Szene aus Johannes Schaafs „Hänsel und Gretel“-Inszenierung von 1995 an der Staatsoper Stuttgart Foto:  

Der Regisseur Johannes Schaaf ist gestorben. An der Staatsoper Stuttgart hielt sich seine radikal nüchterne „Hänsel und Gretel“-Inszenierung gut zwei Jahrzehnte auf dem Spielplan. Unter seinen zahlreichen Filmen wurde „Momo“ 1986 sein erfolgreichster.

Stuttgart - Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken“, sagt Beppo, der Straßenkehrer. „Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut.“ Johannes Schaaf, dessen Leben am Freitag nach 86 Jahren endete, ist seinen Weg so gegangen – mitsamt allen Höhen und Tiefen. Und er hat die Szene mit dem Straßenkehrer Beppo ins Bild gesetzt, hat aus Michael Endes Erfolgsroman „Momo“ einen Erfolgsfilm gemacht.

Dass dieser letzte Film des 1933 in Stuttgart geborenen Regisseurs in vieler Hinsicht ganz naiv märchenhaft war und sein sollte, dürfte knapp zehn Jahre später, pikanterweise ausgerechnet im Todesjahr von Michael Ende, manchen Opernbesucher in seiner Geburtsstadt zum Grübeln gebracht haben: Als Schaaf, nun ganz fokussiert auf Musiktheaterregie, an der Stuttgarter Staatsoper „Hänsel und Gretel“ inszenierte, trieb er Engelbert Humperdincks Werk alles Märchenhafte aus: Weg mit dem deutschen Wald, rein in die böse Wirklichkeit! Das lange verniedlichte Kinder- und Weihnachtsstück wollte der Regisseur endlich einmal ernst nehmen. Deshalb zeigte er die Handlung als Prozess adoleszenter Bewusstwerdung, dessen moralinsaurem Erlösungs-Finale die befreiten Kinder mit Rassel, Tröten und Topfdeckeln kraftvoll widersprechen. Erst vor gut zwei Jahren sollte Schaafs Inszenierung durch eine neue ersetzt werden – was wegen des gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow verhängten Hausarrests aber scheiterte.

Oft standen der Kunst des streitlustigen Regisseurs Konflikte entgegen

Johannes Schaafs Weg war nicht gerade. Ein Medizinstudium hat er abgebrochen, um (erst als Schauspieler, dann als Regisseur) im Sprechtheater zu arbeiten; von dort aus zog es ihn zur Oper, von der Oper immer wieder zum Film. Während des Frankfurter Theaterstreits 1981 scheiterte er mit seinem Versuch, auf der Bühne ein demokratisches Mitbestimmungsrecht durchzusetzen. Und immer wieder standen Konflikte der Kunst im Wege: 1995 an der Stuttgarter Oper, als sich dort ein Streit zwischen Chor und Orchester einerseits, dem Intendanten Klaus Zehelein andererseits entzündete; im gleichen Jahr auch in Hamburg, als er als designierter Opernintendant einen Rückzieher machte wegen „Differenzen über das Wesen gemeinsamer Arbeit“ – später begründete Schaaf seinen Schritt damit, dass er „keine Oper der Repräsentation, sondern eine Oper der Inhalte“ machen wolle, eine auf den Dirigenten Ingo Metzmacher zielende Spitze. Und 2001 brach Schaaf in Baden-Baden die „Ring“-Produktion am Festspielhaus ab, weil er sich mit dem Dirigenten Valery Gergiev überworfen hatte.

Pikanterweise hat eine Auseinandersetzung des Regisseurs allerdings dafür gesorgt, dass eine Demission Musikgeschichte schrieb: Als Schaaf die geplante Regie des neuen Wagner-„Rings“ in Stuttgart hinschmiss, gebar Klaus Zehelein, mit dem sich der Regisseur erneut verkracht hatte, die Idee eines Zyklus mit vier verschiedenen Inszenierungs-Handschriften. Diese Idee verkaufte Zehelein, eloquent wie er war und ist, als Reflex der Kunst auf das Ende teleologischer Entwicklungen – und schuf so einen „Ring“-Prototypen für das 21. Jahrhundert.

Auf der Bühne hat Johannes Schaaf aber auch selbst einiges Unvergessenes geschaffen: An der Bayerischen Staatsoper München, an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen schuf er Inszenierungen, über die man streiten mochte, die aber immer eigene Ideen hatten und zudem von einem peniblen Umgang mit Text und Musik zeugten. In Stuttgart hat er „Wozzeck“, „Pique Dame“, „Rigoletto“, „Falstaff“ und „Lady Macbeth von Mzensk“ in Szene gesetzt. Und bis vor ein paar Jahren saß er mit seiner unverkennbaren weißen Haarmähne noch regelmäßig bei Premieren im Parkett des Opernhauses, immer wach, immer ansprechbar, immer neugierig. „Die ganze Welt“, schreibt Michael Ende in „Momo“, „ist eine große Geschichte, und wir spielen damit.“ Besser könnte man nicht beschreiben, was Johannes Schaaf zeit seines Lebens umgetrieben hat.

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