Nachrüstung Diesel-Autos Industrie hält Zusage bei Diesel nicht ein

Von Roland Pichler 

Die Autobauer wollten bis Jahresende 5,3 Millionen Diesel mit Software nachrüsten. Das ist nicht zu schaffen. Harsche Kritik kommt von den Grünen.

Die Software-Nachrüstung von Millionen Dieselfahrzeugen läuft schleppend.Foto: dpa

Berlin - Die Automobilindustrie hält ihre Zusagen beim Dieselgipfel von August 2017 nicht ein. „Die deutsche Automobilindustrie wird bei circa 5,3 Millionen der in Deutschland aktuell zugelassenen Diesel-Pkw in den Schadstoffklassen Euro 5 und 6 die Stickoxidemissionen bis zum Jahresende 2018 reduzieren.“ So steht es im Ergebnisprotokoll des Dieselgipfels vom 2. August 2017, das die Hersteller und Bundesregierung vereinbart haben. Doch das Ziel wird mit Sicherheit verfehlt. Das Bundesverkehrsministerium gab am Wochenende die aktuellen Zahlen zu den Software-Updates bekannt. Danach sind bisher 3,2 Millionen Dieselautos umgerüstet worden. In dieser Zahl sind die von den Behörden angeordneten Rückrufe für rund 2,5 Millionen VW-Dieselfahrzeuge enthalten. Volkswagen musste wegen der Abgasmanipulationen mit dem Austausch der Software schon 2016 beginnen. Diese Nachbesserungen sind inzwischen größtenteils abgearbeitet.

Das Nachsehen haben Bewohner in den Städten

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die von der Automobilindustrie versprochenen millionenfachen freiwilligen Software-Updates nur zögerlich vorankommen. Das Nachsehen haben die Bewohner in Ballungsräumen. Denn die Industrie will mit Software-Updates den Stickoxid­ausstoß um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent je Fahrzeug senken.

Bis zum Jahresende ist das angepeilte Ziel bei der Nachrüstung kaum mehr zu schaffen. Das zeigt der Blick auf die bisherige Entwicklung: Zu Jahresbeginn hatte die Autoindustrie in 2,8 Millionen Dieselautos die Motorsteuerung verbessert. Seitdem sind rund 400 000 Autos hinzugekommen.

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Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nannte es ein positives Signal, dass die Industrie beim Kraftfahrt-Bundesamt mehr Software-Updates beantragte als geplant. In- und ausländische Hersteller wollen mit 6,3 Millionen Dieselfahrzeugen eine Million Fahrzeuge mehr nachrüsten als zunächst vorgesehen. Die Unternehmen müssen sich die Software-Updates zuerst vom Kraftfahrt-Bundesamt genehmigen lassen. Der Verkehrsminister hatte angeordnet, dass alle Anträge auf Freigabe bis 1. September vorliegen. Scheuer sagte, die Autoindustrie habe geliefert. „Das ist eine gute Nachricht für saubere Luft in den Innenstädten.“ Er betonte aber, es bestehe weiter Zeitdruck. Bis Jahresende müssten die Hersteller alle 5,3 Millionen Software-Updates installieren.

Grüne: Zeitplan für Nachrüstung krachend gescheitert

Die Opposition im Bundestag übte Kritik am Vorgehen. Der Grünen-Verkehrspolitiker Oliver Krischer sagte unserer Zeitung: „Der Zeitplan für die Nachrüstung ist krachend gescheitert.“ Von den versprochenen Software-Updates fehlten noch zwei Millionen, so Krischer. Er rechnet damit, dass das Aufspielen der Software noch mindestens ein bis zwei Jahre dauern werde. Bei der freiwilligen Aktion installierten die Hersteller das Software-Update erst beim nächsten Werkstattbesuch, der zum Beispiel im Rahmen der Inspektion vorgesehen ist. Damit könne noch viel Zeit vergehen, meinte Krischer.

Kritisch äußerte sich auch der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer, der Chef des Forschungsinstituts CAR an der Universität Duisburg-Essen. Er erwartet, dass die Software-Nachrüstung im angegebenen Umfang bis Jahresende nicht mehr zu schaffen ist. „Der Grund für die Verzögerungen liegt zum großen Teil bei der Industrie“, sagte Dudenhöffer. Sie habe zu optimistische Versprechen abgegeben.

Verkehrsminister Hermann hätte gerne auch Hardware-Updates

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ist froh, dass „jetzt endlich Bewegung in die Sache kommt“. Aber es sei sehr spät, zu langsam und noch nicht ausreichend. „Zudem müsste das Thema Hardware-Nachrüstung als wirksame Maßnahme zur Senkung des Stickoxid-Ausstoßes älterer Diesel-Fahrzeuge dringend angegangen werden“, sagte Hermann. „Die kategorische Ablehnung durch die Bundesregierung und die Autobranche ist weder vernünftig noch akzeptabel.“

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) erklärte, dass die deutschen Hersteller zu den Vereinbarungen auf dem Dieselgipfel stünden. Die Industrie habe die Anträge auf Nachrüstung für die zugesagten Fahrzeuge fristgerecht beim Kraftfahrt-Bundesamt eingereicht, teilte der VDA mit. Wenn die Freigaben erteilt worden sind, würden die Software-Updates den Kunden kostenlos zur Verfügung gestellt. „Wichtig ist, dass viele der betroffenen Halter ihr Fahrzeug zum Update in die Werkstatt bringen, denn nur dann gibt es einen deutlichen Effekt zur Verbesserung der Luftqualität“, so der VDA.