Gerlingens Bürgermeister Wilhelm Eberhard (links) und der Vorsitzende der Ungarndeutschen Landsmannschaft Dr. Ludwig Leber bei der Übergabe der Patenschaftsurkunde am 19. Oktober 1969. Foto: Stadtarchiv Gerlingen

Landsmannschaftsverband begeht 75-Jahr-Festakt in ihrer „heimlichen Hauptstadt“.

Gerlingen ist für die Geschichte der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg von zentraler Bedeutung. Für überdurchschnittlich viele Vertriebene wurde die Strohgäustadt nach 1946 zur neuen Heimat. Der Landesverband Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU) feiert deshalb im Rahmen der alljährlichen Kulturtagung auch sein 75-Jahr-Jubiläum in Gerlingen.

 

Noch während des Zweiten Weltkriegs beginnt die Sowjetunion, Ungarndeutsche als Zwangsarbeiter zu verschleppen. Nach Kriegsende, am 19. Januar 1946, werden in Budaörs, in der Nähe von Budapest, dann die ersten Deutschstämmigen in Viehwaggons nach Deutschland ausgewiesen. Am Ende der Massenvertreibung haben mehr als 200 000 Ungarndeutsche ihre alte Heimat verloren.

Welche Auswirkungen dieses Ereignis auf das damals noch kleine Gerlingen hat, zeigt sich wenig später. Schon am 29. April desselben Jahres erreichen die ersten Ungarndeutschen die Strohgäugemeinde, zu dieser Zeit ein Dorf mit weniger als 4000 Einwohnern. Bis zum Jahr 1958, so belegt eine Statistik, lassen sich 753 Ungarndeutsche in Gerlingen nieder. In der inzwischen knapp über 10 000 Einwohner großen Stadt leben damit Ende der 50er-Jahre über 3600 Vertriebene und Flüchtlinge – ein Anteil von 35 Prozent und damit weit mehr als in fast allen anderen Kommunen in Baden-Württemberg.

Viele kamen aus ein und demselben Dorf nach Gerlingen

Das Besondere in Gerlingen ist aber nicht die schiere Zahl an ungarndeutschen Neubürgern: Vielmehr, dass „ungewöhnlich viele Menschen aus ein und demselben ungarischen Dorf in Gerlingen ankamen“, so erklärt Stadtarchivar Klaus Herrmann. Die ersten 201 Personen, die im April 1946 der Gemeinde zugeteilt werden, stammen allesamt aus Schambek (Zsámbék) nahe Budapest. Dieser Umstand sei verantwortlich dafür, dass die Ungarndeutschen in Gerlingen in der Folge ein deutlich stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln als andere Vertriebene, sagt Herrmann. Mit einer entsprechenden Wirkung auf die Stadt.

Nicht nur beim Häuserbau helfen sich die Ungarndeutschen tatkräftig untereinander und verändern damit das Stadtbild. Auch kulturell beeinflussen die Neubürger aus Ungarn ihre Umgebung: „Es kamen Menschen mit anderen Bräuchen und einer anderen Religion nach Gerlingen“, erzählt Herrmann. Im Ort gibt es plötzlich Frauen in schwarzer Tracht und mit schwarzen Hauben. Für manchen Gerlinger wohl ein allzu befremdliches Bild.

Weigerung, die Fremden im eigenen Haus aufzunehmen

Entsprechend schreibt der verstorbene ungarndeutsche Gerlinger Georg Tafferner in seinen Erinnerungen, dass zu Beginn der Besiedlung die Einweisung der einzelnen Familien in die Häuser der Alteingesessenen keineswegs überall „glatt vonstattenging“. So wehrten sich einige Hauseigentümer nachdrücklich, die Fremden in den eigenen vier Wänden aufzunehmen.

Doch Fleiß, gesellschaftliches Engagement und Integrationswillen sind groß bei den aus Ungarn vertriebenen Deutschen – und so wächst in Gerlingen die Stadtgesellschaft aus Alt- und Neubürgern, wie anderorts auch, allmählich zusammen. Bereits 1947 gehörte mit Joseph Bader der erste Ungarndeutsche dem Gemeinderat an. Auch dass das tief pietistisches Gerlingen 1955 erstmals eine katholische Kirche erhält, ist nicht unerheblich den Vertriebenen katholischer Konfession zu verdanken.

Ein starkes Bekenntnis Gerlingens zu seinen ungarndeutschen Mitbürgern ist die Übernahme der Patenschaft für die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn 1969. Alt-Bürgermeister Albrecht Sellner betonte 2019 anlässlich der 50-Jahr-Feier der Patenschaft, dass Gerlingen erst in der Folge dieses Beschlusses „Zentrum des Ungarndeutschtums in Baden-Württemberg“ wurde. Weitere Wegmarken sind die Ausrichtungen der ungarndeutschen Kulturtagungen ab 1970, die jährliche Veranstaltung des Bundesschwabenballs ab 1976 und schließlich die Unterzeichnung der Partnerstadtvereinbarung mit Tata im Mai 1987.

Starkes Bekenntnis zu ungarndeutschen Mitbürgern

Und heute? Wie der Gerlinger Erich Gscheidle, Landesgeschäftsführer des LDU, betont, sei Gerlingen nach wie vor „die heimliche Hauptstadt der Ungarndeutschen in Deutschland“. Inzwischen stehe aber nicht mehr die Pflege des Brauchtums, sondern die der Kontakte nach Ungarn im Vordergrund der Arbeit des Verbandes und der Ungarndeutschen. Dass der seit 1952 bestehende Gerlinger Stadtverband der LDU wie alle anderen Vereine Nachwuchsprobleme habe, räumt Gscheidle ein. So gebe es in Gerlingen zum Beispiel keine Jugendtanzgruppe der Ungarndeutschen mehr. Doch unabhängig von Vereinsstrukturen sei bei jungen Menschen heute eben doch wieder ein großes Interesse an den eigenen Wurzeln zu spüren. Und darauf lasse sich aufbauen.

Die 44. Kulturtagung und der Festakt „75 Jahre Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn in Baden-Württemberg“ finden am 12. Oktober ab 14 Uhr im Gerlinger Rathaus statt. Referentin der Kulturtage unter dem Titel „Vergangenheit hat Zukunft“ ist die Ungarndeutsche Krisztina Szeiberling-Pánovics. Die Festansprache anlässlich des Jubiläums des LDU hält Innenminister Thomas Strobl (CDU).