Nach Shitstorm wegen Rolex Sawsan Chebli deaktiviert ihren Facebook-Account

Von red/dpa 

Sawsan Chebli – verletzlicher, als sie sich üblicherweise auf Twitter gibt? Foto: dpa
Sawsan Chebli – verletzlicher, als sie sich üblicherweise auf Twitter gibt? Foto: dpa

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli hat für ein Foto, auf dem sie eine Rolex-Uhr trägt, viel Kritik einstecken müssen – und dabei nicht nur konstruktive. Die Sozialdemokratin hat daraus Konsequenzen gezogen und ihren Facebook-Account deaktiviert.

Berlin - Als Sawsan Chebli ihren Posten als Vizesprecherin im Außenamt aufgab, um als Staatssekretärin in den rot-rot-grünen Berliner Senat zu wechseln, kannten sie selbst in der Hauptstadt nur wenige. Knapp zwei Jahre später ist die 40-jährige SPD-Politikerin palästinensischer Herkunft und bekennende Muslima wohl die bundesweit bekannteste Vertreterin der Berliner Landespolitik.

Das liegt weniger an ihrer Arbeit als Bevollmächtigte beim Bund und Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement und Internationales, sondern in erster Linie an ihren als privat deklarierten und vom Berliner Senat durchaus kritisch beäugten Aktivitäten bei Twitter, Facebook und Co. Denn dort provoziert und polarisiert sie oft.

Nun steht sie wieder im Fokus – allerdings nicht wegen eines neuen Tweets: Jemand postete ein vier Jahre altes Foto aus Cheblis Zeit im Außenamt, auf dem sie eine Rolex am Arm trägt. „Alles was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss“, kommentierte der User mit Blick auf Wahlniederlagen und schlechte Umfragewerte der Partei - und recherchierte, dass das fragliche Modell 7300 Euro kostet.

Chebli verdient 9400 Euro im Monat

Was folgte: Ein Shitstorm. Wegen der Vielzahl von Hass-Nachrichten hat Chebli nun ihren Facebook-Account deaktiviert. Der „Bild“-Zeitung sagte sie hierzu: „Mein Facebook-Account hat sich zu einem Tummelplatz für Nazis und Extremisten aller Couleur entwickelt.“ Das alleine dürfte die Debatte aber wohl kaum runterkochen.

Dürfen „Sozis“ Rolex tragen? Das Magazin „Stern“ machte daraus - Twittergerecht mit Hashtag garniert - ein „#Uhrengate“. Das „Netz“ hyperventilierte. Die einen griffen Chebli an, die anderen verteidigten sie: Welche Uhr man trage, sei Privatsache. „Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein“, sprang FDP-Chef Christian Lindner Chebli bei. Sie verdient rund 9400 Euro brutto im Monat.

Die Neiddebatte weckte Erinnerungen an andere Sozialdemokraten mit Hang zum Edlen. Altkanzler Gerhard Schröder etwa trug gern teure Maßanzüge und paffte kubanische Zigarren. Ex-Finanzminister und Weinkenner Peer Steinbrück offenbarte einmal, er würde keinen Pinot Grigio für nur fünf Euro kaufen.

Kein Wohlstand in der Kindheit

Bevor sie ihren Facebook-Account deaktiviert hatte, schaltete sich Chebli noch selbst in die Diskussion ein: „Wer von Euch Hatern (Hassern) hat mit 12 Geschwistern in 2 Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen&gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil Kohle zu teuer war? Wer musste Monate für Holzbuntstifte warten? Mir sagt keiner, was Armut ist. #Rolex“, twitterte sie. Und fügte später hinzu, sie würde die Uhr und ihre „Klamotten“ sofort verschenken, wenn die SPD dann allein regierte.

Die Reaktion zeigt, dass Kritik - und sei sie noch so abstrus - an ihr nicht einfach abperlt. Denn Chebli ist nicht nur die toughe Politikerin, die gegen Antisemitismus mobil macht und einräumt, dass es unter Muslimen in Deutschland ein Problem mit Judenhass gibt. Sie ist auch ein verletzlicher Mensch, der im „Netz“ selbst gewaltigem Hass und rassistischen Anfeindungen ausgesetzt ist - ob aus dem rechten Lager oder aus muslimischen Kreisen, die ihren Lebensstil oder ihr Bekenntnis zum Existenzrecht Israels verurteilen.

Chebli wurde 1978 im damaligen Westteil Berlins als 12. von 13 Kindern einer palästinensischen Familie geboren. Erst mit 15 bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft, machte nach dem Politikstudium rasch Karriere. Angst, Not und Armut hätten sie das Kämpfen gelehrt, erinnerte sich Chebli im „Zeitmagazin“. „Für mich war klar: Ich wollte niemals so arm und auf die Hilfe anderer angewiesen sein wie meine Eltern. Ich wollte frei sein, das zu tun, was ich möchte.“

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