Die ganze Welt kannte sie als "Eiserne Lady". Den Namen erhielt Margaret Thatcher wegen ihrer oft unerbittlichen politischen Haltung - und nicht wegen der stets korrekt sitzenden Frisur. Nun ist die frühere britische Premierministerin im Alter von 87 Jahren gestorben. Foto: dpa

Die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher ist tot. Die 87-Jährige starb am Montag an den Folgen eines Schlaganfalls. Die "Eiserne Lady" trotzte der ganzen Welt Respekt ab - als einzige Frau in einer Männerdomäne.

London - Eisen und Seide, Härte und Tränen, Fäuste und Handtaschen: Mit Margaret Thatcher hat Großbritannien eine seiner der schillerndsten und willenstärksten Persönlichkeiten verloren. Die erste und einzige Premierministerin des Landes starb Montagmorgen an den Folgen eines Schlaganfalls. In die nationale Erinnerung geht die 87-Jährige als Politikerin ein, die um Konsens nichts gab und ihren beispiellosen Erfolg auf Polarisierung, Härte und Machtinstinkt baute. Am unnachgiebigsten aber war sie zu sich selbst.

Margaret Hilda Roberts kam 1925 als Tochter eines kleinen Lebensmittelhändlers in Grantham zur Welt, einem trostlosen Nest im Osten der Insel. Sie und ihre ältere Schwester Muriel wuchsen in einer Wohnung über dem Laden auf – in einfachen Verhältnissen, die Leistung und Werte als Selbstverständlichkeit voraussetzten. Margarets Vater engagierte sich nach Feierabend als Ratsherr und Laienprediger; sie selber war zwar keine Ausnahmeschülerin, erarbeitete sich jedoch mit Fleiß und Ehrgeiz ein Oxford-Stipendium.

Kurz nach Kriegsende schloss sie ihr Chemiestudium ab, ging in die Forschung und machte ihre ersten, politischen Schritte: Als Vertreterin der Konservativen auf ihrem Campus trägt man ihr das Mandat für den Unterhaus-Sitz von Dartford an. Margaret, damals 24 Jahre alt, schlägt zu – und verliert.

Energisch treibt Thatcher ihre Karriere voran

Vier Jahre und zwei verlorene Wahlkämpfe später hat sie bereits mit nicht einmal 30 Jahren die Weichen für ihr Leben gestellt: Sie heiratet Denis Thatcher, bringt Zwillinge zur Welt, hängt ein Jura-Studium an und profiliert sich als politische Kämpferin. Unerschüttert von Niederlagen und Ablehnung ringt sie um ein Mandat – erst 1959 soll es ihr jedoch gelingen, als jüngste konservative Kandidatin für den Londoner Bezirk Finchley ins Parlament ziehen.

Energisch treibt Thatcher ihre Karriere voran, sie wechselt in Windeseile Funktionen, wird Staatssekretärin im Gesundheitswesen, Wohnungsbau-Sprecherin, Steuerexpertin im Finanzteam der Tory-Opposition. „Politiker fanden sich mit jeder weiblichen Waffe außer einer Backrolle attackiert“, notiert die Times mit machohafter Nettigkeit über Thatcher nach einer Budget-Debatte. 1970 kommt sie schließlich durch die Konservativen als Bildungsministerin an die Macht. Mit einer zweifelhaften ersten Visitenkarte stellt sich die später als Eiserne Lady bekannt gewordene Thatcher dem ganzen Land vor: Sie schafft gegen alle Proteste die kostenlose Schulmilch ab.

Sie soll ihren Posten später wieder verlieren und die Konservativen die Macht, doch 1979 zahlt sich Thatchers zäher Kampf gegen alle Wechselfälle aus: Mit 53 Jahren führt sie die Tories zum Sieg und wird Premierministerin Großbritanniens. Hinter ihr liegt da ein „Winter der Unzufriedenheit“, in dem Krankenhäuser, Müllabfuhr, U-Bahnen und Schulen streikten und die Bevölkerung es satt war, dass nichts funktionierte. Vor ihr liegen umstrittene und schmerzhafte Reformen, die das Land bis heute definieren.

Thatcher lässt sich von der Welle der Anti-Gewerkschafts-Stimmung tragen und schränkte deren Macht so ein, dass sie nie wieder so schlagkräftig geworden sind, um wie zuvor Regierungen zu stürzen. Sie wählt ihre Themen sorgsam und propagiert offene Märkte, Selbstverantwortung, Deregulierung und Einschränkung von Sozialleistungen und Subventionen.

Die Briten werden unter Thatcher zu einem Volk der Immobilienbesitzer

Die Politikerin lässt die Kohlezechen im Nordosten Englands schließen und billigte brutale Polizeieinsätze gegen streikende Bergarbeiter. Ganze Landstriche verwandeln sich durch den von ihr forcierten Niedergang des Bergbaus in Geisterzonen. Auch mit Blick auf Europa setzt sie ihren eigenen Weg durch: In einer Zeit, in der auf dem Kontinent Betriebe verstaatlicht werden, privatisiert sie British Airways, British Steel, British Sugar und British Telecom. Die Arbeitslosigkeit steigt zwar, doch aus den lange protegierten Betrieben werden allmählich profitable Unternehmen.

Die Umwälzungen federt Thatcher allerdings kaum ab. Stattdessen verkauft sie auch Hunderttausende Sozialwohnungen. Die Briten werden unter ihr zu einem Volk der Immobilienbesitzer, müssen sich aber auch an einen neuen Anblick gewöhnen: Obdachlose mit Schlafsäcken zeigten, dass nicht jeder Thatchers Ideal der Eigenverantwortung nachkommen konnte.

Sie rüttelte Großbritannien in seinem Zustand der Mutlosigkeit auf, machte die Nation auch selbstbewusster und robuster, doch schaffte sich durch ihre provozierende Unnachgiebigkeit und ihren unbedingten Führungswillen auch leidenschaftliche Kritiker. Ihre Unerschütterlichkeit, ihre Standfestigkeit wankte nicht – auch nicht mit immer neuen psychischen Zerreißprobe. IRA-Häftlinge, die sich mit einem Hungerstreik den Status politischer Gefangener erkämpfen wollen, lässt sie gewähren: „Straftaten sind Straftaten und keine politischen Taten“, richtet sie ihnen aus – und wartet. Neun Häftlinge hungern sich zu Tode.

Wenige Monate später lässt sie die „General Belgrano“, ein argentinisches Kriegsschiff im Falklandkrieg, bombardieren und versenken, obwohl es sich außerhalb der offiziellen Kampfzone befand. Thatcher überlebt kurz danach selbst einen Mordanschlag in Brighton, nachdem sich die IRA irrt und eine Bombe nicht in ihrem, sondern einem fremden Hotelzimmer platziert. Fünf Leute sterben in der Nacht, doch die Premierministerin eröffnet am nächsten Tag in einem Akt demonstrativer Stärke den Parteitag von Brighton nach Plan. Zu dem Zeitpunkt wird sie längst auch international bewundert.

Thatcher war wie viele „Alpha-Politiker“ klug, scharfsinnig und schlagfertig

Margaret Thatchers Art hatte auf Zeitgenossen, sogar auf politische Feinde, magnetische Wirkung. Sie faszinierte – auch Männer, nach deren Regeln sie oft besser spielte. Sie gab sich nie beleidigt, aber offensiv und zumindest an der Oberfläche unantastbar. So erarbeitete sie sich Respekt als erste Regierungschefin Großbritanniens, in einer Ära, in der noch niemand Frauen-Coachings und Mentorinnen-Programme kannte.

Es bleibt ihr Geheimnis, wie sie ohne weibliche Rollenmodelle ihre Waffenkammer gefüllt hat. Sie war wie viele „Alpha-Politiker“ klug, scharfsinnig und schlagfertig. Zu Waffen wurden diese Talente jedoch erst, indem sie sich andere Eigenschaften versagte: Sie war nicht eitel und kokettierte nicht mit femininem Charme. Sie liebte es allerdings, maliziöseste Bemerkungen mit dem gemäßigten Ton einer Dame zu verpacken.

Legendär ist ihre Unterhaltung mit einem Kellner, der sie fragt, wie sie denn ihr Steak gern hätte. Thatcher antwortet typisch: „Britisch, gut durch“. „Und Ihr Gemüse, Madame?“, fragte er weiter. „Das Gemüse“, sagt Thatcher und zeigt auf ihre Minister am Tisch, „das Gemüse nimmt das Gleiche.“ Warum ließ ihr Kabinett sie mit diesem Stil davon kommen? Weil sie das liebste Männermachtspiel, den spielerischen Schlagabtausch, besser beherrschte als sie – und dazu noch lächelte.

„Sie hat die Augen von Caligula und den Mund von Marilyn Monroe“, bemerkte Francois Mitterand über sie. Und Robert McFarlane, ehemaliger US-Sicherheitsberater: „Sie hatte eine überwältigende Präsenz. Ich konnte nicht in ihrer Nähe sein ohne Leidenschaft zu fühlen, aber das Wort trifft es eigentlich nicht genau. Sie könnte Männer anrühren und sie wusste das. Und ob!“

Margaret Thatchers Kleidung verstärkte ihr Auftreten. Sie liebte sinnliche Stoffe und Muster, hüllte die „Eiserne Lady“ in Seide, Goldbrokat und schwarzen Samt. Sie hatte ein Faible für Broschen und trug -wie Jacqueline Kennedy - die Perlenkette unter dem Kragen ihres Jackets. Bei vielen anderen Frauen hätten ihre aristokratischen Kostüme, ihre Helmfrisur, die Sanduhren-Silhouette und die eckigen Handtaschen tantig gewirkt. Doch Thatcher destillierte und kultivierte diesen Stil zum Symbol weiblicher Macht und Autorität. Ihre Kleidung wurde ihre Rüstung.

Thatcher prägte das "handbagging"

Lange bevor es den Begriff des „Powerdressing“ überhaupt gab, trug sie derart Ehrfurcht stiftende Ensembles und prägte einen ganz eigenen Begriff, nämlich den des „handbagging“. Das Denkmal, das die Briten ihr damit im englischen Wortschatz errichtet haben, spielt auf Thatchers rhetorische Gnadenlosigkeit an und die Kunst, ihre Handtasche als Waffe gegen politische Gegner zu benutzen. Unvergessen bleibt ihr Einsatz 1984, als sie bei EU-Verhandlungen mit ihrer Tasche auf den Tisch eindrischt und „ihr Geld zurück“ fordert. In entscheidenden Situationen soll sie aus den Tiefen ihrer Tasche eine Liste mit Forderungen herausgezaubert haben. In Pearl Habour fischt sie sogar eine Taschenlampe hervor, um sich mitten in der Nacht den historischen Kriegsschauplatz anzuschauen.

So eng sich Margaret Thatcher mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan anfreundete, so gespalten blieb ihr Verhältnis zu Helmut Kohl und Deutschland. Besonders zur Wendezeit verschlechterte sich das deutsch-britische Verhältnis, als sie sich für eine demokratische, aber eigenständige DDR stark macht. Die deutschen Bombardements ihres Heimatortes Grantham samt Munitionsfabrik und Air Force-Landeplatz hat sie wohl nie vergessen. Bei Kriegssausbruch war sie 13 Jahre alt gewesen.

Die Beharrlichkeit und die Dominanz, mit der sie Kohlminen schloss und Kriege gewann, jene Eigenschaften, die ihr nach oben verholfen hatten, beschleunigten auch ihren politischer Niedergang. Ihre Karriere geriet 1990 ins Schlingern, weil sie die innerparteiliche Opposition, die sich gegen sie zusammenbraute, völlig unterschätzt hatte. Ihre Abneigung gegen einen „europäischen Super-Staat“, von dem sie fürchtete, er würde die hart erkämpfte liberalisierte Binnenwirtschaft Großbritanniens zurückwerfen, aber auch eine umstrittene Kommunalsteuer, sollten ihr zu Stolpersteinen werden. Ihr Ex-Kabinettskollege Michael Heseltine drängte sie per Mehrheitsbeschluss aus dem Amt der Parteivorsitzenden. Thatcher gab sich zuerst - wie so oft zuvor – kämpferisch und wollte sich in einer zweiten Runde noch einmal zur Wahl stellen.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Nach und nach ruft sie die alten Vertrauten zu sich und muss in den Zwiegesprächen feststellen, dass sie kaum noch jemanden auf ihrer Seite hat. Am 22. November 1990 gibt die Eiserne Lady auf und macht den Weg frei für andere.

Ihre Abschiedsrede im Unterhaus geht als ihr letztes und als ein außergewöhnliches Polit-Bravourstücks in die Geschichte ein: Sie steht vor einer Horde Abgeordneter, die flüstert, auf sie zeigt oder sie offen verhöhnt. Ungerührt steht sie am Rednerpult, doziert in die Männerrunde, pariert freche Zwischenrufe mit vernichtend scharfem Witz. Am Ende lachen auch ihre Widersacher – und sie mit ihnen. Doch bei allem rhetorischen Glanz, dem zur Schau getragenen, schillernd-harten Panzer – Margaret Thatcher ist untröstlich. Und weil die Briten ihre weiche Seite nicht kennen, nimmt kaum jemand das wahre Ausmaß ihrer Erschütterung wahr.

Meryl Streep spielte Thatcher als orientierungslose Alzheimer-Kranke

Als ihre Limousine endgültig die 10 Downing Street verlässt, hat sie Tränen in den Augen. „Die Struktur meines Lebens wurde zerbrochen“, erinnert sie sich später in einem Interview. „Es war ganz so, als hätte man eine Glasscheibe mit einer sehr komplizierten Karte darauf zu Boden geschmissen. Alle Gewohnheiten und Gedanken und Handlungen, die darauf verzeichnet waren, und die Mitarbeiter, die dazu gehörten, all das wurde zerstört.“ Die Scherben, so Thatcher, die konnte man nie mehr zusammenfügen.

„Sie war wie eine großartige Athletin, die plötzlich an den Rollstuhl gefesselt ist“, beobachtet Christine Wall, ehemalige Sprecherin der Konservativen. So außergewöhnlich Thatcher war - sie hatte jenseits der politischen Weltbühne keine Hobbys oder Interessen. Vom Reisen hielt sie nicht viel – es befördere nur Erkältungen, urteilte sie einmal. Als Workaholic schlief Thatcher in ihrer Amtszeit nachts selten mehr als vier Stunden.

Nach dem Ende ihrer politischen Karriere ist sie nur noch selten in der Öffentlichkeit aufgetreten. Sie nahm einige Ehrentitel entgegen und kehrte auf Einladung ihres konservativen Tory-Erben David Cameron noch einmal zum Tee zurück in die Downing Street. Dabei hatte sie sich kaum verändert: Sie sah aus wie immer; ihre alte Rüstung saß tadellos. Dabei litt Margaret Thatcher zu dem Zeitpunkt schon an fortgeschrittener Demenz.

Wie sehr das späte Schicksal der kontroversen Politikerin die Briten bewegte, zeigte 2012 die Hollywood-Verfilmung „Die Eiserne Lady“. Meryl Streep spielte Thatcher darin als orientierungslose Alzheimer-Kranke, die in der Erinnerung zwischen zwei Schicksalsschlägen – dem Tod ihres Mannes Denis und dem Verlust der Macht – gefangen bleibt. Die Film-Biographie brachte Streep einen Oscar ein, Großbritannien eine hitzige Diskussion um kontroversen Menschen hinter der Macht. Schrille Chefin oder Alpha-Frau mit Herz? Eine dominante Meinung ließ sich auch nach dem Film auf der Insel nicht ausmachen. In Nordengland boykottierten Menschen den Epos, im hippen London geriet der von Streep reanimierte Thatcher-Look zum Kult. Indes war die Frau, um die es ging, zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr in der Lage, für sich selbst, ihr politisches Erbe oder ihre beispiellose Karriere, Wort zu ergreifen.

Trotz Alzheimer-Erkrankung, Hollywood-Interesse und zeitlichem Abstand ist Margaret Thatcher die polarisierende Figur geblieben, die sie auch in ihrer aktiven Regierungszeit war: hier bewundert, weil sie wie niemand sonst und wie ein Katalysator klare Ideen gepaart mit Willenskraft umsetzte, dort kritisiert als barscher „Bully“.

Diese Kontroverse, die auch jetzt, nach ihrem Tod, erneut zwischen der Verehrung einer Super-Heldin und einer kompromisslosen Tyrannin oszilliert, beweist die übergroße Rolle, die sie für Großbritannien darstellt. Unbestritten bei Feinden wie Anhängern ist jedoch, dass die Krämertochter mit ihrem Leistungswillen, ihrem Arbeitsethos, ihrer Härte und ihrem Machtinstinkt authentisch geblieben ist. Margaret Thatcher bleibt in Erinnerung dafür, dass sie mit ihrer persönlichen und unverhandelbaren Lebenseinstellung Politik gemacht hat – was sie weit über das Politische hinaushebt.

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