Der Kontakt zu den Kunden macht Stephan Krieger im Kunstmarkt Boss viel Spaß, wie er sagt. Foto: factum/Weise

Die Buchhandlung Aigner, die Parfümerie Schiller oder das Modehaus Reiter sind nur einige Beispiele für Einzelhändler, die aus Ludwigsburg verschwunden sind – teils auch, weil sie keine Nachfolger gefunden haben. Doch es geht auch anders.

Ludwigsburg - Kurz vor Weihnachten brummt es in dem Bastelgeschäft Kunstmarkt Boss in Ludwigsburg. Die Kunden suchen nach Perlen, Stempeln oder Leinwänden – für Dekorationen und Geschenke zum Fest. Mitten im Gewusel behält Stephan Krieger den Überblick. Der 31-Jährige hat den Bastelladen vor vier Jahren von seiner Mutter übernommen. „Das hat sich einfach so ergeben“, sagt er. Während seines Geschichtsstudiums hatte er immer wieder in dem Laden gejobbt. Als Bärbel Krieger, jetzt 67 Jahre alt, dann aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten musste, habe er das Geschäft gerne weitergeführt. „Mir macht es Spaß im Laden zu stehen und mit den Kunden zu sprechen“, sagt er. „Viele kenne ich inzwischen ja auch, weil sie regelmäßig wiederkommen.“

So ganz ungeplant ist der Wechsel aber doch nicht vonstatten gegangen, schließlich hat Krieger noch zu Studienzeiten an der IHK seinen Wirtschaftsfachwirt gemacht. Das helfe ihm jetzt, etwa, wenn er mit seiner Mutter über Neuerungen im Geschäft spreche. „Fundiertes Streiten“, nennt er das. Allerdings hat es nicht den Anschein, als würden sich Mutter und Sohn oft in den Haaren liegen – schon gar nicht aus geschäftlichen Gründen. „Wenn man nicht an ihm rum meckert, macht er die Sache am besten“, sagt Bärbel Krieger. „Ich bin eben nicht mehr im Geschäft und muss akzeptieren, dass er bestimmte Dinge anders tut.“

Direkter Kontakt statt Onlinehandel

Und einiges Neues hat der Junior bereits umgesetzt: zum Beispiel ein Warenwirtschaftssystem und eine Scannerkasse. „Davor wurde noch alles ausgeschildert“, sagt er. Auch der Einkauf laufe inzwischen über den PC. Und für die online-affinen Kunden ist der Laden auch auf Facebook und Instagram präsent. Einen Online-Handel strebt Stephan Krieger allerdings nicht an. „Wir setzen lieber auf den Kundenkontakt“, sagt er.

Mit seiner Entscheidung, den Laden zu übernehmen, sei er zufrieden, sagt Krieger. Allerdings ärgert er sich, weil es die Stadtverwaltung den Einzelhändlern in der Innenstadt so schwer mache. „Die reißen tonnenweise Parkplätze ein und wir haben das nachsehen“, meint Krieger. Dabei zahle der Einzelhandel auch Gewerbesteuer an die Stadt. „Wenn es für die Kunden nicht mehr attraktiv ist in die Innenstadt zufahren, dann bestellen sie online.“

Offiziell gehört der Laden noch immer Bärbel Krieger. Knapp zwanzig Jahre lang hat sie ihn geführt. „Im Internet hatte ich gelesen, dass der damalige Besitzer Herr Boss seine Läden in Ludwigsburg, Karlsruhe und Pforzheim verkaufen wollte“, sagt Krieger. Interessiert habe sie allerdings nur der Laden in der Barockstadt. Den Zuschlag bekam die gelernte Zeichnerin dann wie gewünscht, kurz nachdem sie ihren Totto-Lotto-Laden in Tamm verkauft hat.

Der Rat der Mutter ist gefragt

Etwa einmal in der Woche kommt Bärbel Krieger in den Bastelladen und schaut nach dem Rechten. „Wenn ich mal was nicht weiß, eine Rechnung fehlt oder ähnliches, dann kann ich meine Mutter jederzeit fragen“, sagt Stephan Krieger.

So einfach und harmonisch wie bei den Kriegers laufen Geschäftsübergaben innerhalb der Familie oder an Externe nicht immer ab. Reiner Boucsein von der IHK Stuttgart berät Ludwigsburger Unternehmen in solchen Krisensituationen „Jede Unternehmensnachfolge ist ein Einzelfall“, sagt der Experte. Im Einzelhandel geben es jedoch einige Besonderheiten: Der Standort, das Sortiment, die Verkaufsfläche und eventueller Investitionsbedarf seien von großer Bedeutung.

Wenn der Inhaber zur Marke wird

Viele Läden seien zudem von der Persönlichkeit der Inhaber geprägt. Diese seien oft schon mit ihrem Wissen und der langjährigen Erfahrung eine Marke für sich und der Grund für den Erfolg. Denn die Geschäftsleute binden die Kunden damit auch emotional. Viele potenzielle Nachfolger schrecke es ab, in solche Fußstapfen zu treten. Auch der Zeiteinsatz sei als Selbstständiger intensiver als bei einem Angestellten. Letztlich setzten der Onlinehandel und große Filialbetriebe kleineren Läden zu.

Das mag mit erklären, wieso in den letzten Jahren viele inhabergeführte Geschäfte aus dem Stadtbild verschwunden sind. Zuletzt hat die Traditionsbuchhandlung Aigner angekündigt, im Januar dicht zu machen, nach dann 214 Jahren. Einen Nachfolger hat der Buchhändler Hermann Aigner nach eigenen Angaben nicht gefunden. Auch das Modehaus Reiter hat unlängst seine Ladentore für immer geschlossen. Trotz intensiver Suche hätten sie keinen gefunden, der das Haus übernehmen wollte, berichten Luitgard und Guntram Reiter.

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