Der Umwelt zuliebe wenden sich viele Menschen gerade von klassischen Einweg-Produkten ab. Molkereien und Getränkehändler stellt das jedoch vor ganz neue Probleme – denn wo sollen sie plötzlich so viel Glas herbekommen?
Stuttgart - Eine Supermarktfiliale zur Feierabendzeit. In der Gemüseabteilung verlangt eine Frau nach frischen Zucchini, an den Kassen wippen Menschen ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Es herrscht Tag-vorbei-Stimmung. Für die meisten ist es der letzte Zwischenstopp auf dem Heimweg.
Dass man in solchen Momenten ungern unnötigen Ballast mit sich herumschleppt, kann Ines Buschlüter nicht nachvollziehen. Gerade zieht ein Kassierer in dem Supermarkt die letzten Einkäufe der 29-jährigen Stuttgarterin über den Scanner: Butter, Nüsse, ein Glas Joghurt. Buschlüter packt das Glas in ihren Rucksack, wo es klimpernd gegen ein paar weitere stößt. Nach Hause braucht sie auf dem Fahrrad noch gut 15 Minuten. Statt der schweren Glasprodukte Plastik- oder Kartonverpackungen zu wählen, kommt für Buschlüter trotzdem nicht infrage – aus Prinzip.
Die Glasbehälter werden knapp
Dass viele Menschen heute aus Nachhaltigkeitsgründen aktiv auf Plastik und Einwegprodukte verzichten, verändert den Markt. Zwar hat eine Studie des Umweltbundesamtes kürzlich ergeben, dass der Anteil von Mehrwegflaschen bei den pfandpflichtigen Getränken 2017 mit 42,2 Prozent auf einem neuen Tiefststand lag. Doch gerade bei Getränken und Molkereiprodukten wie Joghurt, Sahne oder Milch berichten Produzenten von einer deutlich steigenden Nachfrage nach Alternativen aus Glas. Und inzwischen ist der Mentalitätswandel auch für die Betriebe in Deutschland spürbar.
„Es gibt Molkereien, die dieses Jahr 20 bis 30 Prozent mehr Glasware hätten produzieren können – wenn sie denn genügend Gläser gehabt hätten“, sagt Martin Albrecht, Geschäftsführer des milchwirtschaftlichen Vereins Baden-Württemberg. Nachdem Molkereiprodukte im Glas in den 1990er Jahren nämlich noch weitgehend verpönt gewesen und viele Betriebe aus der Produktion ausgestiegen seien, führe das sprunghafte Wiederaufleben heute zu Lieferengpässen bei den Glasherstellern. Wer im Frühjahr 2019 genügend Behälter vorbestellt hatte, hatte Glück. Wer in der laufenden Produktion aufstocken wollte, das Nachsehen.
Produzenten stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen
„Vor allem seit Fridays for Future und Greta Thunberg sind Produkte im Glas bei uns ebenfalls gefragter als wir gedacht hätten“, bestätigt auch Susanne Wendt, Pressesprecherin der bayerischen Molkerei Berchtesgadener Land.
In den letzten fünf Jahren hat sich die Nachfrage nach Glas bei Berchtesgadener Land fast verdoppelt. Das jedoch bringt die Molkerei an ihre Grenzen. „Unsere Anlage ist zu 100 Prozent ausgelastet“, beschreibt Wendt. Die Konsequenz: Seit September bietet das Unternehmen seinen konventionellen Schlagrahm nicht mehr im Glas, sondern nur noch in der Kartonflasche an. „Von einem Flaschenartikel mussten wir uns trennen. Wir haben die Kapazitätsgrenzen erreicht“, erklärt Wendt. Jetzt müsse erst einmal eine neue Mehrwegglasanlage inklusive zusätzlicher Gebäude gebaut werden – und das dauert eben seine Zeit.
Gibt es einen Greta-Effekt?
So drastisch aufzustocken sei ein Unterfangen, das sich für viele Betriebe nicht auszahle, meint Martin Albrecht. Kostenintensive Neubauten, langwierige Bauanträge, hohe Emissionsvorlagen: „Jetzt in die Glasproduktion einzusteigen, brächte zu hohe Kosten mit sich.“ Ob der Trend letztlich wirklich durch die Fridays-for-Future-Bewegung ausgelöst worden sei, will er nicht sagen. „Fakt ist, dass die Händler wieder mehr Regalplätze für Glasware anbieten. Und dass der Trend zur Glasflasche ursprünglich aus der Getränkebranche kam“, so Albrecht.
Dementsprechend wird auch beim Getränkehersteller Alwa aus Sachsenheim umgebaut: Die Planungen für eine neue PET-Anlage hat das Unternehmen bereits gestoppt. Stattdessen soll jetzt eine weitere Glasanlage errichtet werden. Der Grund: Auch hier ist der Umschwung deutlich spürbar. Allein im laufenden Jahr wurden 50 Prozent mehr Artikel aus Glas verkauft als noch im Vorjahr. Der Absatz von PET-Einwegflaschen ging im selben Zeitraum hingegen um 20 Prozent zurück.
„Nicht die deutschen Plastikflaschen landen im Meer“
Ganz nachvollziehbar ist die Abkehr von den Plastikflaschen für Kevin Fantazi, Marketing-Manager des Unternehmens, allerdings nicht: „Wir haben hierzulande ein vorbildliches Rücknahme- und Recycling-System für Getränkeflaschen“, sagt er kopfschüttelnd. „Es sind nicht die deutschen Plastikflaschen, die im Meer landen.“
Ines Buschlüter hat sich darüber auch ihre Gedanken gemacht. „Man kann die Verantwortung für die Umwelt nicht einfach so abschieben. Wir müssen alle unseren Teil leisten,“ sagt sie, schultert ihren klimperndem Rucksack und fährt mit dem Fahrrad in den Feierabend.