Foto: StN

Der Südwesten ist ein High-Tech-Land, aber auch eine Fundgrube für Sagen und Geschichten. Ortskundige Autoren berichten in unserer Serie von Schauplätzen des sagenhaften Baden-Württemberg.

Stetig bergauf windet sich der Wanderweg vom Recklehof am Ende des Wittentals zur Schlangenkapelle. Durch herbstlichen Laub- und Nadelwald geht es bis auf den Höhenzug zwischen Wittental und Attental. Bei dem halbstündigen Spaziergang genieße ich herrliche Ausblicke auf das Dreisamtal bei Freiburg bis hinüber zum Feldberggebiet. Seit über 50 Jahren betreut unsere Familie die Schlangenkapelle: Als "Kapellenwart" sorge ich für Blumenschmuck, halte den Raum sauber, nehme Ausbesserungsarbeiten vor.

Im 18. Jahrhundert, so erzählt man sich, herrschte im Attental eine heftige Schlangenplage. Besonders stark traf es den Henslehof am Ende des Attentals. Selbst im Winter tummelten sich die Tiere in den Misthaufen des Stalls. So gelobte der verzweifelte Bauer, zu Ehren der Jungfrau Maria eine Hofkapelle zu bauen, wenn nur die giftigen Viecher verschwinden würden. Sein Gebet wurde erhört, der Bauer erfüllte sein Gelübde: 500 Meter oberhalb des Henslehofs errichtete er am Waldrand die Schlangenkapelle. Auch heute muss sich niemand mehr vor giftigen Bissen fürchten. Lange Zeit hat sich beim Henslehof der Brauch gehalten, an Mariä Lichtmess drei Rosenkränze zu beten. Danach zog ein Kind dreimal eine Kette hinter sich um den Hof, damit die Schlangen für ein weiteres Jahr fernbleiben. Schriftlich nachgewiesen ist die Kapelle seit 1780 in den Urkunden des Freiherrengeschlechts von Sickingen, die im Dreisamtal Besitzungen hatten.

Habe ich den halbstündigen Anstieg geschafft, erfreue ich mich jedes Mal am Anblick der Schlangenkapelle: weiß getünchte Mauern, das holzgeschindelte Dach, ein Dachreiter mit Glöckchen. Im kleinen Vorraum laden zwei schmale Holzbänke zum Verweilen ein. Die Kostbarkeit erblickt man im dahinter liegenden Altarraum. Durch ein geschmiedetes Gitter mit Schlangenornament fällt der Blick auf den Altar mit der Marienstatue. Jedes Mal berührt mich die zierliche Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm.

Wenn die Blumen gegossen sind und ich sauber gemacht habe, genieße ich auf der Holzbank bei der Kapelle die Stille, den würzigen Waldduft und den Blick auf den Wiesenhang mit seinen Birken, Binsen und Büschen. Mehr als 150 Menschen wallfahren alljährlich am letzten Sonntag im Mai zur Schlangenkapelle. In ihrer Mitte tragen sie die Originalstatue aus Lindenholz, die seit einem Diebstahl im Gemeindearchiv in Stegen aufbewahrt wird, zur Kapelle. Mit dem Pater von Stegen feiern die Besucher um elf Uhr einen Wiesen-Gottesdienst.

Alfred Fehr, ehemaliger städtischer Angestellter, pflegt und betreut seit 1953 die Schlangenkapelle. Noch heute bewirtschaftet er den Wald, der von seinem Hof bis hinauf zur Kapelle reicht.

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