Die große alte Dame der Apokalypse: Gudrun Pausewang (1928–2020) Foto: dpa/Arne Dedert

Kritischen Geist zu wecken war ihre Mission: Mit 91 Jahren ist die Jugendbuch-Autorin Gudrun Pausewang gestorben.

Stuttgart - Als der Generation-Golf-Autor Florian Illies in der dritten Grundschulklasse im hessischen Schlitz war, las die Klassenlehrerin jede Woche aus ihrem neuen Buch vor: Es hieß „Die Wolke“, und die Klassenlehrerin hieß Gudrun Pausewang. Ihre Geschichte handelte davon, wie sich eine atomare Giftwolke einem kleinen Städtchen näherte.

Erst kurz zuvor war es zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl gekommen. Doch dass ganze Generationen von Schulkindern mit Anti-Atomkraft-Buttons über die Schulhöfe zogen, und der junge Florian Illies eine Zeitlang nur noch besorgt in den Himmel blicken konnte, verdankte sich dem aus der Sicht zweier Kinder erzählten Jugendbuch über einen zwar fiktiven, aber sehr realitätsnah geschilderten Reaktorunfall mitten in Deutschland. Die Atomlobby war alarmiert, besonders als bekannt wurde, dass der Titel 1988 für den Jugendliteraturpreis nominiert war. Rita Süssmuth (CDU), die damalige Familienministerin, verlieh ihn trotzdem, gegen den Widerstand­ der eigenen Partei.

Im Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz

Immer wieder wurde der 1928 in der damaligen Tschechoslowakei geborenen Autorin ihr radikaler Gestus vorgeworfen, mit dem sie drohendes Unheil in ihren mehr als hundert Büchern thematisiert hat. Schon 1993 beschrieb sie fast visionär in „Der Schlund“ die politischen Folgen einer riesigen Flüchtlingswelle, die den rechten Parteien mit ihren populistischen Parolen immer mehr Zulauf bringt.

Was es heißt, indoktriniert zu werden, hat die Tochter von Eltern, die der Wandervogel- und Lebensreformbewegung anhingen und begeisterte Nationalsozialisten wurden, aus nächster Nähe erfahren. In schonungsloser Offenheit sich selbst gegenüber erzählt sie in ihren „Rosinkawiese“-Bänden von ihrer schlesischen Kindheit. Bevor sie der Generation von Florian Illies und den darauffolgenden die Augen für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz öffnete, unterrichtete sie an verschiedenen Schulen in Südamerika. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde sie vor zwei Jahren für ihr Lebenswerk geehrt. Es ist aktueller denn je. Im Alter von 91 Jahren ist die große alte Dame der Apokalypse in Bamberg gestorben.

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