Zu Beginn war es für ihn vor allem eine Flucht aus der Realität: Anfang Dezember entdeckte Diego Berretta das Laufen für sich. Foto: privat

Diego Berretta aus Schönaich ist erst seit gut fünf Wochen im Training und joggt schon jetzt Distanzen von über 40 Kilometer. Was ist sein Antrieb? Und woher kommt die Ausdauer?

Während sich andere um 22 Uhr gemütlich ins Bett kuscheln, schnürt Diego Berretta die Laufschuhe. Er knipst die Stirnlampe an, schnappt sich eine Trinkflasche sowie ein paar Dextro-Energy-Traubenzucker und läuft los.

 

Von Schönaich nach Holzgerlingen. Von Holzgerlingen nach Böblingen. Nach Darmsheim, wo seine Eltern zehn Jahre lang eine Eisdiele hatten. Weiter nach Döffingen und von dort aus nach Maichingen und über Sindelfingen wieder zurück nach Hause. 40 Kilometer, 1400 Höhenmeter, bei Dunkelheit und einer beißenden Kälte von minus sechs Grad.

Laufen ist für Diego Berretta ein Kampf gegen sich selbst

„Für mich ist das ein Kampf gegen mich selbst“, sagt Diego Berretta. „Laufen gehört zu den Urinstinkten des Menschen und ist eigentlich das, wofür wir gemacht sind.“ Zwischendrin seien schon mal die Taschenlampen ausgegangen. Das Wasser, dass er in seiner Trinkflasche hatte, fror ein. „Ab da war es dann ein purer Überlebenskampf“, sagt Diego Berretta. „Ich habe mich angeschrien wie ein Verrückter.“ Trotzdem habe er den Weg zurück in fünfeinhalb Stunden geschafft.

Nun könnte man meinen, dass die Ausdauer des 33-Jährigen auf jahrelanges Training zurückzuführen ist. Dem ist aber nicht so. Tatsächlich hat Diego Berretta erst vor ein paar Wochen so richtig mit dem Laufen begonnen. „Für mich war das anfangs nur eine Flucht aus der Realität“, sagt er. Die ist für den dreifachen Familienvater nämlich von einer ganzen Menge Termine und Verpflichtungen geprägt.

Gut eingepackt durch die Eiseskälte: Diego Berretta joggte mitten in der winterlichen Nacht für fünfeinhalb Stunden. Foto: privat

Hauptberuflich ist Diego Berretta als Führungskraft bei Mercedes-Benz tätig. Dazu kamen die Familie, die Hobbys der Kinder, der Hund, der natürlich auch Aufmerksamkeit einfordert. Irgendwann stellte der Schönaicher fest, dass es ihm so nicht mehr gut ging. „Ich habe mich gefühlt wie ein Clown, der mit mehreren Bällen jongliert“, sagt Berretta. „Ich konnte einfach nicht mehr abschalten und wusste, dass ich etwas ändern muss.“

Sportlich war er schon immer. In seinem Keller hat er sich ein kleines Fitnessstudio eingerichtet, früher spielte er auch Fußball. „Aber ich war lange starker Raucher“, sagt er. „Laufen und Cardio war deshalb eigentlich so gar nicht drin.“

Mitte 2025 stellte er schließlich seine Ernährung um, ließ das Rauchen sein – und entdeckte Anfang Dezember schließlich das Laufen für sich. „Ich habe schnell gemerkt, dass das solche Momente sind, in denen ich komplett meine Ruhe habe“, sagt er. „Wenn ich laufe, dann will niemand was von mir.“

Nach den ersten Fünf-Kilometer-Läufen Mitte Dezember steigerte sich der 33-Jährige ziemlich schnell auf Strecken, die Marathon-Niveau haben. Ende Dezember lief er bereits 40 Kilometer zum Stuttgarter Flughafen und Fernsehturm und wieder zurück. „Das war nicht geplant“, gibt er zu. „Ich wollte einfach mal schauen, wie weit ich es schaffe.“

Die Führungskraft bei Mercedes-Benz weiß, dass die Trainingslehre anders aussieht

Während dieses Laufs merkte Diego Berretta eines: „Beim Laufen kommt es nur zu 50 Prozent auf die körperliche Stärke an – der Rest passiert im Kopf und ist purer Wille.“ Dass diese Herangehensweise jeglicher Trainingslehre widerspricht, ist Diego Berretta durchaus bewusst. Mit seiner Geschichte will er allerdings auch nicht zum Nachmachen anregen, sondern vor allem zeigen, was auch im Alltagsstress alles möglich ist. „Viele Familienväter und Berufstätige haben keine Lust, nach der Arbeit noch irgendwas zu machen“, sagt er. „Aber wenn man etwas wirklich will, findet man immer die Zeit dafür.“

Er selbst habe gemerkt, dass ihm das Laufen sehr viel bringt. „Für mich ist das kein Hobby, sondern ein Werkzeug, um die täglichen Herausforderungen zu meistern.“ Seit er laufe, fühle er sich ausgewogener, könne leichter mit dem Stress umgehen. „Und es macht mir auch extrem viel Spaß.“

Für 2026 hat sich Diego Berretta bereits große Ziele gesetzt. Am 4. Juni will er am Iron Viking teilnehmen, einem der schwierigsten Hindernisläufe Deutschlands. Außerdem bereitet er sich auf den 42 Kilometer langen Berlin Marathon vor.

Langfristig hat er das Ziel, einen 100-Kilometer-Lauf zu knacken. „Sowas wäre für mich dann echt eine übermenschliche Leistung“, sagt er.