Vier Monate nach der verheerenden Kollision zweier Stadtbahnen ist die Ursache noch immer unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung gegen eine der Zugführerinnen, doch nicht nur ihr droht ein Strafverfahren.
Es war einer der schwersten Stadtbahnunfälle in der Landeshauptstadt: Am 23. Februar 2024 ist in der Inselstraße in Wangen ein Zug der Linie U 4 in das Heck einer stehenden U 9 gekracht. Die Front beziehungsweise das Heck der Bahnen wurde stark deformiert, es entstand ein Schaden in Millionenhöhe. Mindestens 15 Personen wurden damals verletzt, elf mussten nach einer Erstversorgung vor Ort in Kliniken gebracht werden. Die 47 Jahre alte Fahrerin der hinteren Stadtbahn erlitt schwere Verletzungen. Eine 26-jährige Frau, die wegen der Kollision durch den Zug geschleudert wurde, schwebte zunächst sogar in Lebensgefahr.
Keine Updates zum Gesundheitszustand der Verletzten
Rund vier Monate später hält sich die Staatsanwaltschaft Stuttgart bei Fragen zum Gesundheitszustand der Verletzten bedeckt. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes könne man dazu derzeit keine Einzelheiten mitteilen, sagt der Erste Staatsanwalt Aniello Ambrosio. Auch die Ursache für den Zusammenstoß der beiden Stadtbahnen – unter anderem werden die Fahrtenschreiber und die Videoaufnahmen aus dem Inneren der Bahnen ausgewertet – sei noch immer unklar. Im Zentrum der laufenden Untersuchungen steht aber offenbar weiterhin die 47 Jahre alte Stadtbahnfahrerin, die den Zug steuerte, der auffuhr. Gegen die Frau wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Gefährdung des Bahnverkehrs in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung ermittelt.
Darüber hinaus beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft offenbar mit mehreren Gaffer-Videos, die am Unfallort gedreht worden sind. Entsprechende Untersuchungen würden derzeit gegen mehrere Personen laufen. Wenige Tage nach dem Unfall hatte zunächst nur eine Handyaufnahme in sozialen Netzwerken für Aufsehen gesorgt: Es zeigt die zerstörten Bahnen noch vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte. Mutmaßlich mit gezücktem Smartphone nähert sich darin ein Mann dem stark deformierten Führerhaus des hinteren Zugs. Er filmt die schwer verletzte Stadtbahnfahrerin, die um Hilfe ruft, und mehrere Ersthelfer, die nach einer Möglichkeit suchen, vom Gleisbett in die Stadtbahn zu gelangen.
In den vergangenen vier Monaten sind offenbar mehrere solcher Videos sichergestellt worden. Den Filmern droht damit nicht nur wegen unterlassener Hilfeleistung ein juristisches Nachspiel. Gaffer, die Verletzte fotografieren oder filmen, müssen mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie die Aufnahmen auch weitergegeben oder veröffentlicht haben.
Reparatur der Stadtbahnen noch nicht begonnen
Neuigkeiten gibt es derweil von den beiden stark beschädigten Stadtbahnen. Sie wurden nach dem Unfall in Depots gebracht. Die Begutachtungen seien erfolgt, sagt Birte Schaper, die Sprecherin der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Nun würden die Ausschreibungen erfolgen und daraufhin erfolge die Reparatur in einer externen Werkstatt. Zu möglichen Kosten macht sie noch keine Angaben. Vermutlich liegen sie aber in Millionenhöhe. Zu dieser Einschätzung kam auch SSB-Technikvorstand, als er kurz nach dem Zusammenstoß am Unfallort eintraf. Damals taxierte er den Schaden an der vorderen Stadtbahn auf rund 200 000 Euro. Der Löwenanteil wird definitiv für die Instandsetzung der hinteren Bahn benötigt.