Claes Oldenburg mit seiner Pommes-frites-Skulptur „Shoestring Potatoes, Spilling from a Bag, 1966“. Der Künstler ist am Montag in New York gestorben. Foto: picture alliance/dpa/Henning Kaiser

Wie Andy Warhol zählte Claes Oldenburg zu den wichtigsten Vertretern der Pop-Art. Jetzt ist er im Alter von 93 Jahren gestorben.

Bei ihm durfte es immer ein bisschen mehr sein. Nicht nur an seinen Eisportionen könnten sich mehrere Schulklassen sattschlecken. Auch Cheeseburger, Spiegelei oder Sahnetorten servierte Claes Oldenburg dem Publikum gern in der Größe von Kühltruhen. Der Objektkünstler war nicht nur der letzte noch lebende Vertreter der klassischen Pop-Art, sondern auch der erste Konsumkritiker der US-Nachkriegsgesellschaft.

 

Der 1929 in Stockholm geborene Sohn eines schwedischen Diplomaten verbrachte bereits den Großteil seiner Jugend in den Vereinigten Staaten. Seit 1953 amerikanischer Staatsbürger, schloss er sich nach dem Kunststudium und über berufliche Umwege als Lokaljournalist und Bibliothekar in den frühen 60er Jahren jener New Yorker Avantgarde an, die den Abstrakten Expressionismus ablöste. Die Grenze von Hoch- und Trivialkultur fiel. Neue Themenwelten waren der Supermarkt, die Reklametafel, der Coffee-Shop. Oldenburg hatte mit neodadaistischen Assemblagen aus Straßenabfällen experimentiert und als Akteur skurriler Happenings für Furore gesorgt, bevor er zum Michelangelo des Junkfoods aufstieg.

Konsumkritik mit Ironie

Während es dem Weggefährten Andy Warhol bei der seriellen Registratur von Suppendosen oder Colaflaschen auf die coole Geste, die Affirmation des Oberflächlichen ankam, bohrte Claes Oldenburg dem amerikanischen Wohlstand den Stachel der Ironie ins Bauchfett. Sein Fastfood im XXL-Format ist weder lustvoll barock noch schlaraffenländisch heiter. Im quantitativen Überfluss kommt bereits der qualitative Mangel hochgerülpst. Die matschweichen Riesenpommes, die welken Salatblätter oder die aus Gips geformten und tropfend bemalten Steaks – statt Appetit zu wecken, erregen sie den Ekel des nicht mehr ganz Frischen. In der billig-obszönen All-You-can-eat-Gastronomie von heute hat Oldenburgs Frühwerk eher noch weiter an Aktualität dazugewonnen als verloren.

Doch er beschränkte seinen grotesken Verformungswitz nicht auf Nahrungsmittel allein. Mit Toiletten, Toastern und Schreibmaschinen aus knautschbarem Kunststoffmaterial hob er das Genre der Soft-Skulptur aus der Taufe. Abermals karikierte Oldenburg damit das kapitalistische Warensystem. Seine Fetische sind aufblasbarer Kitsch. In den 70ern wandelte sich der Weichmacher vom skulpturalen Softie zum Liebhaber der schärferen Kontur, der härteren Werkstoffe.

Kunst im öffentlichen Raum

Assistiert von seiner mittlerweile verstorbenen Frau Coosje van Bruggen, erweiterte der Künstler seinen Aktionsradius von Galerien und Museen dorthin, wo noch mehr Platz ist: in den öffentlichen Raum. Nicht zuletzt in Deutschland wurde der New Yorker zu einem gern gesehenen Gast, der etwa die Stadt Freiburg mit einem 125 Meter langen roten Gartenschlauch beglückte oder den Kasselern als Documenta-Beitrag eine gigantische Spitzhacke in die Karlsaue rammte. Spaßmaßnahmen, die Verfechtern traditioneller Denkmalästhetik demonstrieren sollten, dass das Große nicht unbedingt mit Pathos zu tun haben muss. Gleichzeitig aber fanden Freiluftplastiken wie die Beton-Billardkugeln am münsterschen Aasee zurück zu einer neuen Lust am Geometrischen und vereinigten lauten Pop mit dem stilstrengen Understatement des Minimalismus. An diesem Montag (18. Juli) ist Claes Thure Oldenburg, wie der Künstler mit vollem Namen hieß, im Alter von 93 Jahren in New York gestorben.