Ministerpräsident Kretschmann (r.) lässt über Grünen-Chef Cem Özdemir nichts kommen – aber ist das alles? Foto: dpa

Führt Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Grünen auch in die nächste Landtagswahl? Viele Parteifreunde wollen das, trotzdem blühen die Spekulationen.

Stuttgart - Der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann ist 69 Jahre alt, er errang 2016 einen fulminanten Wahlsieg und hat von seiner zweiten Regierungsperiode gerade mal anderthalb Jahre hinter sich. Wie kann man da schon von Nachfolge reden? Sein Vorgänger Erwin Teufel hätte dafür das passende Wort parat: „Zur Unzeit“ werde dies diskutiert, pflegte er solche Themen abzuwürgen. Er hat es zumindest versucht.

Von Kretschmann kennt man ähnlich unwillige Reaktionen. Aus Sicht eines Amtsinhabers ist es für die Nachfolgefrage immer zu früh, riecht sie doch nach Lame-duck und Kontrollverlust. Deshalb wird das Feuerchen meist erfolgreich ausgetreten. Dass es in Kretschmanns Falle trotzdem aufflammt, hat zwei Gründe: Im Mai nächsten Jahres wird er 70. Außerdem steht mit dem scheidenden Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir plötzlich ein Vollblutpolitiker auf der Bühne, dem in Berlin die Rolle abhanden gekommen ist. Findet er sie am Ende in der Landespolitik?

Ist die Zeit für Özdemir reif?

Seit der Regierungschef seinen Duz-Freund am Wochenende auf dem Grünen-Parteitag vor großem Publikum über den grünen Klee gelobt hat, schießen die Spekulationen ins Kraut. Özdemir könne in Stuttgart einen Ministerposten übernehmen, lautet eine davon – quasi zur Aufwärmung für höhere Aufgaben. Nur welche? „Da ist nichts frei“, sagt ein Spitzen-Grüner belustigt – wohl wissend, wie in seiner Partei solche Mauscheleien ankommen. Und der Ministerpräsident betonte am Dienstag: „Ich habe gute Minister.“ Dennoch lässt das Bekenntnis Özdemirs zur Bundespolitik so viel Spielraum, dass sein Wechsel ins Land nicht gänzlich ausgeschlossen scheint.

Wahrscheinlich ist dieses Szenario aber nicht. Denn auch die multikulturell beseelten Grünen müssen sich fragen, ob die Zeit für einen „anatolischen Schwaben“, wie Özdemir sich selbst nennt, außerhalb ihrer Partei schon reif ist. „Das ist sie nicht“, sagt der Chef eines Kommunalverbandes und erinnert an die Plakataktion der Jungen Union vor gerademal anderthalb Jahren: „Kretschmann wählen, bedeutet Özdemir zu bekommen“, stand im Landtagswahlkampf zu lesen. Nun hat zwar Özdemir im Politbarometer zuletzt sagenhafte Beliebtheitswerte bei Deutschlands Bevölkerung vorzuweisen, doch für das Stuttgarter Direktmandat hat es bei der jüngsten Bundestagswahl nicht gereicht.

Laufen und Liegestützen

Dass die Karte Özdemir nicht sticht, liegt aber wohl in erster Linie an Kretschmanns ungebrochenem Regierungswillen. „Freiwillig hat noch keiner die Villa Reitzenstein verlassen“, sagt ein altgedienter CDU-Mann mit Blick auf dessen Vorgänger. Soll heißen: Das Amt und seine Aura haben die Wirkung eines Jungbrunnens, manche sagen: eines Aphrodisiakums. „Ich bin manchmal müde, aber überhaupt nicht amtsmüde“, gab Kretschmann am Dienstag zu Protokoll und verwies die Nachfolgedebatte ins Reich der Medien.

Dass der 16-Stunden-Tag an Kretschmann zerrt, sieht man ihm tatsächlich bisweilen an. Wer ihn dann noch in einer resignativen Phasen erwischt, wie kürzlich nach dem Scheitern der Sondierung für eine Jamaika-Koalition, kann leicht das Gefühl bekommen, er denke ans Aufhören. Dann wieder teilt der Grüne völlig ungefragt Details aus seinem morgendlichen Sportprogramm mit: „Ich bin 5,3 Kilometer gejoggt, habe 40 Liegestützen gemacht und vieles mehr“, erklärte er einmal. Die Botschaft kann doch nur lauten: Ich bin fit. Auch für eine weitere Amtsperiode?

Springt Salomon doch?

Er könne sich das prinzipiell vorstellen, wenn er bei guter Gesundheit sei, sagte Kretschmann kürzlich und verwies auf den von ihm bewunderten Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown (79), der „raumgreifend auftritt und viel Kraft ausstrahlt“. Die Grünen hören das mit Wohlgefallen, denn sie wissen wohl, dass niemand Kretschmann als Zugpferd bei Wahlen das Wasser reichen kann – auch nicht Finanzministerin Edith Sitzmann und auch nicht Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die häufig als Nachfolgerinnen im Gespräch sind. Viele Abgeordnete geben dem zweifachen Wahlsieger deshalb zu verstehen, dass sie ihn 2021 gern nochmals vorne sähen. Auch der Grünen-Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz: Die Nachfolgefrage stelle sich zwar nicht, sagt er, bekennt aber: „Ich persönlich würde mir wünschen, dass er 2021 ein weiteres Mal antritt.“

Dass da auch seine Familie ein Wörtchen mitredet – das zweite Enkelkind ist unterwegs – versteht sich von selbst. Ehefrau Gerlinde kann sich dem Vernehmen nach nicht recht anfreunden mit dem Gedanken, dass ihr Winfried noch eine Runde dran hängt. Aber wer weiß: Vielleicht finden die Grünen ja noch einen anderen Nachfolger, der bisher kategorisch Nein dazu sagt: Freiburgs OB Dieter Salomon. Der frühere Landtagsfraktionschef bewirbt sich nächstes Jahr um eine dritte Amtszeit in der Münsterstadt. Wenn die Partei ihn bittet, so sagen manche, die ihn kennen, würde er nicht ablehnen.

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