Seit Jahresbeginn ist die Stuttgarter Sportklinik in das Klinikum der Stadt integriert. Im Dezember soll der Umzug vom Standort beim Kursaal an das Krankenhaus Bad Cannstatt erfolgen. Drei der renommierten Chefärzte werden nicht dabei sein. Unter ihnen ist der VfB-Mannschaftsarzt.
Jahrzehntelang war die Württembergische Sporthilfe Mehrheitsgesellschafter der Stuttgarter Sportklinik, die Fachklinik erregte kaum Aufsehen. Doch seit die Sporthilfe den Verkauf ihres 51-Prozent-Anteils an dem 75-Betten-Haus forciert und der Gemeinderat im Sommer 2021 entschieden hat, das städtische Klinikum als Minderheitseigner solle von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, war es mit der Ruhe vorbei. Es begann ein teils heftiges Ringen zwischen den Chefärzten der renommierten Spezialklinik und dem Vorstand des städtischen Großklinikums.
Dieser Streit endet nun mit einem Paukenschlag: Nach Informationen unserer Zeitung haben drei der vier Chefärzte der Sportklinik, die seit Jahresbeginn gesellschaftsrechtlich voll ins städtische Klinikum integriert ist, ihre Kündigung eingereicht. Dem Vernehmen nach handelt es sich um den VfB-Mannschaftsarzt Raymond Best sowie um seine ebenfalls bekannten Kollegen Frieder Mauch und Ulrich Becker. Ebenfalls gekündigt hat offenbar der Leitende Oberarzt Guido Engel. Die Ärzte der Sportklinik betreuen neben dem VfB Stuttgart auch zwei Handball- und Basketball-Bundesligisten, den Olympiastützpunkt, das Nationalmannschaftszentrum der Rhythmischen Sportgymnastik, um nur einige Beispiele zu nennen.
Der Schritt der Chefärzte kommt nach den zurückliegenden Auseinandersetzungen nicht völlig überraschend. Der Zeitpunkt dürfte auch bestimmt sein durch die Pläne des Klinikums, die Sportklinik mit ihren rund 240 Beschäftigten im Dezember vom heutigen Standort beim Kursaal in Bad Cannstatt an das Krankenhaus Bad Cannstatt (KBC) umzuziehen. Anfang des kommenden Jahres soll die Sportklinik dort dann in einem disziplinären Verbund als „Sportklinik, Orthopädie und Unfallchirurgie des Klinikums Stuttgart“ den Betrieb aufnehmen. Die Umbauarbeiten sind im Gange.
Die Chefärzte der Sportklinik hatten das anfängliche Integrationskonzept von Jan Steffen Jürgensen, dem Medizinischen Vorstand des Klinikums, heftig kritisiert und darauf bestanden, dass die Klinik „als organisatorische Einheit“ bestehen bleibt. Andernfalls würde dies das Ende der Sportklinik bedeuten, so ihre Befürchtung. Das Rezept des Erfolgs seien „kurze und schnelle Wege“ sowie Mitarbeiter, die an einem Strang ziehen.
Die zunächst von Jan Steffen Jürgensen vorgesehene Aufteilung der Sportklinik lehnten nicht nur die Chefärzte als „Zerschlagung“ vehement ab. So sollten größere Operationen im Katharinenhospital am Standort Mitte des Klinikums gemacht werden, kleinere OPs und der ganze ambulante Bereich aber am KBC angesiedelt sein. Dieses Konzept kritisierten auch Gemeinderäte und der Verwaltungsrat des Klinikums. Es dürfe am KBC nicht nur ein Schild mit der Aufschrift Sportklinik übrig bleiben. Ziel müsse eine Lösung an einem Ort sein.
Inzwischen liegt ein modifiziertes Konzept für die Integration der Sportklinik vor. Zu erfahren war so viel: Am KBC soll eine große Portalklinik für den neuen Klinikbereich eingerichtet werden, in der die ambulanten Behandlungen zusammengeführt werden. Auch sei ein großer Stationsbereich bereits freigeräumt und werde renoviert. Die Physiotherapie beider Häuser werde zusammengefasst und erhalte neue, attraktive Räume. Die bisherigen Chefärzte der Sportklinik aber hat offenbar auch dieses Integrationskonzept nicht überzeugt.
Die genauen Pläne und den Stand der Dinge wird Jan Steffen Jürgensen der Belegschaft wohl an diesem Donnerstag bei einer Betriebsversammlung erläutern. Vonseiten des Personalrats im Klinikum hieß es unlängst, die Integration der Beschäftigten laufe sehr gut, trotz mancher noch vorhandener Ängste. Die Chefarztebene kann damit allerdings nicht gemeint gewesen sein. Und ein Rumoren war zumindest vor geraumer Zeit auch in der Belegschaft zu vernehmen.
Für diese wie für den Gemeinderat und den Verwaltungsrat wird spannend sein zu erfahren, wie das aktuelle Konzept für die Sportklinik im Detail aussieht. Ob es den Vorgaben der Gremien entspricht oder im Wesentlichen die alte Version ist.
Dass die angesehenen Chefärzte den Umzug nicht mitmachen, wird aber in den Gremien vermutlich nicht gut ankommen. Vor Wochen hieß es etwa aus dem Verwaltungsrat auf die Frage, was wäre, wenn die Chefärzte von Bord gingen: „Das Renommee würde sinken.“ Überdies würde dies ein schlechtes Licht auf die Integration werfen, so eine Stimme. „Das wäre ganz schlecht.“ Die Gefahr sei, dass Patienten „wegbleiben“.
Die Chefärzte haben auf eine Anfrage nicht reagiert. Dabei wäre es auch interessant zu wissen, welche Pläne sie nach dem Ausscheiden aus der Sportklinik verfolgen.
Von der Sporthilfe Württemberg übernommen
Patientenzahlen
Die Sportklinik ist eine Fachklinik mit überregionalem Ruf. Sie hat 75 Betten, nach eigenen Angaben werden pro Jahr etwa 6000 stationäre und rund 35 000 ambulante Patienten behandelt.
Übernahme
Im Januar 2008 hat das Klinikum der Stadt 49 Prozent der Sportklinik für 4,1 Millionen Euro erworben, im September 2022 dann auch den Mehrheitsanteil der Sporthilfe Württemberg von 51 Prozent für knapp 1,6 Millionen Euro.