Der berühmte Gartengestalter Piet Oudolf hat verschlungene Wege inmitten des ganzjährig sehenswerten Staudengartens angelegt. Weitere Bilder, die den Garten zeigen, finden sich in der Bildergalerie. Foto: Vitra

Piet Oudolf gilt als „Rockstar unter den Gartengestaltern“. Er hat einen grandiosen Staudengarten auf dem Gelände des Vitra Design Museums in Weil am Rhein angelegt. Ein Rundgang.

Auf den ersten Blick sieht es ziemlich wild aus, was sich da vor dem Schauhaus auf dem Vitra-Campus im baden-württembergischen Weil am Rhein breitgemacht hat: Gräserbüschel, kratzige Disteln und allerlei Verblühtes mischen sich mit einigen Farbtupfern von zurzeit blühenden Sommerstauden wie purpurnem Scheinsonnenhut und orangegelber Sonnenbraut.

 

Durch das rund 4000 Quadratmeter große Gelände schlängeln sich brezelartig verschlungene Kieswege und bieten immer neue Perspektiven auf die Pflanzungen und die umgebende Architektur. Was so zufällig und wild wirkt, ist bis ins Detail durchdacht und geplant.

30 000 Pflanzen im Garten

Der renommierte niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf hat hier einen Garten entworfen, der ziemlich anders als übliche Parkanlagen ist. Es gibt keine kurz geschorenen, großen Rasenflächen, keine akkurat gestutzten Hecken und erst recht keine mit bunten Sommerblumen bestückten Schaubeete.

Der naturnah anmutende Garten besteht aus rund 30 000 Pflanzen, vorwiegend Stauden und Gräsern, die vom Meister des „Neuen Naturalismus“ für eine ganzjährig ästhetische Wirkung zusammengestellt wurden. Denn das Grundgerüst typischer Piet-Oudolf-Gärten sind Pflanzen, die über die Jahreszeiten hinweg reizvoll aussehen, und zwar nicht nur zur Blütezeit, sondern auch im Werden und Vergehen – also sogar im Winter.

Ein Konzept, das sich grundsätzlich von den üppigen Blumenrabatten im traditionellen englischen Stil unterscheidet. Dieser Garten ist eher ein Hauch anmutiger Natürlichkeit im Lauf der Zeiten als eine üppige Zurschaustellung saisonaler Blütenpracht für den Augenblick.

Piet Oudolf gilt als einer der Pioniere des „New Perennial Movement“, einer Bewegung in der internationalen Gartenszene, die seit den 1980er Jahren eine neuartige Verwendung von Stauden propagiert. Schon damals dachte Oudolf an Gärten, die weniger dekorativ und arbeitsintensiv sind, dafür ressourcenschonender, wilder und emotional berührender.

Heutzutage würde man das vielleicht als „nachhaltiges Gärtnern“ bezeichnen. Das „Wall Street Journal“ nannte ihn wegen seiner unkonventionellen Gartenkonzepte einmal den „Rockstar unter den Gartengestaltern“.

Nichts wird dem Zufall überlassen

Er selbst nennt sich „Landschaftsgartendesigner mit einem Schwerpunkt auf Pflanzungen“. Das klingt zwar sperriger, ist aber zutreffend. Der 1944 in Haarlem geborene Niederländer hat in den vergangenen zwanzig Jahren international bekannte Anlagen wie den Garten der Galerie Hauser & Wirth in Somerset, den Lurie Garden in Chicago und die Serpentine Gallery im Londoner Hydepark entworfen.

Sein wohl bekanntestes Projekt ist der High Line Park in New York City, ein aufgelassenes Hochbahnviadukt, das er in eine botanische Oase inmitten der Metropole verwandelte. In Deutschland realisierte Oudolf unter anderem im Gräflichen Park in Bad Driburg seine charakteristischen Pflanzungen.

Der Vitra-Garten zeigt bei genauer Betrachtung, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde. Am Anfang standen Oudolf alle Optionen auf dem Campus offen. Aber er entschied sich, den 2020 gestalteten Garten direkt vor dem vom Basler Architektenteam Herzog & de Meuron entworfenen Schauhaus anzulegen. Das Gelände erstreckt sich bis zum Schaudepot.

Die wie gestapelt wirkenden, streng formalen Bauelemente bilden einen markanten Kontrast zu den archaisch anmutenden Staudenpflanzungen. Oudolf wollte, dass die Menschen, wenn sie aus dem Design-Tempel herauskommen, den Garten sehen und sich dorthin eingeladen fühlen. Um das zu erreichen, erstellte er einen Masterplan, der festlegte, wie die Besucher sich im Garten ungezwungen bewegen könnten.

Die Arbeiten der Designbrüder Ronan und Erwan Bouroullec, eine marmorne Brunnenrinne und ein Ring aus Stahl um einen alten Kirschbaum, waren vorhanden und wurden ins Konzept eingebunden. Aber im Garten würde es ansonsten keine geraden Linien und keinen weiteren Kristallisationspunkt geben. Ausschlaggebend sollten allein der Perspektivwechsel und die individuellen Entscheidungen der Besucher sein.

„Sich verlieren auf den Wegen“, das hatte Oudolf bei der Planung im Sinn. Daher gibt es keine geraden Sichtachsen. Schließlich erstellte Piet Oudolf eine Liste von Pflanzen, von denen er wusste, dass sie auf dem ganztägig sonnigen Gelände „funktionieren“. Die standortgerechte Auswahl von Gewächsen ist ein wesentlicher Aspekt der Anlagen Piet Oudolfs, auch, damit sich die Pflege problemlos gestaltet. Hier gehören Trophäenpflanzen und Hätschelkinder einfach nicht hin.

Mit den ausgewählten Pflanzenarten „komponierte“ er schließlich den Garten. Denn beim Gestalten eines Gartens ist es seiner Meinung nach so wie bei der Komposition eines Musikstücks: „Es gibt nur wenige Noten, aber unendlich viele Arten von Musik“. Farben spielen zwar eine Rolle, aber auch andere Aspekte, darunter akustische, wie etwa das Rascheln von Gräsern im Wind.

Zauberhafter Raureif auf den Beeten

Der Überschwang der Blüten im Frühsommer ist nur ein Bestandteil der Pflanzung. Deshalb bleiben die Gewächse bis zum Spätwinter unangetastet auf den Beeten. Die welken Blüten, die Fruchtstände sowie das schüttere Laub der Stauden und Gräser im Winterhalbjahr sind wesentliche Gestaltungselemente für den Gartenkünstler.

Bei Frost verzaubern Raureif und Schnee die Relikte des vergangenen Sommers auf den im Winterschlaf schlummernden Staudenbeeten. Es lohnt sich daher selbst dann ein Besuch in diesem außergewöhnlichen Garten.

Info

Gartenbesuch
Der Garten auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein ist ganzjährig von 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt zu besichtigen. www.design-museum.de