Der kalifornische Architekt Frank O. Gehry erweckte totes Material zum Leben, brachte Beton zum Schwingen. Ein Nachruf
Der Redakteur der „heute“-Sendung am Freitagabend im ZDF zeigte sich in seiner Moderation stolz: Er könne, so Carsten Sievers, die Bauten des kalifornischen Architekten Frank O. Gehrys „sofort erkennen“. Das liegt daran, dass Gehry wie vielleicht sonst nur noch Zaha Hadid einen unverwechselbaren Individualstil geschaffen hat, der ihn weltbekannt machte und ihm alle bedeutenden Architekturpreise eingebracht hat.
Solche Weltläufigkeit war ihm nicht in die Wiege gelegt. Geboren wurde er am 28. Februar 1929 in Toronto als Frank Owen Goldberg, Sohn polnischstämmiger Juden. 1947 zog die Familie aus wirtschaftlichen Gründen nach Los Angeles. Er besuchte eine Abendschule, jobbte als Lastwagenfahrer und studierte an der University of Southern California U.S.C zunächst Design und dann bis 1954 Architektur. Dass die Familie 1954 im antisemitischen Umfeld den Namen wechselte, hat Gehry später oft bereut.
Befreundet mit vielen Künstlern
1962 eröffnete er sein Architekturbüro und baute zunächst unspektakuläre Häuser. Sein Psychiater vermittelte ihm den Zugang zur Künstlerszene. Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Richard Serra, Claes Oldenburg und Andy Warhol sowie Literaten und Schauspieler zählten zum großen Freundeskreis des allzeit freundlich aufgelegten und zuvorkommenden Baukünstlers.
Der einflussreiche Architekt und Kurator Philip Johnson war es, der Gehry 1988 durch Aufnahme in die legendäre New Yorker MoMA-Ausstellung „Dekonstruktivistische Architektur“ adelte und ihn in eine Reihe mit Daniel Libeskind, Rem Koolhaas, Peter Eisenman, Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au und Bernard Tschumi stellte – und dies nur aufgrund eines einzigen Bauwerks. Der Umbau seines eigenen Vorstadthauses in Santa Monica mit rohen Materialien wie Wellblech, Maschendrahtgittern und Sperrholz in schrägen, splitternden, kippenden Formen wurde zu einer der Inkunabeln der Karambolage-Architektur des Dekonstruktivismus.
Bauten sollten Kunst sein
Die Architekturphilosophie überließ Frank Gehry Kollegen wie Peter Eisenman, wenngleich er in der Lage war mitzureden. Er baute Kollagen aus bunten Kuben gegen die grassierende Langeweile der dürftigen Alltagsarchitektur. Unkonventionell, sperrig, überraschen sollten seine Bauten sein, um reibungslose Funktion und perfekte Konstruktion machte er sich keine Sorgen. Selten ist im 20. Jahrhundert Bauen so entschieden als Kunst gesehen worden.
Der Welterfolg kam mit seiner Hinwendung zu spektakulären, wilden Kompositionen aus gekurvten, gefalteten, gewellten Baukörpern, angefangen 1987 mit dem Vitra Museum in Weil am Rhein, dann mit dem Paukenschlag Guggenheim Museum Bilbao (1991-97) als Höhepunkt seines Lebenswerks. Das Guggenheim wurde zu einem derartigen Publikumserfolg, dass die gesamte Stadt einen enormen Aufschwung nahm. „Bilbao-Effekt“ wird die Methode seitdem genannt, mithilfe eines signifikanten Bauwerks Stadtentwicklung zu forcieren.
Doch das gestalterische Repertoire war damit ausgereizt. Nachfolgebauten wie die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles (2003) waren nur noch selbstreferenzielle Kopien, das Biodiversidad Museum in Panama, aus der Ferne einem bunten Altmetallhaufen nicht unähnlich, nur noch fiebrige, manieristische Endzeitfantasie des Dekonstruktivismus. Aufsehen erregte er noch einmal mit der Fondation Louis Vuitton in Paris (2014), für deren eigentliche Zweckbestimmung, nämlich die Ausstellung von Kunstwerken, das skurrile Bouquet gläserner Schirme und Schalenformen auf den ersten Blick gänzlich ungeeignet scheint.
In Prag und Düsseldorf tanzen die Häuser
Für Bürobauten hatte Gehry inzwischen eine eigene Bildsprache entwickelt, indem er Kuben quetschte oder zylindrisch abrundete und in kontrastierende Materialien wie Ziegel, Titanblech und Putz kleidete. So zu sehen beim „Tanzenden Haus“ (Ginger und Fred) in Prag oder bei seinen Projekten in Deutschland, dem Neuen Zollhof in Düsseldorf (1999) und dem Gehry-Tower in Hannover (2001).
In Berlin wurde er von Botschafter Richard Holbrooke in den 1990er-Jahren eingeladen, die US-Botschaft am Brandenburger Tor zu bauen, doch die Oberhoheit des Geheimdienstes über das Bauvorhaben war Gehry suspekt. Aber er bekam den Auftrag für das Nachbarhaus am Brandenburger Tor, die DG-Bank. Damit gab Frank O. Gehry seinen Exegeten allerdings Rätsel auf. Plötzlich stand da am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor ein schwerer, steinerner Kasten, der so gar nichts von Gehrys Lockerheit und nonchalantem Freigeist ausstrahlte. Die massive Steinmauer mit tief eingeschnittenen, stereometrischen Fensterlöchern hat man als humorig-ironischen Kommentar des Architekten auf die strengen Berliner Gestaltungsvorschriften verstanden.
Im Lichthof schwebt ein Pferdekopf
Im Inneren ist dann wieder Gehry pur anzutreffen, ein im Lichthof schwebender, verknautschter Saal, in dessen Form manche einen Pferdekopf sehen. Und auch an der Südfassade ist er sich treu geblieben, zwar mit der vorschriftsgemäßen Steintapete, aber mit schwingenden Wänden und tanzenden Fensterkästen.
Gehry war einer der so genannten „Star-Architekten“ der Jahrtausendwende, deren Zeit offenbar unwiderruflich zu Ende zu gehen scheint. Nur der Däne Bjarke Ingels (51) als Nachrücker zieht gegenwärtig in vergleichbarem Maß internationale Aufmerksamkeit auf sich. Frank O. Gehry wurde 96 Jahre alt. Er starb am Freitag an seinem Haus in Santa Monica.