Harry Kupfer während der Proben zu Händels Oper „Poros“ im März 2019 an der Komischen Oper Berlin Foto: dpa/Soeren Stache

Im Alter von 84 Jahren ist der Regisseur Harry Kupfer in Berlin gestorben. Mit mehr als 175 Inszenierungen weltweit steht er für ein realistisches Musiktheater, das seine Bilder aus Text, Partitur und Figuren-Psychologie entwickelte. Nicht nur sein Bayreuther „Ring“ schrieb Theatergeschichte.

Berlin - Dann kam der Wozzeck. Als die Sopran-Legende Irmgard Stadler 2002 Abschied von ihrem Heimat-Haus, der Staatsoper Stuttgart, nahm, galt ihr Blick zurück in Liebe auch der Produktion, die 1983 am Eckensee Premiere gefeiert hatte. Damals inszenierte Harry Kupfer Alban Bergs Oper über Georg Büchners Schauspiel, und „die Marie“, erinnert sich die Sängerin, „war für mich eine ganz besondere Herausforderung. Weil es Kupfer, in dessen Kopf immer alles schon bis ins kleinste Inszenierungsdetail gespeichert war, tatsächlich geschafft hat, dass ich auf ganz natürliche Weise eine ganz andere Figur spielte als die, die ich ursprünglich spielen wollte.“ Auch Stadlers Bassbariton-Kollege Karl-Friedrich Dürr hatte, als er 2014 das Stuttgarter Ensemble verließ, farbige Erinnerungen an den Regisseur, wie er 1985 Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ an der Staatsoper inszenierte: „Das übt sich“, zitierte Dürr, der begabte Stimmen-Imitator, den militärisch schnarrenden Ton Harry Kupfers und lachte dazu. Ja, man hat ihn, den fokussierten Arbeiter, allerorten geschätzt und gemocht.

Der Theatermann, 1935 in Berlin geboren und an diesem Montag dort verstorben, war ein sehr besonderer. Neben Ruth Berghaus, Götz Friedrich, Joachim Herz und Peter Konwitschny zählt er zu jenen Regisseuren aus dem deutschen Osten, die das Erbe des legendären Walter Felsenstein weiter trugen. Felsenstein, der 1947 die Komische Oper Berlin gründete und bis zu seinem Tod 1975 leitete, sprach statt von Oper immer nur von Musiktheater, stand für „realistische“ Inszenierungen ohne so genannte Meta-Ebene, für Regiearbeiten aus dem Geist der Partitur, der Libretti, der Psychologie, für Inszenierungen für Menschen und mit Menschen, verständlich, also übersetzt in deutsche Sprache, unternommen am liebsten mit einem festen Ensemble. Felsenstein stand auch für exzellentes Handwerk, das ein Wissen um die Möglichkeiten und Grenzen der Gewerke wie der Sänger ebenso einschloss wie die Selbstverständlichkeit, mit der er stets rasch die Namen aller Beteiligten memorierte, auch der Kollektive.

Gutes Handwerk als Arbeitsgrundlage

Das haben seine Erben übernommen. Bei keinem von ihnen sind jemals laxe Sätze wie „Gehen Sie doch mal von links nach rechts, und bieten Sie mir mal was an“ vorgekommen; sie alle waren stets exzellent vorbereitet. Inszeniert haben sie aber sehr unterschiedlich. Harry Kupfer hat sich nicht als dezidiert (links-) politischer Regisseur verstanden wie Peter Konwitschny, aber er hat die Werke von gestern doch immer auf ihr kritisches Potenzial und auf ihre Relevanz befragen wollen – für die Gesellschaft von heute wie für den Einzelnen. Als Kupfer 1978 erstmals bei den Bayreuther Festspielen inszenierte, hat er den „Fliegenden Holländer“ aus der Albtraum-Perspektive Sentas erzählt – das Publikum war gespalten, aber keinen ließ sein inszenierter Psychotrip kalt, und so folgte zwingend die Einladung zur „Ring“-Inszenierung auf dem Grünen Hügel. Wagners Götter und Helden im Irrenhaus: Das hat Harry Kupfer dort 1988 (mit Daniel Barenboim am Pult) gewagt, da hat man ihn bejubelt, und dieser „Ring des Nibelungen“ war tatsächlich eine seiner besten Arbeiten.

Weltweit hat er mit seinem „Musiktheater, das den Menschen ins Zentrum rückt“ (Kupfer über Kupfer) Erfolge gefeiert; er hätte im Westen bleiben können. Das hat er nicht getan. Seit 1981 war er Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, dort fühlte er sich verwurzelt und zu Hause, 21 Jahre lang, weit über die Wende hinaus, bis nach ihm erst Andreas Homoki und dann Barry Kosky das Haus im Sinne Walter Felsensteins weiterführten. „Im Westen“, hat Kupfer einmal in einem Interview gesagt, „hätte ich nie so gute Arbeitsbedingungen gefunden.“ Außerdem habe er das Gefühl gehabt, „in der DDR als Künstler gebraucht zu werden“ – tatsächlich wären ohne sein reges Zutun viele Komponisten der DDR (wie etwa Siegfried Matthus oder Udo Zimmermann) diesseits der Mauer kaum oder nie wahrgenommen worden wären.

Meist war Hans Schavernoch als Bühnenbildner an Kupfers Seite

Oft haben die Bühnenbilder Harry Kupfers Inszenierungen stark mitgeprägt. Beim „Wozzeck“ in Stuttgart war der arme Titelheld auf der den Spiegelböden Wilfried Werz’ aberwitzig rotierender Bühne gefangen, sonst war oft Hans Schavernoch künstlerischer Partner des Regisseurs. In den späten Jahren, als Kupfers Kraft nachließ, haben die opulenten Bauten oft die Produktionen dominiert – so etwa 2010 bei „Fausts Verdammnis“ an der Oper Frankfurt oder 2014 beim „Rosenkavalier“ bei den Salzburger Festspielen.

„Ich möchte alle Fragen der Welt in dieser schönen totalen Kunstform, der Oper, durchspielen, um dabei Vorschläge zu machen für das Zusammenleben der Menschen“: Das ist ein Satz von Harry Kupfer, der bleibt. Zuletzt hat Kupfer zwar noch inszeniert, aber jüngere, kantigere, auch frischere Regisseure haben ihn an die Seite gedrängt und seine Regiekunst, die sich der Opulenz nie verweigerte, ein wenig altbacken wirken lassen. Nun ist die Ära Harry Kupfer endgültig Geschichte. Man könnte wehmütig werden. Und wer den „Rosenkavalier“ in Salzburg (oder später in Mailand) gesehen hat, der wird sich womöglich gerade jetzt an den Schluss des Stücks erinnern: diese Parklandschaft im Dunst. Nichts verstellt hier den Blick auf die jungen Liebenden, die schon fast nicht mehr zu sehen sind. Nur noch zu hören: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein . . .“

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