CDU-Landeschef Thomas Strobl ist sich des Ernsts der Lage bewusst. Foto: dpa/Marijan Murat

An Thomas Strobl scheiden sich die Geister. Der CDU-Landeschef hat einige Niederlagen einstecken müssen – und konnte sich dennoch immer halten. Gelingt ihm das noch einmal?

Stuttgart - Es ist einer dieser Momente, in denen das Bild schief wirkt. Nach langen Ausführungen zu Gepflogenheiten bei der Kandidatenkür in der Partei huscht ein Lächeln über Thomas Strobls Gesicht: „Ich bin wie eine Ameise, ich schaffe Ordnung im Wald. In Baden-Württemberg und im Bund“, antwortet der CDU-Landeschef jüngst ausweichend auf die Frage, ob er im November als Landesvorsitzender wiedergewählt werde. Die Taktik geht auf. Bei seinen Gegenübern bleiben Fragezeichen: Eine Ameise als Selbstbild? Genügsam, emsig, zielstrebig, eine Arbeiterin, auf die Sache konzentriert, aber irgendwie auch kein Sympathieträger?

 

„Erst das Land, dann die Partei, dann die Person“, zitiert Strobl (61) den früheren Landesvater Erwin Teufel, um zu betonen, dass es nicht um ihn, sondern um die Sache geht. Dabei drehte es sich im vergangenen halben Jahr ziemlich häufig um die Person Strobl. Nach der Regierungsbildung verbreitet der CDU-Landeschef selbst nicht ohne Stolz, Winfried Kretschmann wäre die Koalition nicht ohne ihn eingegangen. Strobl der Garant für Grün-Schwarz? Tatsächlich ist viel vom Vertrauensverhältnis der beiden die Rede, das die Basis für die Regierungsbildung gebildet hat. Auch aus dem Staatsministerium hört man, wie wichtig der Draht zwischen Kretschmann und seinem Vize für die Koalition war und ist. Ein schweres Pfund?

Nach Niederlagen war Thomas Strobl immer zur Stelle

Kritiker in den eigenen Reihen kann Strobl damit nicht vollends ruhigstellen. „Er schafft es immer, sich in eine Rolle zu bringen, die ihn unverzichtbar macht“, bilanziert einer der CDUler, der Strobl eigentlich nicht unbedingt gewogen ist. So ist es nach der Landtagswahl, nachdem die Ampel geplatzt war und Strobl die CDU in die Koalition verhandelt. So war es 2016, als Strobl die erste grün-schwarze Koalition mit schmiedet und sein Bundestagsmandat für die Rolle des stellvertretenden Ministerpräsidenten aufgab. So war es 2011, als es Winfried Kretschmann gelang, die CDU nach Jahrzehnten aus der Regierung zu drängen. Damals übernahm Strobl den Landesvorsitz, um die am Boden liegende Partei wieder aufzurichten – obwohl er als Generalsekretär unter Parteichef Stefan Mappus den Machtverlust an Grün-Rot mit zu verantworten hatte.

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Es ist fast ein Phänomen: In der Landes-CDU ist Thomas Strobls Weg gepflastert von Niederlagen. Keine Landtagswahl konnte die CDU unter seiner Führung als Generalsekretär und später als Landesvorsitzender gewinnen. Als Spitzenkandidat für die Landtagswahl konnte sich der Schwiegersohn von CDU-Urgestein Wolfgang Schäuble nie durchsetzen. 2014 unterlag er Guido Wolf in einem Mitgliederentscheid, 2019 zog er gegen Susanne Eisenmann freiwillig zurück, um den offenen Machtkampf zu verhindern. Beides stellt sich für ihn im Nachhinein als richtig heraus. Sowohl 2016 als auch 2021 kann er sich nach den Wahlniederlagen nicht nur an der Landesspitze halten, sondern als Innenminister und Vizeministerpräsident positionieren.

Thomas Strobl scheint ein Gespür zu haben, wie es in ausweglosen Situationen weitergeht. „Er hat den Laden zusammengehalten und vorangebracht“, sagt der Politologe Frank Brettschneider. „Er schafft es, einerseits zu den Reformern zu gehören und gleichzeitig die Traditionalisten zu bedienen.“ Tatsächlich tritt die CDU im Land so geschlossen auf wie lange nicht. Durchstechereien wie in Berlin gab es in Baden-Württemberg zuletzt nicht. Neben der Fraktion weiß Strobl inzwischen auch die Junge Union hinter sich. Und dabei ist er kein Menschenfänger. Mit seiner oft staatstragenden Art begeistert er keine Massen. Sein Tun aber ist geprägt vom einem hohen Arbeitsethos. Sein Privatleben mit der ARD-Programmdirektorin als Ehefrau? Er läuft gern, viel mehr lässt er nicht raus. Vielleicht also passt das Bild der Ameise doch ganz gut?

Herausforderer bleiben in Deckung

In der Partei jedenfalls machte Strobl lange niemand mehr den Landesvorsitz streitig. Doch ob das auch beim Landesparteitag am 13. November so bleiben wird, ist noch nicht ausgemacht. Strobl selbst hält sich noch bedeckt – zu volatil ist die Lage derzeit auch auf Bundesebene. Er weiß, er ist nicht unersetzbar. Aber bisher hat sich auch noch kein Herausforderer aufs Feld gewagt.

Könnte es also klappen mit der Wiederwahl in drei Wochen? Namen potenzieller Aspiranten kursieren zwar. Der Konstanzer Bundestagsabgeordnete Andreas Jung ist darunter, der frühere Donaueschinger Oberbürgermeister Thorsten Frei, der ebenfalls im Bundestag sitzt, CDU-Staatssekretär Steffen Bilger aus dem Bundesverkehrsministerium, aber auch der neue Fraktionschef Manuel Hagel. Eine offene Meuterei, so hört man, würde keiner von ihnen anzetteln, einige von ihnen – wie Hagel – hat er gefördert.

CDU-Kabinettskollegen sekundierten Strobl diese Woche pflichtschuldig. Agrarminister Peter Hauk kündigte an, für den 32 Jahre alten Moritz Oppelt auf den Bezirksvorsitz in Nordbaden zu verzichten. Im gleichen Atemzug unterstrich er seine Rückendeckung für Strobl. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut ließ mitteilen: „In Zeiten großer Dynamik und auch Unsicherheit ist es wichtig, für politische Kontinuität im Land und Stabilität in der Regierungskoalition zu sorgen.“ Dafür stehe Strobl. Wohnungsbauministerin Nicole Razavi bezeichnet ihn als „Regisseur und Moderator der notwendigen Erneuerung“. Den Weg der personellen Erneuerung sehen viele eingeschlagen etwa mit dem neuen Fraktionschef, Justizministerin Marion Gentges (Justiz) sowie der Generalsekretärin Isabell Huber.

Auf den Kreisparteitagen hält Strobl den Kopf hin

Und dennoch: Die Unruhe in der Partei lässt sich nicht ignorieren. In Umfragen lag die CDU im Land mit 17 Prozent nur noch zwei Prozentpunkte vor der FDP. „Die Umfragen lösen eine Dynamik aus“, sagt ein CDUler aus dem Landtag. „Die Kluft zwischen der Basis und den Parteioberen wird immer größer“, sagt ein anderer.

Das bekommt auch Strobl zu spüren, wenn er sich derzeit auf Kreisparteitagen der Basis stellt – jüngst im Zollernalbkreis. Dort wusch ihm einer der Kritiker, die sich aus der Deckung wagen, den Kopf: Landrat Günther-Martin Pauli legte Strobl den Rücktritt nahe. „Es wäre besser, wir hätten ein klärendes Gewitter“, sagte der frühere Landtagsabgeordnete unserer Zeitung. „Die gewünschte Friedhofsruhe wird die CDU nicht retten.“ Er sieht keinen Rückhalt mehr für Strobl in der Bevölkerung. „Demokraten brauchen das Vertrauen der Menschen. Wer nicht einmal in seinem Heimatwahlkreis die Menschen überzeugen kann, wird landesweit doch nicht mehr ernst genommen.“ Strobl, der in Heilbronn mehrfach das Bundestagsdirektmandat gewonnen hatte, unterlag bei der Landtagswahl der Grünen Susanne Bay.

Genug Veränderungen angestoßen?

Dabei hat Strobl auch Dinge angestoßen, wie die Vorsitzende der baden-württembergischen Frauen-Union, anerkennt. „Der Vorstoß ‚Frauen im Fokus‘ war eine gute Sache“, sagt sie. „Aber eher dazu geeignet, um die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.“ Von den fünf CDU-Ministern im Kabinett seien immerhin drei weiblich. Tiefe strukturelle Veränderungen blieben aber aus.

Um die anzugehen, hat die CDU im Land nun eine 60-köpfige Kommission gebildet. Schon fürchten die Ersten, dass es dabei bleibt: „Die inhaltliche Arbeit darf nicht mit der Bildung einer Kommission zu Ende sein“, warnt der Bezirksvorsitzende der Jungen Union in Südbaden, Dominik Apel, der im Frühjahr lautstark vor einem „weiter so“ bei der Kabinettsbesetzung gewarnt hatte.

Und die Parteispitze? In der Partei gibt es noch eine Theorie: Strobl könnte den Platz frei halten für den Spitzenkandidaten zur Landtagswahl 2026. Das könnte nicht verkehrt sein, meint der Politikwissenschaftler Michael Wehner: „Die CDU muss sich sowohl im Land als auch im Bund die Frage stellen, wie viel Neuanfang verkraftet man. Alles auszutauschen ist auch nicht ratsam.“ Thomas Strobl sei Teil der Politikelite, die sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene eine Rolle spiele. Möglicherweise schafft er es also erneut, sich zu halten.