario Vargas Llosa war ein Weltbürger. Als Romanautor war er auch politisch engagiert. Nun ist der Literaturnobelpreisträger für immer verstummt.

Es war ein ungleiches Zusammentreffen, damals auf dem größten Literaturfest Lateinamerikas. Zur Eröffnung der Internationalen Buchmesse im mexikanischen Guadalajara im Jahre 2011 erzählten Herta Müller und Mario Vargas Llosa vor 1600 Zuschauern, was sie zur Literatur brachte. Der Peruaner war damals schon 75 und ein literarischer Flaneur durch die Geschichte Lateinamerikas sowie der Weltliteratur, ein ergrauter und hoch dekorierter Kosmopolit. Trotz seines Alters wirkte er fast noch jugendlich, jovial und genoss die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Daneben Herta Müller, verschüchtert und verhärmt wirkend.

 

Die beiden einte eigentlich nur eines. Der Literaturnobelpreis. Sie bekam ihn 2009, er 2010. Während die Auszeichnung für die deutsch-rumänische Autorin überraschend kam, war das Erklimmen des literarischen Olymps für den Großschriftsteller des „lateinamerikanischen Boom“ von der Fachwelt lang erwartet und von ihm in seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein noch länger ersehnt worden. Zumal sein lebenslanger Freund-Feind Gabriel García Márquez den Nobelpreis bereits 1982 erhalten hatte.

Nun saßen sie also beide da, die schweigsame Müller und der red- und schreibselige Vargas Llosa und erzählten, wie sie über den Schmerz, die Angst und die Einsamkeit den Weg zum Lesen und Schreiben fanden. Müller aus Furcht vor den politischen Verhältnissen, der Peruaner aus Angst vor dem autoritären Vater. Bis zum Schluss drehte sich das Werk von Vargas Llosa zentral um die Macht und ihren Missbrauch. Für ihn war das Schreiben die Waffe gegen Hoffnungslosigkeit und Despotismus. 1990 versuchte er sich in der Politik seines Landes, scheiterte aber in der Stichwahl an Alberto Fujimori, der sich vom Präsidenten zum Despoten entwickelte.

In den fast 65 Jahren seines Schaffens hat der Autor Vargas Llosa mehr als 60 Bücher geschrieben. Die besten waren die Werke, in denen er gefühlvoll und gekonnt die politische Geschichte Lateinamerikas mit Fiktion verband. So etwa in dem Roman „Harte Jahre“ (2019, dt. 2020) über den Putsch in Guatemala 1954, gefördert von der CIA und der United Fruit Company oder bei seinem Werk über den dominikanischen Diktator Rafael Trujillo „Das Fest des Ziegenbocks“ (2000, dt. 2001).

Er schrieb von politischen Romanen über erotische Komödien und Krimis

Der Peruaner war nicht nur ein Pendler zwischen den Welten, er war auch ein Pendler zwischen den Genres, ein Großschriftsteller im umfassenden Sinne. Er verfasste historisch politische Romane, erotische Komödien, versuchte sich an Krimis und Reiseberichten. Weltbekannt aber wurde er mit seinen Panoramaromanen wie „Die Stadt und die Hunde“ (dt. 1966) oder „Gespräch in der Kathedrale“ (dt. 1976). Mit diesen Frühwerken begründete er den weltweiten Erfolg der Literatur Lateinamerikas mit. Seinerzeit waren Schreiben und Lesen auf dem von Armut und Ungleichheit gezeichneten amerikanischen Subkontinent etwas aus einer anderen Welt. „Literatur war damals eine marginale Aktivität mit sehr wenigen Autoren, außer in Argentinien und Mexiko”, sagte Vargas Llosa einmal. „Literatur hatte keine soziale Funktion.“

Aber gemeinsam mit dem Kolumbianer García Márquez, dem Chilenen José Donoso, Carlos Fuentes aus Mexiko und Julio Cortázar aus Argentinien änderte er das. Diese Autoren schufen den „lateinamerikanischen Boom“. In ihren Werken beschrieben sie die sozialen Ungerechtigkeiten in den Ländern, prangerten sie an und trugen die Geschichte und Geschichten dieser faszinierenden Region in die Welt. Nun ist der Peruaner als letzter dieser Boom-Generation gestorben. „Mit tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser Vater heute in Lima im Kreise seiner Familie friedlich gestorben ist“, schrieb sein ältester Sohn Àlvaro in einem Beitrag, den seine Geschwister Gonzalo und Morgana Vargas Llosa unterzeichneten. Der Schriftsteller lebte in den vergangenen Monaten von der Öffentlichkeit zurückgezogen in der peruanischen Hauptstadt. In dieser Zeit hatten sich Gerüchte um eine Verschlechterung seines Gesundheitszustands gemehrt.

Viele Jahre lebte der Peruaner in Madrid. Dort hatte er sich 2015 noch mal neu liiert, verließ seine Frau Patricia nach 50 Ehejahren für die philippinisch-spanische Society-Größe Isabel Preysler (74). Diese war einst mit dem Sänger Julio Iglesias verheiratet. Gemeinsam bewohnten Llosa und Preysler eine Art Stadtschloss in der spanischen Hauptstadt. Viele, vor allem in Vargas Llosas Familie, irritierte es, dass der hochintellektuelle Autor auf seine alten Tage in die Welt der B-Promis und Boulevardpresse eingetaucht ist. Im Jahr 2022 trennten sich die beiden wieder.

Bis zum Ende war Vargas Llosa ein rastloser Schreiber – gerade wegen des Nobelpreises 2010. „Die Auszeichnung führt oft dazu, Schriftsteller lebendig zu begraben“, sagte er 2020 – „Ich habe mich bemüht, dass es bei mir anders ist und auch seither noch viel publiziert“. Im Spätsommer 2024 erschien auf Deutsch sein letzter Roman „Die große Versuchung“, in dem er auch seine Themen Liebe und Politik wieder verwoben hat. Damals sagte er, es sei wohl sein letztes fiktionales Werk. „Obwohl ich ein Optimist bin, glaube ich nicht, dass ich lange genug leben werde, um an einem neuen Roman zu arbeiten, vor allem, weil ich drei oder vier Jahre brauche, um einen zu schreiben“, sagte er der britischen Zeitung „Guardian“.

Vargas begann als Linker und wurde zu einem ihrer härtesten Kritiker

Vorrangig in seinen späten Jahren hatte sich Vargas Llosa einen Namen als Essayist und Kommentator der Zeitläufte gemacht. Manchmal fanden seine Kolumnen in der spanischen Zeitung „El País“ mehr Leser als seine Literatur. Als politischer Kolumnist aber wandelte er sich zu einem harten und meist undifferenzierten Kritiker alles Linken.

Dabei begann Vargas Llosa, wie fast alle seine Kollegen, weit links. Als positive Referenz diente auch ihm die kubanische Revolution von 1959. Am Ende aber stand er konservativen bis ultrarechten Politikern nah, so etwa den Ex-Präsidenten Felipe Calderón (Mexiko) und Álvaro Uribe (Kolumbien). Den früheren linken Staatschef Mexikos, Andrés Manuel López Obrador, geißelte er hingegen als einen finsteren Populisten.

Seine Freundschaft zu García Márquez beendete Vargas Llosa bereits 1976 mit einem legendären Faustschlag auf das Auge des Kolumbianers. Gerüchteweise zerbrach die Verbindung der beiden Literaten am Disput über eine Frau, ganz sicher aber an der Haltung zu Kubas Revolutionsführer Fidel Castro, mit dem Vargas Llosa früh, aber García Márquez nie brach.