Ein Leben für den Laufsteg: Karl Lagerfeld Foto: AP

Karl Lagerfeld hat über ein halbes Jahrhundert die Modewelt geprägt. Nun ist er mit 85 Jahren gestorben.

Paris - Bis zuletzt war gerätselt worden. Kommt Karl Lagerfeld zur Fashion-Week Milano Moda Donna? Wird er zusammen mit Silvia Venturini Fendi, für die er seit 1965 arbeitete, über den Laufsteg stolzieren und den Schlussapplaus entgegennehmen? Einen Tag vor der Eröffnung der Show in der norditalienischen Metropole bricht eine bestürzende Nachricht über die Modewelt herein: Karl Lagerfeld ist tot. Er ist im Alter von 85 Jahren im Amerikanischen Krankenhaus im Pariser Vorort Neuilly gestorben, wie das Modehaus Chanel in Paris mitteilte. Laut französischen Medien litt Lagerfeld an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Gerüchte über den angeschlagenen Gesundheitszustand des exzentrischen Modeschöpfers kursierten seit Wochen. Vor allem seine Abwesenheit bei der Haute-Couture-Show von Chanel Ende Januar in Paris hatte zu Irritationen geführt. Es handle sich nur um eine Erschöpfung, lautete das offizielle Statement des Modehauses, für das er fast vier Jahrzehnte gearbeitet hat. Erst im November hatte er noch die berühmte Festtagsbeleuchtung auf der Pariser Prachtmeile Champs-Élysées eingeweiht. Wie kaum ein Zweiter hat „König Karl“, wie ihm seine Bewunderer huldigten und ihn seine Kritiker verspotteten, die Modewelt geprägt – und wurde selbst zur Marke.

Sein Urteil war gnadenlos

Seit 1976 trug er einen gepuderten Zopf, eine dunkle Sonnenbrille und den typisch hohen Vatermörderkragen. Er vermeide die Sonne, um nicht auszusehen wie eine alte Schildkröte, sagte er einmal. Etwas ­später kam ein Fächer hinzu, mit dem der Modezar ständig etwas nervös vor seinem Gesicht hantierte. Nach eigener Aussage diente das Accessoire vor ­allem dem Schutz gegen aufdringliche Paparazzi. Die Montur war aber auch eine Art Rüstung, eine undurchdringliche Fassade, hinter der sich der Mann verstecken konnte, der von einem ruhelosen Genie getrieben schien.

Legendär wie sein Äußeres war Karl Lagerfelds Scharfzüngigkeit, er urteilte gnadenlos über andere. Vernichtend war sein Urteil über allzu legere Freizeitkleidung: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Großen Wirbel löste 2017 Lagerfelds Kritik an Angela Merkel aus. Die deutsche Kanzlerin habe eine Million zusätzliche Flüchtlinge aufgenommen, „um sich ein charmantes Image zu geben“ – und sie habe einen großen Fehler gemacht: „Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, Millionen Juden töten, um danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen.“ Aus Protest drohte er mit der Aufgabe seiner deutschen Staatsangehörigkeit.

Lagerfeld spottete auch über sich selbst

Mit seinem Spott machte Lagerfeld auch vor sich selbst nicht halt. „Ich habe ja im Grunde nie etwas gelernt. Ich habe nicht einmal Abitur gemacht und nix“, sagte er über sich selbst – um natürlich den Widerspruch seines Publikums zu provozieren, das ihn verehrte wie kaum einen anderen.

Der Aufstieg Lagerfelds zum Urgestein des Pariser Chics ist lückenlos dokumentiert, nur um seinen Geburtstag ranken sich mehrere Geschichten. Nach eigenen Angaben kam er 1935 in Hamburg zur Welt – laut Auszügen des kirchlichen Taufregisters Hamburg und Aussagen seiner Lehrerin aber bereits im Jahr 1933. Als sicher gilt der Tag seiner Geburt: der 10. September.

Tatsache ist, dass Lagerfeld in begüterten Verhältnissen aufwuchs. Sein Vater, der Hamburger Kondensmilchfabrikant Otto Lagerfeld, machte mit Glücksklee-Milch ein kleines Vermögen. Seine Mutter Elisabeth, Tochter eines Landrats, stammte aus dem Münsterland. Sie war es auch, die das künstlerische Talent des Sohnes erkannte und mit ihm nach Paris zog.

Dem Erbe Coco Chanels blieb er treu

Dort arbeitete er nach dem Schulabschluss kurze Zeit als Illustrator. Schon mit 16 schaffte er den Einstieg in die Modebranche. Beim Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats in Paris belegte er 1954 mit dem Entwurf eines Mantels den ersten Platz – was ihm eine Lehrstelle beim Modeschöpfer Pierre Balmain verschaffte.

Er habe sich schon immer für Kleider interessiert, ohne zu wissen, dass man das Mode nenne, sagte Lagerfeld in einem seiner zahlreichen Interviews. Sein Meisterstück machte Lagerfeld mit der Umgestaltung der traditionsreichen Luxusmarke Chanel, für die er von 1983 an als Kreativdirektor arbeitete. Er hauchte der etwas angestaubten Modemarke mit seinen fast revolutionären Ideen neues Leben ein. Dem Erbe Coco Chanels blieb er treu, doch übersetzte er die kragenlosen Jacken neu, brachte den typischen Tweedstoff mal zerfranst, mal mit Bändern durchwirkt heraus, entwarf Motorradjacken mit Rautenmuster à la Chanel und kombinierte sie mit ­Bikerstiefeln. Seine Mode war elegant, minimalistisch und innovativ.

Er war ein Multitalent

Aber Lagerfelds unermüdlicher Gestaltungswille beschränkte sich nicht auf die Haute Couture. 2004 kündigte er an, kostengünstige Mode für den schwedischen Discount-Modefilialisten H & M zu entwerfen – ein absolutes Novum. Lagerfeld war der erste Design-Kooperationspartner. Ihm waren solche Freiheiten wichtig. Deshalb wollte er nie ein eigenes Unternehmen besitzen, sondern arbeitete mit der ihm eigenen eisernen Disziplin für verschiedene Häuser. Dabei, das betonte er unermüdlich, sei die Arbeit keine Last, sondern bereite ihm großen Spaß.

Lagerfeld war auch als Fotograf ein Star. Dabei war er nur durch einen Streit dazu gekommen. Bei Chanel war er mit dem Fotodirektor aneinandergeraten, der ihm genervt empfahl: „Wenn Sie so schwierig sind, dann machen Sie’s doch selbst!“ Was der Modemacher sich nicht zweimal sagen ließ. Er lichtete nicht nur seine eigene Werbekampagne ab, sondern veröffentlichte auch Kunstbücher und arbeitete für Modemagazine. Bekannt wurden Lagerfelds Aufnahmen für den Pin-up-Kalender des italienischen Reifenherstellers Pirelli. Der Unermüdliche zeichnete auch Karikaturen und entwarf Inneneinrichtungen. Zudem liebte Lagerfeld Bücher, mehr als 300 000 besitze er, sagte er; 1999 eröffnete er in ­Paris die Buchhandlung 7 L in der Rue de Lille 7, hatte zudem einen eigenen Verlag.

Claudia Schiffer: Karl war mein Zauberstab

Legendär ist Lagerfelds Gespür für Trends und auch für Menschen. Er war es, der Claudia Schiffer mit 18 Jahren für Chanel auf dem Laufsteg schickte. „Karl war mein Zauberstaub, er verwandelte mich von einem schüchternen deutschen Mädchen in ein Supermodel“, schrieb Schiffer (48) am Dienstag auf Instagram. Lagerfeld sei unersetzlich. „Was Warhol für die Kunst war, war er für die Mode.“ Die Schauspielerin Keira Knightley nennt Lagerfeld eine Legende, das Ex-Topmodel Carla Bruni bedankt sich bei ihm: „Lieber Karl, danke für all die Funken . . . Danke, dass du so viel Schönheit und Leichtigkeit in diese so schwere Mode gebracht hast, so viele Farben in dieses Grau, so viel Geist in diese erloschene Zeit.“

Privat blieb Lagerfeld für sich. Nach dem Tod seines an Aids erkrankten Partners Jacques de Bascher im Jahr 1989 wurde keine Beziehung mehr öffentlich. Er lebe gerne allein, sagte Lagerfeld. Zuletzt verhalf er Choupette auf die Coverseiten verschiedener Modemagazine. Bei Choupette handelt es sich allerdings nicht um einen Menschen, sondern um Lagerfelds Katze. Der Meister veröffentlichte in ihrem Namen Interviews und brachte Bücher auf den Markt. Choupette warb für Autos und Kosmetik und war auf allen wichtigen ­Social-Media-Plattformen vertreten – und soll auf diesem Weg mehrere Millionen Euro verdient haben.

Fast scheint es so, dass Karl Lagerfeld alles, was er mit seiner unbändigen Energie in Angriff nahm, in Gold verwandelte. Nun hinterlässt er ein Modeimperium, dessen Wert auf mehrere Milliarden Euro geschätzt wird. Das ist die eine, die wirtschaftliche Seite. Die ganze Wahrheit aber ist, dass die Welt mit dem Tod von Karl Lagerfeld den letzten, wirklich großen Modezaren verloren hat.

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