Mit List und ausgeklügelter Technik gelingt den Behörden ein weltweiter Schlag gegen die organisierte Kriminalität. Möglich wurde die Razzia auf drei Kontinenten aber erst durch einen unfreiwilligen Helfer.
Den Haag/Wiesbaden - Nach der weltweiten Razzia gegen das organisierte Verbrechen sind in Deutschland zehn Männer und zwei Frauen in Untersuchungshaft genommen worden. Mit der Untersuchungshaft soll vor allem verhindert werden, dass die Tatverdächtigen untertauchen, sagte am Mittwoch Oberstaatsanwalt Benjamin Krause von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Einige der Verdächtigen hätten sich bereits zu den Taten geäußert. Die Beweismittel würden aber noch weiter ausgewertet: „Das ist nicht eine Sache von Wochen, sondern von Monaten.“
Bundesweit waren bei den Razzien am Montag mehr als 70 Personen festgenommen worden, darunter über 60 in Hessen. Weltweit waren es mehr als 800. Zudem wurden tonnenweise Drogen beschlagnahmt und große Mengen an Bargeld, Juwelen und Waffen sichergestellt. Bei der Operation „Trojan Shield“ hatten das FBI und die australische Bundespolizei sogenannte Kryptohandys an Kriminelle verteilt. Diese waren mit einer von den Ermittlern entwickelten Kommunikationsapp namens Anom ausgestattet, die es der Polizei erlaubte mitzulesen.
Influencer wider Willen
Laut australischer Polizei geht die Verbreitung der Endgeräte auch auf den mutmaßlichen Drogenschleuser Hakan Ayik zurück. Um sich der Strafverfolgung zu entziehen, ist der Australier seit mehr als zehn Jahren auf der Flucht und lebt derzeit in der Türkei. Dort wurde er von verdeckten Ermittlern mit einem der Kryptogeräte ausgestattet.
Nicht unähnlich der Arbeitsweise von Influencern warb Ayik unwissentlich bei kriminellen Kollegen für die Nutzung der Kryptogeräte. Die australische Polizei empfiehlt Ayik nun öffentlich, sich vorsorglich den Behörden zu stellen, da er als unfreiwilliger Helfer der FBI-Operation nun in ernsthafter Gefahr sein könnte.
In den Hosentaschen der Kriminellen
Mit der Hilfe dieser Endgeräte hätten die Behörden schließlich einen Einblick in die kriminellen Machenschaften erhalten, erläuterte Reece Kershaw von der australischen Bundespolizei. „Wir waren in den Hosentaschen der organisierten Kriminalität. Alles, worüber sie reden, sind Drogen, Gewalt, Anschläge aufeinander oder unschuldige Menschen, die sie ermorden wollen.“
Die Ermittler hätten Fotos von „Hunderten von Tonnen Kokain verborgen in Obstkisten“ gesehen, sagte Calvin Shivers vom FBI. Den australischen Behörden zufolge wurden 21 Mordpläne verhindert.
Blogger gefährdet Operation
Dass der Zugriff der Behören nun erfolgte, könnte möglicherweise einen einfachen Grund haben: Ernste Bedenken an der Sicherheit des Netzwerks machten die Runde. Schon im März veröffentlichte ein Blogger namens Canyouguess67 einen Beitrag, in dem er Anom als „Schwindel“ mit eklatanten Sicherheitslücken bezeichnete.
Ein Anom-Gerät, das er getestet habe, sei im steten Kontakt mit Google-Servern gewesen und habe Daten an nicht sichere Server in Australien und den USA übermittelt. „Ich war ziemlich besorgt, die Menge der IP-Adressen zu sehen, die mit vielen Institutionen innerhalb der Five-Eyes-Regierungen zusammenhängen“, schrieb Canyouguess67. „Five Eyes“ bezeichnet ein Bündnis der Geheimdienste der USA, Kanadas, Australiens, Neuseelands und Großbritanniens. Später wurde der Beitrag gelöscht.
Mehr als 800 Festnahmen weltweit
Zu den an der Operation beteiligten Ländern gehörten neben Deutschland, den USA, Australien, Schweden und den Niederlanden auch Österreich, Dänemark, Estland, Litauen, Norwegen, Schottland und Großbritannien. In Schweden wurden nach Angaben von Europol 70 Personen festgenommen, weitere 49 in den Niederlanden. In Australien wurden 224 Personen verhaftet, in Neuseeland waren es 35.
Der Schwerpunkt der Ermittlungen in Deutschland lag in Hessen, doch auch in Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurden mehrere Gebäude untersucht. „Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt“, sagt Sandra Clemens, Pressesprecherin des Bundeskriminalamts. „Wir wissen noch nicht, wohin das alles führt, und hoffen, dass wir weitere Verbrechen aufklären können.“
Der Oberstaatsanwalt Benjamin Krause schließt ebenfalls nicht aus, dass mit den neuen Erkenntnissen sowie den Daten der internationalen Ermittler auch ältere Fälle aufgeklärt werden und noch neue Ermittlungsverfahren hinzukommen könnten.