Dekan Hermes, Moderator Isenberg, Gastronomin Zimmerle, Polizeipräsident Züfle und Ordnungsreferent Karpf (v. li.) diskutieren über die Sicherheitslage in der Innenstadt. Foto: Leif Piechowski

Das Partyvolk in Stuttgart bringt Lärm, Müll und Straftaten. Viele Bürger finden die Sicherheitslage kritisch. Bei der StN-Podiumsdiskussion „Mittendrin“ wurde ein Bündnis angeregt.

Stuttgart - Der Gastgeber will nicht um den heißen Brei herumreden. Der katholische Stadtdekan Christian Hermes wählt klare Worte. „Am Wochenende ersäuft die Innenstadt in Alkohol und Gewalt. Ich hätte mir vorher nie vorstellen können, was hier abgeht“, sagt der Geistliche. Bei der Veranstaltung „Mittendrin“ unserer Zeitung im Haus der Katholischen Kirche an der Königstraße erzählt er von der „präpotenten Klientel“, die mit aufheulenden Motoren die Bolzstraße auf und ab braust, vom großen Freiluft-Urinal Schlossplatz und von Schlägereien. Als direkter Anwohner wundere er sich, „wer sich das noch freiwillig antut“.

Die Stuttgarter Innenstadt ist in den vergangenen Jahren zur Partyzone geworden. Ein Stück weit ist das durchaus gewollt. „Man muss sich fragen, was hier sonst los wäre, ohne Gastronomen und Feste“, sagt Hermann Karpf. Der Referent von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer stellt freilich auch fest, dass die Situation in jüngster Zeit immer öfter ausartet. Diese „Spitzen müssen wir abschneiden“, so Karpf. Der Stadt fehlten dafür allerdings die Mittel. Deshalb komme es auf die Polizei an.

Die jedoch, hat Schairer jüngst kritisiert, ziehe sich eher aus der Innenstadt zurück. Das will Polizeipräsident Thomas Züfle auf dem Podium nicht auf sich und seinen Kollegen sitzenlassen. „Wir machen mit dem knappen Personal und den begrenzten Ressourcen einen sehr guten Job“, sagt er. Es sei zu einfach, nur mit dem Finger auf die Polizei zu zeigen. Die Stadt habe durchaus Steuerungselemente, könne etwa höhere Gebühren für Außengastronomie verlangen. „Wir diskutieren auf hohem Niveau“, so Züfle. Man dürfe die Situation aber trotzdem nicht verharmlosen: „Es geht um die Lebensqualität der Bürger. Und natürlich gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten.“

Viele Wirte in der Innenstadt tun ihr Möglichstes, damit die Situation nicht eskaliert

Die Moderatoren Michael Isenberg und Wolf-Dieter Obst kontern mit Zahlen. Fast 16.000 Delikte pro Jahr sind zuletzt in der Innenstadt gezählt worden. Das ist ein Viertel des Wertes der Gesamtstadt. Die Zahl der Gewaltdelikte in der City ist von 895 im Jahr 2010 auf 999 im Jahr 2011 gestiegen. Wo viele Leute von außerhalb aufeinandertreffen, gibt es auch zahlreiche Konflikte.

Die Wirte in der Innenstadt kennen die Probleme – und laut Yvette Zimmerle tun viele ihr Möglichstes, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. „Wir lassen niemanden unter 21 hinein und keine Betrunkenen. Wir haben schließlich eine Konzession zu verlieren“, sagt die Betreiberin des Szenelokals Barcode an der Partymeile Theodor-Heuss-Straße. Am Wochenende tun dort mittlerweile mehrere Türsteher Dienst. Das Ausgehverhalten der Leute habe sich geändert, sagt sie – erinnert allerdings auch die Stadt daran, dass sie gelegentlich beim Alkoholverkauf mitverdient. Bei Weindorf oder Sommerfest etwa sei der Konsum gewollt.

Für Stadtdekan Hermes stellt sich da die grundsätzliche Frage. „Die Innenstadt ist eine Bühne für viele und vieles. Das ist auch gut so. Wir haben aber Brennpunkte. Da muss man sich die politische Frage stellen, wie man die City gestalten will, damit man dort auch leben kann.“ Sollen Bühne und Wohnraum gleichzeitig möglich sein, oder soll man den Bürgern künftig sagen, dass es eben Bereiche zum Feiern und andere zum Leben gibt? Die Antwort fällt eindeutig aus. Alle Beteiligten wollen die Innenstadt weder zur reinen Partyzone noch zum Ruhegebiet erklären. „Wir wollen alle eine lebendige Stadt“, sagt Polizeipräsident Züfle.

“Wir sollten uns zu einem Runden Tisch zusammensetzen“, schlägt Stadtdekan Hermes vor

Doch was tun? Wie soll das Gleichgewicht zwischen Anwohnern und Feierwilligen wiedergefunden werden? „Man muss ordnend eingreifen, Präsenz zeigen, frühzeitig einschreiten“, fordert Karpf. Das soll künftig nicht die Polizei allein erledigen. Hermes überrascht die anderen Teilnehmer mit einem Vorschlag: „Alle Beteiligten müssen miteinander ins Gespräch kommen. Wir sollten uns zu einem Runden Tisch zusammensetzen.“ Man müsse besprechen, wer alles unterstützend wirken könne, „bevor die Leute so zapfendicht sind, dass nur noch die Polizei bleibt“.

Der Vorschlag kommt gut an. „Wir müssen uns mehr vernetzen, und jeder muss auf dem Feld spielen, wo er sich am besten auskennt“, sagt Züfle. Die Polizei verstehe sich als Dienstleister, der gezielte Hinweise brauche, um reagieren zu können. Diese Hinweise gibt es sofort frei Haus – auf dem Podium und aus dem Publikum. Yvette Zimmerle etwa hat „lange keine Polizeistreife mehr im Hospitalviertel gesehen“ und glaubt, eine häufigere Präsenz dort könnte helfen. Pfarrer Eberhard Schwarz aus eben jenem Hospitalviertel fordert ebenfalls mehr Streifen und Jugendsozialarbeit – und erinnert besonders die Politik daran, dass in der Innenstadt nicht nur Party politisch gewollt sei, sondern auch Wohnraum für Menschen.

Die Vorschläge sprudeln nur so aus den Gästen heraus

Dass ein Runder Tisch nicht immer ein Allheilmittel ist, weiß freilich Veronika Kienzle. Seit sieben Jahren rede man im Hospitalviertel über eine Schrankenlösung, bemängelt die Bezirksvorsteherin Mitte. Es gebe fertige Lichtkonzepte für Leonhards- und Hospitalviertel, allerdings bisher kein Geld. Die Diskussion um die Sperrung der Pfarrstraße habe 15 Jahre gedauert. „Vieles ist haushaltsrelevant“, warnt sie vor übergroßen Erwartungen.

Doch die Vorschläge sprudeln nur so aus den Gästen heraus. Mehr Licht, mehr Alkoholkontrollen, mehr Augenmerk auf die Hinterhöfe, Polizeipräsenz, Jugendarbeit – die Liste ist lang. Seit zwei Jahren gebe es keinen Präventionsbeamten mehr, der die Sitzungen des Bezirksbeirats besuche, moniert Kienzle. Manche Auswüchse, da ist man sich einig, ließen sich verhindern, wenn frühzeitig alle an einem Tisch säßen.

Die ersten Gespräche sollen nicht lange auf sich warten lassen. Stadtdekan Hermes gibt ein ehrgeiziges Ziel aus: „Ich verlange eine Überprüfung der Ergebnisse in einem Jahr.“ Bis dahin müsse sich zeigen, was erreicht worden sei. Dass das auch unbequem sein kann, ist ihm klar. Man werde im Zweifel auch Geld einsetzen müssen. Karpf pflichtet ihm bei: „Wir müssen mehr tun. Und wenn die Finanzen nicht reichen, muss man das klar sagen.“

Das erste Jahr des neuen Sicherheitsbündnisses hat begonnen. Die Zeit läuft.

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