Vor zweieinhalb Jahren machte der ehemalige Nachtcafé-Moderator Wieland Backes seine Erkrankung öffentlich. Bereut er das? Und was haben Geschichtenschreiben und Glück miteinander zu tun?
Wie anfangen? Der erste Satz muss schließlich sitzen. Wie bei einem guten Roman und bei jeder Geschichte. So sagt er es fast beiläufig. Wieland Backes, leuchtend weißes Hemd, hellbrauner legerer Anzug mit Weste, eine Hornbrille auf der Nase, schaut auf. Vielleicht mit einer Frage beginnen, mit der man so gerne Gespräche anfängt. Also: „Wie geht es Ihnen, Herr Backes?“ In diesem Fall ist das mehr als eine Verlegenheitsfloskel. Im September 2021 hat Wieland Backes in unserer Zeitung öffentlich gemacht, dass er seit 2013 mit der Diagnose Parkinson lebt. Damals sollte die Wahrheit ans Licht, wie er es formulierte. Die ist nun seit zweieinhalb Jahren in der Welt.
Doch eine solche Wahrheit kann schnell zum Boomerang werden, wenn die Umwelt einen von nun an nur noch auf die Krankheit reduziert. Der Parkinson sei nur eine Facette seiner Persönlichkeit, hat er damals gesagt. Die Befürchtung war also da. Heute sagt er: „Ich habe die Grundhaltung, dass ich mich von der Krankheit nicht zu Boden werfen lasse.“ Würde man seine Geschichte nicht kennen, würde man den Mann, der mühelos Tee aus einer weißen Kanne einschenkt, nicht mit seiner Krankheit in Verbindung bringen. Er ist ja schließlich auch noch Moderator, Ehemann, Vater, Einkaufs- und Kochmann für die Familie, politisch Interessierter, Förderer des Literaturhauses – und jetzt auch offiziell Schriftsteller. Ein facettenreicher Mensch also. Deshalb schnell noch eine zweite Frage: „Haben Sie Ihr Coming-out jemals bereut?“ Alles richtiggemacht?
Der Zeitpunkt war richtig. Er bleibt dabei. Aber auf exakt diesen Zeitpunkt sei es angekommen. Sonst kann eine solche Ehrlichkeit wirklich zum Eigentor werden. „Denn ab dann sind sie für die Öffentlichkeit gezeichnet“, erklärt Backes ruhig. Er entschied sich nach Gesprächen mit seiner Frau Bettina, erst acht Jahre nachdem er die Diagnose bekommen hat, öffentlich darüber zu reden. Zu seinem 75. Geburtstag und vor der Veröffentlichung seines Buches „Ich war ein schüchternes Kind“.
Einer, der wie er in der Öffentlichkeit steht, jahrzehntelang im SWR das „Nachtcafé“ moderiert hat, weiß, wie grausam die Öffentlichkeit sein kann. Ein im Dienst stehender Moderator mit Parkinson? „Ich war zu diesem Zeitpunkt noch 100 Prozent auf dem Schirm“, da schaue man genau hin, ob man schon was sehe. Auch außerhalb des Sendebetriebs „hat es Auswirkungen“, erklärt er. „Ab sofort sehen einen alle unter dem Stichwort Krankheit.“ Er ist milde und voller Verständnis. „Wenn man von jemandem weiß, dass er eine schwere Erkrankung hat, denken die Menschen natürlich daran, wenn sie ihn sehen“, sagt er und bleibt im Abstrakten. Das gehe auch ihm so. „Aber für mich war es nicht verhängnisvoll, mir hat es keine Nachteile gebracht.“ Ein paar Diskussionsmoderationen vielleicht weniger, aber die seien eh schon weniger geworden.
20 Lesungen mit dem neuen Buch
Für Backes offenbar alles kein Problem. „Man braucht jedoch eine gewisse Persönlichkeitsstärke.“ Die hat er offenbar in den Jahren des stillen Wissens entwickelt. Er hielt und hält die suchenden Blicke der anderen aus und ruft sich die Worte seines Arztes in Erinnerung, der ihm gesagt hat, mit 77 Jahren habe man eben schon das eine oder andere Alterszipperlein. So wie alle Menschen. Und gleichzeitig hat er nicht aufgehört aktiv zu sein, organisatorisch als Vorsitzender des Vereins Freunde des Literaturhauses tätig zu sein, Connections zu halten, Beziehungen zu pflegen, Spenden beizubringen. „Die anderen Facetten meines Lebens sind fast beherrschender und nehmen großen Raum ein“, sagt er. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Zweimal die Woche geht er zur Physiotherapie. Denn Backes hat sich für die kommenden Wochen viel vorgenommen. 20 Lesungen mit seinem neuen Buch „Unmöglich! Erfundene Geschichten, die das Leben schrieb“. Das heißt: 20-mal raus, 20-mal präsent sein. Von Bönnigheim, Heidenheim, Marbach bis Pfullendorf. 20 Mal Erzählungen lesen, reden und den Kontakt mit denen genießen, die seinetwegen kommen. Das ist die Physiotherapie für die Seele.
Schüler mit Fantasie
Denn um das geht es für ihn jetzt eigentlich. Zu der prallen Lebenswirklichkeit des Genussmenschen Wieland Backes gehört auch, dass er eine seit seiner Kindheit in ihm schlummernde Leidenschaft wiederentdeckt hat und lebt. „Schreiben ist Glück.“ Und so sitzt er in seinem Wintergarten und sagt: „Ich glaube schon, dass ich ein relativ glücklicher Mensch bin.“ Einer, der schon früh als Kind für seine sprühende Fantasie bekannt war, und das Glück hatte, dass die Eltern und die Brüder nie versucht haben, das kleinzureden oder ihm ab zutrainieren. Trotz nicht all zu guter Schulnoten. Und so glimmt das Feuer der erfundenen Geschichten weiter. Nachdem er als Schüler beim Wanderkino den Schillerfilm „Triumph des Genies“ sieht, ist er so beeindruckt, dass er, um es dem jungen Friedrich Schiller gleichzutun, im Dorf seiner Kindheit nach einer Feder sucht, um sie in ein Tintenglas eintauchen zu können und wie der Dichter zu schreiben.
Es gibt ein Gedicht aus dieser Zeit. Der Originalzettel ist verloren gegangen, aber die Zeilen hat er nicht vergessen. Backes trägt das Gedicht seines siebenjährigen Alteregos vor: „Die Welt ist rund und kunterbunt. Und keiner weiß, wie Gott sie heißt.“ Es gefällt ihm immer noch. Er muss lachen. Hat doch fast philosophischen Tiefgang, oder? Keine Frage, dass der Schüler Backes sich in vielen Poesiealben verewigen musste. Auch seiner Frau Bettina hat er später jede Woche ein Gedicht geschrieben, kompakte Sechszeiler meist. Immer donnerstags, an dem Wochentag, an dem das „Nachtcafé“ aufgezeichnet wurde.
Das Schreiben ist ein Grund für das Glücksgefühl, von dem er spricht. Aktuell dokumentiert in einem Erzählbändchen. Seine Fantasie speist sich aus Fragmenten von Gesehenem („Ich bin ein Augenmensch“) und Gehörtem. Das Lauschen am Nebentisch im Café oder Restaurant fällt inzwischen schwer. Das Gehör ist zu schlecht, sagt er bedauernd. Dann muss die Ehefrau berichten, was nebenan verhandelt wurde. Das energische Klack-Klack ihrer Schritte jedoch ist durchgedrungen. Sie hallen bis ins Geschriebene und leiten akustisch eine Geschichte über einen „Liebesverrat“ ein. Ein „aufklärerisches Miteinander“ attestiert die Literaturhausleiterin den Backes’schen Geschichten von Arm und Reich, der Todessehnsucht, dem Wunsch nach einem Kind oder dem späten Aufbruch im Leben.
Nicht zum Flaneur geschaffen
Nur den Flaneur zu geben, nur der spazieren gehende Pensionär sein, der Bilder und Töne aufsaugt, diese Lebenshaltung ist für Backes kein Lebenskonzept – auch wenn er sich das früher als Rentnerperspektive durchaus attraktiv vorgestellt habe. Er hat seine Meinung revidiert. „Nur zu schauen und sich von Eindrücken treiben lassen – was ist das?“, fragt er stattdessen. „Es macht einen nicht glücklich. Und ist unverantwortlich.“ Dafür gebe es gerade zu viele drängende Fragen in der Welt. Besonders die nach der Zukunft der Demokratie. Es gebe zu viel zu tun, als dass man sich „ein kleines egoistisches Privatgärtchen schafft“. Er wolle immer auch Kind dieser Gesellschaft sein. Sprich: sich einmischen.
Denn beim Schreiben von Geschichten sowie im Leben komme es nicht nur darauf an, wie sie anfangen, sondern auch wie und mit welchen Sätzen sie aufhören. Nach Backes kommt darin die Rettung der Demokratie vor.
Info
Buch
Wieland Backes stellt sein Buch Unmöglich! Erfundene Geschichten, die das Leben schrieb, Gmeiner Verlag, am 18. April, 19.30 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus im Gespräch mit Dennis Scheck vor.