Wolfgang Dauner vor dem EMS Synthi 100 – für seinen Sohn Florian war es das Cockpit eines Raumschiffs. Foto: Landesbibliothek

Die Württembergische Landesbibliothek verfügt über den Nachlass des Stuttgarter Musikers Wolfgang Dauner – und präsentiert diesen Schatz erstmals in einer großartigen Ausstellung.

Wie passt der Mensch Wolfgang Dauner, der zwischen Wildheit und Ordnung seinen Weg fand und der „Im Wendekreis des Steinbocks“ ein spannendes Musikerleben führte, das ihn zu einem herausragenden deutschen Jazzmusiker, zu einem großen Sohn Stuttgarts machte – wie passt so einer in die Ausstellungskästen einer Bibliothek?

 

Wolfgang Dauner starb 84-jährig 2020 in Stuttgart, sein Nachlass befindet sich seit Kurzem in der altehrwürdigen Württembergischen Landesbibliothek (WLB), 1765 von Herzog Karl Eugen gegründet, mit ihren inzwischen Millionen von Medien. Ist es nicht ein wenig so wie im Film bei Charlie Chaplin, der, als er seinen Koffer packt, merkt, dass nicht alles reingeht, und daraufhin Strümpfe, Krawatten, Hemdsärmel, halt alles, was raus guckt, mit der Schere abschneidet? Findet sich eine Persönlichkeit mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihrer staunenden Kindlichkeit wie auch der abgeklärten Altersweisheit, findet sich Wolfgang Dauner in einem Nachlass wieder?

Dank Randi Bubats Beharrlichkeit

Machen wir uns auf die Suche, denn erstmals präsentiert die Landesbibliothek ihre neuen Schätze nun in einer Ausstellung der Öffentlichkeit. Begleitet werden wir von Dauners Lebensgefährtin Randi Bubat, seiner jahrzehntelange Muse, seit fünf Jahren Witwe. Ohne deren unermüdliche Beharrlichkeit wäre das Ausstellungsprojekt nicht verwirklicht worden. Gesellschaft leistet uns Ulrike Becker, eine promovierte Bibliothekarin, die in ihrer fünf Jahre währenden Arbeit die Ausstellung als Kuratorin in enger Zusammenarbeit mit Bubat erstellt hat.

Randi Bubat in der WLB-Ausstellung Foto: Thomas Staiber

Als Werkzeugmacher bei der Firma Mailänder hat Wolfgang Dauner in den 1950er Jahren ein Trompetenmundstück gefertigt, da er sich nachts bei Gigs in „Ami-Clubs“ ein paar Dollar dazu verdiente. Marika Rökk war mal da und bot ihm an, mit ihrem Orchester auf Tournee zu gehen. Dauner akzeptierte und kündigte. Der Weg zum professionellen Musiker begann. Dauner wechselte bald darauf zum Klavier. Bei seiner Tante in Cannstatt hatte er einst Unterricht bekommen und sich, wen wundert’s, als höchst begabt erwiesen.

Jazz muss swingen“ heißt eine Station der Ausstellung. Für Dauner, der seine ganze Kindheit in der Nazizeit verbringen musste, war die Musik, war der Jazz ein Tor zur Freiheit. In den späten 60er Jahren politisierte sich Dauner wie manche seiner Generation und viele Jüngere. Er inszenierte polarisierende Spontanaktionen und nannte sein anarchisches Ding „Free Jazz mit Köpfchen“. 1970 machte Dauner bei den Musiktagen in Donaueschingen Furore. In den Schaukästen finden sich grafische Anweisungen davon, ganz ohne Noten.

Werner Schretzmeiers Notizblock für die Gigs

Die dritte Station ließe sich mit „Fusion“ überschreiben. Dauner, Genregrenzen lustvoll ignorierend, machte mit „Et Cetera“ Krautrock und zeigte eine starke Tendenz zum Experiment. Er nutzte riesige Synthesizer und Computer, um die Klanghorizonte zu erweitern und verschmolz schließlich Jazz und Rockmusik. Mit dem legendären United Jazz + Rock Ensemble, der Band der Bandleader, begann der europäische Jazz, sich vom US-amerikanischen Jazz zu emanzipieren. Werner Schretzmeier, der jetzige Theaterhaus-Chef, war Mitte der Siebzigerjahre als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk Taufpate dieses überaus erfolgreichen Projekts. Ein Notizblock mit seiner Handschrift zeigt die präzisen Vorbereitungen der Gigs. Die LP „Live im Schützenhaus“ von 1977, erschienen im eigenen Musikverlag Mood Records, wurde zum meistverkauften deutschen Jazzalbum. An der großflächigen Ausstellungswand ist es nur ein Plattencover von vielen.

Dauners kritischer Umgang mit sozio-ökonomischen Bedingungen verdichtete er bei seiner Oper „Urschrei“. Klangbeispiele von allen Phasen seines Lebenswerks können mit bereitgestellten Kopfhörern in der WLB abgehört werden. Die Ausstellung gibt aus der Perspektive des Künstlers Wolfgang Dauner den Blick frei auf einen wesentlichen Teil unseres kulturellen Lebens: auf den Jazz. Kunstministerin Petra Olschowski bezeichnet den Dauner’schen Nachlass als „einzigartig“. Tatsächlich ist es der bislang erste Jazz-Nachlass in der riesigen Musiksammlung der Württembergischen Landesbibliothek. Höchste Zeit!

Zahlreiche Stiftungen und Jürgen Schlensog als Förderer

Dass der umfangreiche Nachlass in Stuttgart, Dauners Heimatstadt, bleibt, ist sehr erfreulich. Dem Jazz-Open-Promoter Jürgen Schlensog ist dies neben verschiedenen Stiftungen zu verdanken.

Es ist eine Freude, durch diese Ausstellung zu schlendern: Hier kann man Notenhandschriften begutachten, da skizzenhaft Notiertes und die zahlreichen Tonbänder und Videokassetten in Augenschein nehmen, die Dauners Auftritte in der Zuckerfabrik oder in Fernsehstudios dokumentieren. Oder man lauscht ein paar Minuten Dauners glasklarem Piano-Solo und schmunzelt über seine Handzeichnung, auf der ein Mensch ein Klavier umarmt und fortträgt.

Das Schöne an diesem Nachlass: Er ist nicht tot. In ihm schlummert das Leben. Man muss es nur wecken. Das tut Dauners Sohn Florian, der Drummer der Fantastischen Vier. Als Bub unter dem berühmten Bösendorfer Flügel des Herrn Papa kauernd, hat Florian Dauner Jazz und Rock entdeckt und viele interessante und lustige Menschen wie Ack van Rooyen oder Charlie Mariano kennengelernt. Als er groß war, hat er häufig im Duo mit seinem Vater Musik gemacht. Was für ein Geschenk für beide!

Vormerken: Dauner Junior im Bix

Am 31. Dezember 2026, wenn der Vater 91 Jahre alt werden würde, wird Dauner junior mit einer jungen Band Stücke des alten Herrn spielen. Dass diese frisch rüberkommen wie ein Korb voll knackiger Äpfel, das kann man an Silvester im Jazzclub Bix erleben. Vielleicht öffnet sich da die Himmelspforte einen Spalt, und ein Mann mit schwarzem Schnurrbart und dunkler Sonnenbrille lächelt versonnen herunter und freut sich über uns hienieden.

„Wolfgang Dauner. Jazz et cetera“

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„Wolfgang Dauner. Jazz et cetera“. Württembergische Landesbibliothek, Konrad-Adenauer-Str. 10, Stuttgart. Bis 13. Juni. Geöffnet Mo bis Fr 8 bis 22 Uhr, Sa 10 bis 20 Uhr, So/Feiertage sowie am 4. April, 2. Mai und 23. Mai geschlossen. Die Ausstellung wird gefördert durch die Baden-Württemberg-Stiftung, die Berthold Leibinger Stiftung und die Sparda-Bank Baden-Württemberg.