Vier Wochen nach der Todesfahrt in Ludwigsburg hat die Stadt in der Schwieberdinger Straße eine kurze Blitzeraktion gestartet. Ein Besuch zeigt: Erst war das Ordnungsamt der Abzocker vom Dienst, jetzt wird ihm vorgeworfen, nicht genug zu tun.
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die Schwieberdinger Straße in ein warmes Abendlicht, als Mitarbeiter des Ludwigsburger Ordnungsamts am Straßenrand ein mobiles Messgerät aufbauen. Nur 200 Meter weiter stehen Kerzen zwischen Blumensträußen und handgeschriebenen Botschaften – für Merve und Selin. Es ist keine gewöhnliche Blitzaktion der Stadtverwaltung, sondern eine, die genau an dem Ort und zur selben Uhrzeit stattfindet, an dem vor vier Wochen zwei junge Frauen mutmaßlich bei einem illegalen Straßenrennen ums Leben gekommen sind.
Doch kaum ist das Gerät betriebsbereit, erscheint die Messstation auf einer Blitzer-Warn-App. „Die finden wir natürlich nicht gut“, sagt Steffen F., Mitarbeiter des Ordnungsamts. Seinen vollen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. „Gerade in der Woche des Unfalls hat ein Discounter Werbung für sein Blitzerwarnsystem gemacht“, erinnert er sich kopfschüttelnd. Solche Systeme seien ein echtes Problem und Sinnbild für die Situation auf den Straßen – einige bremsen nur kurz ab, um dann wieder zu beschleunigen.
Unauffällige Straße
Der tödliche Unfall auf der Schwieberdinger Straße habe die Verantwortlichen des Ordnungsamtes der Stadt bewegt, sagt Fachbereichsleiter Heinz Mayer. „Wir haben uns überlegt, ob wir mehr machen können – aber wir hatten die Aktionen bereits im vergangenen Jahr aufgestockt.“
Allein auf der Schwieberdinger Straße wurde im Jahr vor dem Unfall 16 Mal kontrolliert, nach dem Unfall vier weitere Male. Die Bilanz: eine Blitzerquote von rund 1,3 Prozent– etwa jedes hundertste Fahrzeug war zu schnell unterwegs. Ein eher unauffälliger Wert. Auch an diesem Abend registriert das Gerät in der ersten halben Stunde nur zwei Überschreitungen bei 204 gemessenen Autos. An anderen Stellen in der Stadt seien die Quoten deutlich höher, teilweise bei zehn Prozent, sagt Mayer.
Doppelmoral auf den Straßen
Laut dem Fachbereichsleiter tue die Stadt, was sie kann, und sorgt für Sicherheit auf den Straßen. Auch deswegen habe er sich über die Reaktionen nach der Todesfahrt geärgert, sagt Mayer. Normalerweise werde das Ordnungsamt dafür kritisiert, zu viel zu kontrollieren – „Abzocker heißt es dann“. Nach dem Unfall habe sich die Kritik um 180 Grad gedreht. „Uns wurde vorgeworfen, nicht oft genug zu kontrollieren und die Gefahr an der Unfallstelle zu unterschätzen“, so Mayer. Wie man es macht, macht man es falsch. Für Heinz Mayer zeigte sich in den vergangenen Wochen ein grundlegendes Spannungsfeld, das er nur zu gut kennt: das ambivalente Verhältnis vieler Menschen zu Geschwindigkeitskontrollen. Die Forderung nach mehr Sicherheit ist weit verbreitet – vor allem nach tragischen Unfällen. Doch sobald es um konkrete Maßnahmen wie Tempokontrollen geht, kippt die Stimmung schnell wieder in Uneinsichtigkeit.
Das zeige sich sinnbildlich an Schulen, sagen Mayer und sein Mitarbeiter Steffen F. Auf der einen Seite würden sich regelmäßig Eltern melden, dass vor den Schulen ihrer Kinder zu schnell gefahren werde. Wenn Ordnungsamt-Mitarbeiter dann eine Blitzreaktion zum Unterrichtsbeginn startet, würden sie von Eltern teilweise beschimpft werden. „Ich würde mir manchmal mehr Solidarität für die Arbeit wünschen“, sagt Mayer – denn letztendlich ist es eine Maßnahme für die Gemeinschaft.
Statt Solidarität müssten sich die Teams des Ordnungsamtes jedoch immer wieder mit Pöbeleien, herausgestreckten Mittelfingern und Anwaltsschreiben herumschlagen. „Bei Aktionen am Abend gehen wir nur in Zweierteams raus“, sagt Steffen F. Zu körperlichen Übergriffen sei es zwar noch nicht gekommen, Beleidigungen seien jedoch an der Tagesordnung. Zudem müssten sie immer wieder eingreifen, wenn sich Passanten am Messgerät zu schaffen machen.
Strafen schärfen – aber nicht für alle
Heinz Mayer und Steffen F. wollen aber keine Untergangsstimmung verbreiten. Denn die Ludwigsburger Blitzerquoten von ein bis zehn Prozent würden auch zeigen, dass sich der größte Teil der Menschen an die Regeln hält. Zudem fahren die meisten Temposünder nicht absichtlich rücksichtslos, sondern sind manchmal einfach unaufmerksam.
Das eigentliche Problem sei eine kleine Gruppe, die bewusst gefährlich fährt. „Und da frage ich mich schon, ob wir auf diese Gruppe die richtige Antwort haben“, sagt Steffen F. Zwar sei der Bußgeldkatalog vor zwei Jahren verschärft worden, doch im europäischen Vergleich seien die Strafen immer noch niedrig.
Steffen F. und Heinz Mayer sind sich einig: Kleine Tempoüberschreitungen müssen nicht drakonisch bestraft werden. Bei der Ahndung extremer Straftaten im Verkehr müsse sich jedoch etwas ändern. Bis hin zu langen Fahrverboten und der Beschlagnahmung von Autos. Damit nicht noch mehr Blumenmeere und Kerzen an den Straßenrändern der Stadt stehen.