Zwei Passanten werden in der Nähe des Hauptbahnhofs in Stuttgart von einer Gruppe schwer verletzt – die Opfer vermuten Maccabi-Fans dahinter. Braucht es mehr Videoüberwachung?
Zum Schutz des Europa-League-Spiels des VfB gegen Maccabi Tel Aviv am vergangenen Donnerstagabend waren Tausende Polizisten in der Stadt im Einsatz. Vollkommen sicher waren Passanten in dieser Nacht zum 12. Dezember dennoch nicht. Wie unsere Zeitung erfuhr, wurden zwei 26-Jährige auf dem Weg zum Hauptbahnhof angegriffen und erheblich verletzt. Die Polizei bestätigt den Vorfall. Dabei wird auch ermittelt, ob womöglich Maccabi-Fans dahintersteckten, wie die Opfer glauben.
Die Bilder von den genähten Kopfplatzwunden sind eindrücklich. Die Stelle am Kopf ist freirasiert, zwei blutende Wunden sind mit neun Stichen genäht. Der 26-Jährige ist für diese Woche erst einmal krankgeschrieben. „Ich bin dankbar, dass mein Kopf einigermaßen heil geblieben ist“, sagt er. Seinen gleichaltrigen Begleiter hat es am vergangenen Freitag gegen 0.30 Uhr noch heftiger erwischt: Nach einem Faustschlag ins Gesicht ist es ungewiss, ob er langfristig einen Zahn verliert. „Der Angriff war völlig unprovoziert.“
Es passierte auf dem Heimweg von einem Club-Besuch an der Jägerstraße in der Innenstadt. Die beiden 26-Jährigen hatten dort am Donnerstag bis Mitternacht mit Arbeitskollegen gefeiert, wollten dann durch die Unterführung von der Kriegsbergstraße zur Klett-Passage zum Hauptbahnhof. Nach den Schilderungen der Opfer nähert sich plötzlich ein Trio von hinten, einer fragt in gebrochenem Englisch nach einer Zigarette und schlägt dann unvermittelt zu. Die beiden Passanten können sich in höchster Not hinauf auf die Straße retten, rennen Richtung Kronenstraße, verlieren sich.
War einer der Täter mit gelbem Schal unterwegs?
Der eine findet im Bereich Kronen-/Lautenschlagerstraße eine Polizeistreife, der andere im Bereich Bolz-/Königstraße. Sie berichten von dem Angriff. Eine Fahndung wird nicht ausgelöst, was der 26-Jährige als „unzureichende Reaktion“ empfindet. Er sagt aber auch, dass sie die Täter lediglich als drei Männer mit dunkler Kleidung beschrieben hätten. Die Nacht verbrachte der eine dann in der Notaufnahme eines Krankenhauses, der andere bei einem Zahnarzt-Notdienst.
Polizeisprecherin Kara Starke bestätigt den Vorfall. Eine Suche nach Verdächtigen sei wenig aussichtsreich gewesen, weil man bei den ersten vagen Täterbeschreibungen „nichts hatte, wonach man hätte suchen können“. Am Montag erschienen die Opfer nochmals beim Innenstadtrevier an der Theodor-Heuss-Straße – und diesmal berichtet der englischsprachige Kumpel des 26-Jährigen, dass einer der Täter einen „gelb-schwarzen Schal“ getragen habe, deshalb mutmaßlich ein Anhänger des Vereins Maccabi Tel Aviv gewesen sein könnte. „Auch dieser Hinweis fließt in die Ermittlungen ein“, sagt Polizeisprecherin Starke. Zeugenmeldungen werden über Telefon 07 11 / 89 90 - 31 00 erbeten.
Mobile Videoüberwachung wird in Stuttgart vermisst
Der 26-Jährige rechnet nicht mit großen Erfolgsaussichten. „Warum gibt es da keine Videobilder?“, fragt er. Er empfinde es als schockierend, „wie wenig Videoüberwachung es an einem so sensiblen Ort wie dem Hauptbahnhof gibt“, sagt er. Und es erschrecke ihn, wie ungeschützt zentrale Orte seien. Der Hauptbahnhof sei ein bekannter Brennpunkt, „und eine lange, schlecht einsehbare Unterführung ist ein idealer Ort für solche Angriffe“.
Derzeit gibt es eine stationäre Videoüberwachung zu beschränkten Zeiten auf dem Schlossplatz. Sie gilt als erfolgreiche Maßnahme für Prävention und Ermittlungsfälle. 2024 hatte der Stuttgarter Polizeivizepräsident Carsten Höfler sogar eine Erweiterung mit mobiler Videoüberwachung ins Spiel gebracht, die „örtlich flexibel“ eingesetzt werden könnte. Alles aufgelistet in einem Elf-Punkte-Programm von Stadt und Polizei „zur Verbesserung der objektiven und subjektiven Sicherheitslage in Stuttgart“ vom September 2024. Bisher ist davon nichts zu sehen. Womöglich sieht Höfler als künftiger Landespolizeidirektor und ranghöchster Beamter der Schutzpolizei neue Handlungsmöglichkeiten.