Wenn ein Schauspieler jung stirbt, dann gehört die Klage, wir hätten ein noch gar nicht überschaubares Talent verloren, zum Reaktionsritual. Im Fall von Anton Yelchin, der am 19. Juni von seinem eigenen Auto erdrückt wurde, ist das aber mehr als eine pietätvolle Phrase.

Stuttgart - Was sagt man als Schauspieler, wenn man die Chance vor Augen hat, beim Neustart eines legendären TV- und Kino-Franchise dabei zu sein? Keine Frage, man schwört, schon immer einer der größten Fans der Serie gewesen zu sein. Anton Yelchin, der in J.J. Abrams Neuerfindung von „Star Trek“ die aktuelle Version des Enterprise-Offiziers Pavel Chekov auf die Leinwand brachte, hätte da einen Meineid leisten müssen.

Und das wollte der Jungschauspieler, der am Sonntag bei einem bizarren Unfall zu Tode kam, nicht tun, weil er Filme, Fernsehen, Popkultur und die eigene Arbeit auf sympathische Weise ernst und wichtig nahm. Er sei nie Trekkie gewesen, hat der am 11. März 1989 in Leningrad Geborene zugegeben, auch „Star Wars“ habe ihn nicht besonders interessiert. Von allen Science-Fiction-Filmen habe ihm Mel Brooks’ respektlose Parodie „Space Balls“ (1987) noch am besten gefallen.

Der Clown an unserer Stelle

Die Arbeit ernst zu nehmen, also sein Bestes geben, und die Arbeit zugleich nicht zu wichtig zu nehmen, also auf keinen Fall um der Fanliebe willen mit der dargestellten Figur verschmelzen zu wollen, das ist eine ideale Mischung, um vor der Kamera witzig sein zu können. Yelchins Chekov ist in „Star Trek“ (2009) und in „Star Trek: Into Darkness“ (2013) mehr als die komische kleine Nebenfigur der alten TV-Serie, die in Zeiten des Kalten Krieges vor allem dadurch auffiel, dass sie trotz russischem Akzent und russischer Herkunft zu den guten Jungs gehörte.

Yelchins Chekov ist in seiner Aufgeregtheit, seiner Emotionalität, seiner von keinerlei Coolness gedämpften Begeisterung fürs Abenteuer Raumfahrt zugleich Clown und Bezugsfigur in den neuen Filmen. Kämen wir auf die Enterprise, hätten wir wohl alle mehr mit Chekov als mit Captain Kirk gemein.

Buntscheckig und frei von Dünkel

Man darf gespannt sein, wie Yelchin in „Star Trek: Beyond“, der am 21. Juli ins Kino kommen wird, einen gereifteren Chekov gespielt hat. Der Sohn russischer Eiskunstläufer, der mit seinen Eltern schon im Jahr seiner Geburt in die USA kam, war in einem Haus aufgewachsen, in dem die Künste allesamt geliebt wurden. Früh hat er den klassischen Film noir ebenso kennengelernt wie den Neorealismus und die Werke von Fellini und Tarkowski. Kulturdünkel war ihm offenbar fremd, der Zynismus, im Genrekino könne man einfach bloß seine Gage einstreichen, aber auch.

Er schaue bei der Rollenauswahl nicht auf den ganzen Film, nur darauf, ob ihn der einzelne Charakter interessiere, hat er seine bereits sehr buntscheckige Filmografie erklärt. Tatsächlich war es stets ein Vergnügen, dem engagierten Anton Yelchin zuzuschauen, egal, was um ihn herum passieren oder nicht passieren mochte. Aktuell läuft Jeremy Saulniers insgesamt sehr gelungener „Green Room“ im deutschen Kino: Yelchin spielt darin das Mitglied einer Punk-Band, die mit Neonazis in der US-Provinz aneinander gerät.

Große Pläne

Er wolle durchaus auch eigene Projekte verwirklichen, hat er bekannt, Drehbücher schreibe er bereits, auch Regie wolle er führen. Und typischerweise nannte er den russischen Kinoavantgardisten Dziga Vertov und dessen noch heute auf viele befremdlich modern wirkenden „Der Mann mit der Kamera“ von 1929 als Bezugsgrößen. Junge Hollywood-Schauspieler wirken schnell mal wie Nachplapperer und Poseure, wenn sie mit Namen aus der Filmgeschichte um sich werfen. Anton Yelchin klang immer überzeugend. Wer weiß, was aus seinem Mix von Genreverständnis und Kunstverstand noch alles entstanden wäre?

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