Claus Kissel tritt nach zehn Jahren als Kreisjägermeister nicht mehr an: Der 58-jährige Handwerks-Unternehmer hat bei den Kreisjägern viel bewegt, jetzt will er abtreten. Reussensteinwirt Timo Böckle steht als Nachfolger bereit.
Bei der Jagd oder bei einer Jahreshauptversammlung kann unbedachtes Handeln schnell schwerwiegende Folgen haben: Einmal im falschen Moment die Hand gehoben, schon fliegen einem womöglich Kugeln um die Ohren – oder man hat ein Vorstandsamt an der Backe. So ähnlich klingt das, wenn Claus Kissel mit augenzwinkerndem Humor von seiner Wahl zum Kreisjägermeister vor über zehn Jahren erzählt.
Ausgangspunkt war im April 2014 die Hauptversammlung der Kreisjägervereinigung Böblingen (KJV BB), an der er zusammen mit seiner Partnerin Regina teilnahm. „Sie machte damals gerade den Jagdschein“, erinnert sich der Handwerksunternehmer, der von Kindheit an mit seinem Vater auf die Jagd gegangen war und selbst schon seit seinem 20. Lebensjahr den Jagdschein besitzt.
Ein unbedachtes Wort holte ihn schon bald wieder ein
Den Anstoß bei besagter Hauptversammlung in Herrenberg gab die erfolglose Suche nach einem Nachfolger für den damals über 70-jährigen Kreisjägermeister Peter Kirn. „Ich hatte zwei Bier intus und war entsprechend gut gelaunt“, erinnert sich Kissel, der sonst eher nicht so tief ins Glas schaue. Am Ende der Sitzung sei er damals ganz arglos auf Kirn zugegangen und habe gesagt: „Wenn Sie mich gefragt hätten, ich hätte es gemacht.“
Diese Worte sollten ihn bald einholen, als ihn ein befreundeter Jäger ein paar Monate später auf der Jagd in Kissels Ehninger Revier drängte, sich doch zur Wahl zu stellen. „Das ist doch genau dein Ding – dann machst du mal was anderes als Heizungen und Schwimmbäder bauen“, habe seine Regina damals gesagt. Offenbar hatte sie ihn überzeugt: Bei der nächsten Jahreshauptversammlung am 21. April 2015 trat Kissel an und wurde einstimmig als Peters Kirns Nachfolger gewählt.
Bereut hat er seine Entscheidung nicht. Im Gegenteil: Den Kreisjägermeister verkörpert Claus Kissel nach innen wie nach außen. Über dem Karohemd trägt er einen Trachtenjanker, sein Amtszimmer im Ehninger Firmensitz des Heizungs- und Schwimmbadbetriebs zieren Geweihe und Trophäen. Was die Jagd für ihn ausmacht? „Die Vielfalt“, sagt er und spricht von seiner Liebe zur Natur, zum Kochen und über die Freude darüber, mit seinen Hunden Bonnie und Elvis, zwei Deutschen Bracken, in den Wald zu gehen. Auch das archaische Urmenschenbild vom Jäger, der seinem „Beutetrieb“ folgt und Nahrung für die Familie nach Hause bringt, spiele für ihn eine Rolle.
Den neuen Job ging er genauso an, wie er es von seinem Handwerksbetrieb gewohnt war: „Ich habe erst einmal ein Organigramm erstellt“, erzählt er. Als er sich einen Überblick darüber verschafft hatte, wer in der KJV welche Aufgaben und Funktionen hat, ließ er die Leute einfach mal machen. „Ich steh’ keinem Engagement im Weg – aber ich will die Fäden in der Hand halten“, laute sein Motto.
Dabei setzte er auf eine klare Aufgabenbeschreibung und transparente Kommunikation. „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Menschen die Jagd als legitim und im öffentlichen Interesse sehen“, stellt Kissel unter anderem mit Blick auf hitzige Debatten in den Sozialen Medien fest. Umso mehr setzt der oberste Waidmann des Kreises auf Transparenz und Öffentlichkeit – zum Beispiel über die halbjährlich erscheinende „Jägerpost“, die sich unter seiner Ägide zu einem professional gestalteten Mitgliedermagazin und einem journalistischen Sprachrohr für die Jägerschaft entwickelte. „Wir müssen das, was wir machen, ins Schaufenster stellen“, fordert er.
Schließlich decken Jäger eine enorme Aufgabenvielfalt ab: Indem sie Reh- und Schwarzwild bejagen, helfen sie der Forst- und Landwirtschaft, die Begrenzung des Fuchsbestands bekämpft die Tollwut und nützt dem Erhalt bedrohter Tierarten wie dem Kiebitz. Weitere Beispiele: Auf Kissels Initiative hin retten Jäger in Kooperation mit dem Landkreis per Drohneneinsatz Rehkitze im hohen Gras vor dem Tod durch Mähmaschinen. Und beim Projekt „Lernort Natur“ kommen Jägerinnen und Jäger in Kindergärten oder nehmen Kinder und Jugendliche mit auf Entdeckungsreise in ihr Revier.
In seiner zehnjährigen Amtszeit hat der gebürtige Herrenberger viel bewegt. Das zeigen die nackten Zahlen: Die Mitgliederzahl der KJV hat sich nahezu verdoppelt. Von knapp 650 bei Kissels Amtsantritt auf etwas mehr als 1150 im Frühjahr 2025. Alleine 2024, als die KJV ihr 100-Jahr-Jubiläum feierte, kamen 104 neue Mitglieder hinzu. Besonders stolz ist man bei den Kreisjägern auf den vergleichsweise hohen Frauenanteil von 13,1 Prozent in der Männerdomäne.
Die Jagd wird aber nicht nur weiblicher, sie wird auch jünger. Mittlerweile sind 27 Prozent der Mitglieder unter 40 Jahre alt und gut die Hälfte zwischen 40 und 65 Jahren. „Die Mitglieder merken, dass sie von ihrer Mitgliedschaft profitieren“, sagt Kissel und verweist auf die eigene Jagdschule oder den Schießstand, bei dem man seine Übungszeiten seit Corona online buchen kann.
Nach zehn Jahren ist nun Schluss, auch wenn der „KJM“ innerhalb und außerhalb des Vereins sehr geschätzt wird. „Das hatte ich mir schon bei meiner Wahl fest vorgenommen“, steht er zu seiner Entscheidung. „Ein neuer Kopf bringt neue Ideen“, sagt Kissel, der im Juni 59 Jahre alt wird.
Dieser neue Kopf gehört keinem Unbekannten: Der Reussensteinwirt und TV-Koch Timo Böckle war bisher Kissels Stellvertreter. Bei der Hauptversammlung der KJV an diesem Samstag um 17.30 Uhr in der Sandäckerhalle in Steinenbronn stellt sich der 47-Jährige zur Wahl. „Er ist genau im richtigen Alter, kann gut mit Menschen und mit den neuen Medien umgehen“, lobt Claus Kissel den designierten Nachfolger.
Weiter als Mitglied aktiv bleiben – auch ohne gewähltes Amt
Der künftige Ex-Kreisjägermeister wird dann künftig wieder etwas mehr Zeit für Firma, Familie und natürlich die Jagd haben, will im Verein aber weiter aktiv mitwirken, unter anderem in der „Jägerpost“-Redaktion, der Schlüsselverwaltung und der Organisation revierübergreifender Drückjagden samt damit verbundener Verkehrssicherung.
Ein gewähltes Amt werde er aber nicht mehr annehmen – vorausgesetzt natürlich, er lässt sich nicht noch einmal zu einer unbedachten Bemerkung hinreißen. Vielleicht sollte er bei der Hauptversammlung lieber zu alkoholfreiem Bier greifen.
Firmenchef und oberster Jäger
Privat
Claus G. Kissel (Jahrgang 1966) stammt aus Ehningen und wohnt in Stuttgart-Botnang. Der Familienvater lebt in fester Partnerschaft mit Regina Merklein (ebenfalls Jägerin). Sein Jagdrevier ist in Ehningen.
Beruflich
Geschäftsführender Gesellschafter der Kissel GmbH. Der Ehninger Handwerksbetrieb baut Heizungen und Schwimmbäder.
Organisatorisch
Die Kreisjägervereinigung Böblingen ist in mehrere Fachbereiche aufgeteilt: Hegeringe/Hegegemeinschaften, Schießwesen, Hundewesen, Lernort Natur, Jagdhornbläser, Jagdschule, Kitzrettung und Junge Jäger. Das Vorstandsorganigramm umfasst rund 40 Aufgabenverantwortliche – vom Wildbiologen bis zum Balzbeauftragten.
Bilanz
Kissel hat bei der KJV BB unter anderem die Kitzrettung etabliert, aus Spenden ein Mobil für das „Lernort Natur“-Projekt beschafft sowie den Schießstand und die Jagdschule renoviert.