Katharina Karle, Mark Breitenbücher und Frank Hettler (von links) umgeben von Kindern der „Nage“. Foto: Christoph Kutzer

Die Nachbargemeinschaft „Nage“ ist ein Projekt, das ökologisch und sozial Schule machen könnte.

Kaltental - Nun ist es entschieden: Kaltental wird Sanierungsgebiet und soll mit Fördermitteln von Bund und Land schöner werden. Ein beachtliches Sanierungsprojekt ist bereits fertig: Das Haus der Nachbargemeinschaft „Nage“. Aus 90 Quadratmetern ehemaliger Ladenfläche (ein Getränkeladen und ein Supermarkt waren zeitweise im Untergeschoss untergebracht) und 280 Quadratmetern vorhandenem Wohnraum entstand ein Zuhause für vier Ehepaare und neun Kinder. Die Raumaufteilung wurde umgestaltet, um den verfügbaren Platz gerecht zu verteilen.

Hinzu kommt ein vorbildliches Energiekonzept: Eine Solarstromanlage auf dem Dach liefert jährlich etwa 11 000 Kilowattstunden Strom und gleicht damit den kompletten Verbrauch des Hauses übers Jahr betrachtet fast aus. Teilweise wird der Strom selbst verbraucht, aber auch in das Stromnetz eingespeist. Die ursprünglich installierte Gasheizung wurde entfernt und durch eine Erdwärmepumpe ersetzt.

Das Projekt erntet Anerkennung

Der Weg zur Umgestaltung des Gebäudes aus den 50er-Jahren war nicht leicht. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Das wird auch über Kaltental hinaus wahrgenommen. „Ich durfte verschiedene Vorträge über unser Sanierungsprojekt halten“, berichtet Frank Hettler (42). Der studierte Architekt arbeitet passenderweise bei „Zukunft Altbau“ und ist das Sprachrohr der Gemeinschaft, wenn es um Zahlen und technische Details geht. „Wir waren beim Stuttgarter Wohnprojektetag vertreten und sind dort auf reges Interesse gestoßen. Ich habe den Eindruck, dass die Stadt inzwischen mehr Wert auf Wohnprojekte legt und weiß, wie wichtig diese für die Zukunft sind.“

„Wir wären damals auch in ein fertiges Haus eingezogen, wenn sich das richtige Objekt gefunden hätte“, resümiert die Nage-Bewohnerin Katharina Karle. „Die Sanierung war aber keine Notlösung. Sonst hätten sich auch nicht alle dermaßen eingebracht. Ich kann nur sagen: Wir sind sehr glücklich hier!“

Der ökologische Aspekt sei allen wichtig, berichtet Karle. „Das ist sicher auch einer der Gründe, warum wir uns in dieser Konstellation gefunden haben. Es gibt schon eine breite gemeinsame Basis.“ Tatsächlich wundern sich Außenstehende immer wieder, wie so ein Zusammenleben funktionieren kann. „Die Frage, ob es denn immer noch laufe, wird häufig gestellt“, berichtet die 42-jährige Sozialpädagogin und lacht. „Das ist schon ein bisschen verrückt. Ein Ehepaar, das allein lebt, kann sich doch auch zerstreiten. Trotzdem wird es wohl kaum grundlos von Besuchern gefragt, ob noch alles im Lot ist.“

Die Türen stehen immer offen

Karle geht noch einen Schritt weiter: „Ich habe das Gefühl, dass die Gemeinschaft die einzelnen Ehen entlastet“, gibt sie zu verstehen. „Wenn man jemanden zum Reden braucht, kann man auch zu seiner Freundin nach nebenan gehen und schont dann unter Umständen den Partner. Und wenn man mal abends zu zweit weggehen will, aber niemanden hat, der auf die Kinder aufpasst, findet sich immer ein ,Nager‘, der übernimmt.“ Auch wer eben etwas für die Küche brauche, wisse, wo er anklopfen könne. Die Wohnungstüren im Haus sind abschließbar, stehen aber meist offen.

„Eine gewisse WG-Affinität schadet sicher nicht, wenn man in dieser Form zusammenlebt“, bringt Mark Breitenbücher (46) ein. „Allerdings hat hier jeder wesentlich mehr Privatsphäre und Raum zur Entfaltung, als in den klassischen Wohngemeinschaften, in denen wir früher gelebt haben. Das wäre als Familie sicher nicht mehr das Wahre.“

Man trifft sich für gemeinsame Abende

Mit der „Nage“ haben alle Beteiligten gefunden, was ihnen vorschwebte. Niemand sucht Abstand zu den Mitbewohnern. Eher trifft man sich spontan, um zusammen zu kochen. „Im Grunde wäre das hier genau der richtige Platz für eine neue Ortsmitte von Kaltental“ ergänzt Breitenbücher augenzwinkernd in Anspielung auf die Idee, rund um die Stadtbahnhaltestelle Kaltental an der Böblinger Straße ein neues Ortszentrum zu etablieren. „Immerhin haben wir hier um die Ecke noch einen richtigen Bäcker, während anderswo im Ort die Läden schließen. Und ganz in der Nähe gibt es auch noch den ,Schwanen‘ – ein gutes schwäbisch-griechisches Restaurant.“

Ein Stück weit haben der Softwareentwickler und die anderen Bewohner der Nage mit ihrem ambitionierten Wohnprojekt zumindest einen quicklebendigen Mittelpunkt für das umliegende Viertel geschaffen. Zum Fußballgucken während der zurückliegenden Fußball-Europameisterschaft oder zu sommerlichen Festivitäten im Garten kamen auch die Nachbarn gerne vorbei. „Die Kinder haben zwar hier im Haus immer jemanden zum Spielen, sie pflegen deshalb aber nicht weniger Freundschaften zu anderen Gleichaltrigen“, betont Katharina Karle. „Dass nur unser eigener Nachwuchs in der Nage unterwegs ist, ist eher die Ausnahme.“

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