Von Mittwoch an ist nachts die Freitreppe zum Kleinen Schlossplatz abgeriegelt, um Ansammlungen wie in der Samstagnacht zu verhindern.. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ein Verweilverbot will die Stadt nicht für die Innenstadt. Denn es würde zu viele Menschen einschränken. Stattdessen soll ein Brennpunkt der Auseinandersetzungen nicht mehr zugänglich sein.

Stuttgart - Eine gute Nachricht für alle, die mit den noch frischen Lockerungen das Leben in der Stadt wieder genießen wollen: Der Schlossplatz bleibt vom Verweilverbot verschont. Darüber war wegen der Unruhen in der City am vergangenen Wochenende diskutiert worden. Die Stadt hat stattdessen entschieden, nur die Freitreppe zu sperren, die zum Kleinen Schlossplatz führt. Das soll mit Baustellengittern und einem Sichtschutz geschehen, die bereits am Mittwoch aufgebaut werden. Man habe ein Verweilverbot innerhalb des Cityrings „vorerst zurückgestellt“, sagt der Ordnungsbürgermeister Clemens Maier. Denn ein solches hätte auch all jene getroffen, die sich „friedlich und ordnungsgemäß verhalten“ hätten, begründet Maier die Entscheidung für die kleine Variante. Ein Verweilverbot hätte bedeutet, dass man den Schlossplatz nur noch überqueren und sich dort nicht länger aufhalten dürfte.

 

Die Freitreppe ist der Ausgangspunkt der Randale gewesen

Die Freitreppe sei am vergangenen Samstag „Ausgangspunkt der Provokationen und Übergriffe auf Polizeibeamte“ gewesen. Die Lage war bis gegen 22 Uhr relativ ruhig gewesen, immer wieder hatte die Polizei mit Durchsagen auf die Coronaregeln hingewiesen. Gegen 23 Uhr war laut der Polizei die Stimmung gekippt. Bei einer weiteren Lautsprecherdurchsage, mit der die Einsatzkräfte auf das von 22 Uhr an geltende Alkoholverbot hinwiesen, flogen Flaschen auf die Beamten und die Menge schrie Beleidigungen in ihre Richtung. „Um den Provokateuren die Bühne zu nehmen, wird die Freitreppe an Freitagen und Samstagen sowie vor Feiertagen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr gesperrt“, sagt Maier.

Diese „Bühnenwirkung“ hat die Polizei am vergangenen Samstag und auch schon bei mehreren Eskalationen in der Vergangenheit erlebt. Das schildert Markus Eisenbraun, der Vizepräsident der Stuttgarter Polizei: „Es hat sich gezeigt, dass es immer wieder Rädelsführer gibt, die die überwiegend friedlichen Menge anzustacheln versuchen. Dabei nutzen sie die Freitreppe als Tribüne: Sie stehen im Mittelpunkt und werden von allen wahrgenommen. Diese Personen gilt es zu identifizieren und gezielt auf deren Verhalten einzuwirken.“

Solche Provokateure sind auch den Passanten am vergangenen Samstag aufgefallen: „Wir haben gehört, wie sich so junge Männer verabredet haben“, schildert eine Stuttgarterin, die am frühen Abend den ersten Cappuccino seit Langem vor dem Kunstmuseum genoss. „,Später gehen wir dann Bullen klatschen‘, sagten die“, gibt sie das Gespräch wieder. Sie habe Polizeibeamte in der Nähe darauf aufmerksam gemacht, dass die jungen Männer offenbar die Auseinandersetzung suchten, und selbst schnell das Weite gesucht, um nicht dazwischen zu geraten.

Polizei will Rädelsführer ausfindig machen

Das Einwirken auf die „Rädelsführer“ ist eine Komponente. Zudem wollen die Stadt und die Polizei die Präventionsarbeit weiter ausbauen. Dieses Vorhaben ist laut Jutta Jung von der Mobilen Jugendarbeit auf einem guten Weg: „Die Abstimmung zwischen Stuttgarter Polizei und Mobiler Jugendarbeit ist erfolgreich – gemeinsam sind wir einer jugendgerechten Innenstadt verpflichtet, in der sich alle Bürgerinnen und Bürger wohl und willkommen fühlen“, sagt sie. Je besser die Durchmischung verschiedener sozialer Gruppen sei, desto entspannter werde die Stimmung. Das Ziel sei es, die Innenstadt so zu beleben, dass alle sich wohlfühlen können. „Wir haben nach der Krawallnacht im vergangenen Sommer sehr oft gehört, dass Jugendliche sagen, sie fühlen sich nicht gehört. Oder sie sagen, egal wo sie sind, sind sie dort nicht erwünscht.“ Das müsse sich ändern. Die Sozialarbeiterin unterscheidet dabei zwischen den Jugendlichen und den jungen Menschen, mit denen es in der Vergangenheit öfter Probleme gab – seien es die Täter in der Krawallnacht oder die Unruhestifter vom vergangenen Wochenende. „Die ‚Jugendlichen’ ist da der falsche Ausdruck. Da sind Heranwachsende dabei und junge Leute Mitte, Ende 20“, beschreibt sie.

Die Stimmung in der Stadt sei zunächst gut gewesen am Samstag. Aber der Frust sei groß. „Eine Jugendliche sagte, die Pandemie habe ihr die Freizeit und die Freunde genommen“, sagt Jutta Jung. Die Jugendlichen kämen in die Stadt, weil sonst alles verboten sei. Da suche man eben Orte, an denen man was erlebe.

Dass manche junge Leute auch deswegen in die Stadt kämen, weil es dort zu Auseinandersetzungen kommen kann, sei für die Mobile Jugendarbeit kein neues Phänomen. „Aber das gibt es in jedem Alter – auch Erwachsene kommen und schauen“, fügt Jung hinzu. Der Weg der Mobilen Jugendarbeit sei nun, möglichst viele Jugendliche anzusprechen. „Wir bieten an, dass sie mal im Büro vorbeikommen zu einer Beratung.“ Auch stehe ein Bus der Mobilen Jugendarbeit in der Stadt. Die Polizei wisse immer, wer von den Sozialarbeitern unterwegs sei und wie diese Personen zu erreichen seien. „Sie rufen uns, wenn sie meinen, wir können eine Situation eher auflösen“, sagt Jutta Jung. Das habe sich gut etabliert.