Nach dem antisemitischen Vorfall bei der Leonberger Feuerwehr spricht Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes, zu den Wehrleuten.
Es sei kein Job, der jeden Tag Freude, aber dafür jeden Tag Sinn mache, erzählt Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung, umringt von mehreren Dutzend Männern und Frauen in dunkelblauer Dienstkleidung. Der Besuch bei der Leonberger Feuerwehr sei für ihn trotz vollem Terminkalender aber einer der freudigeren Anlässe.
Und das, obwohl der Grund für seine Anwesenheit auf der Leonberger Hauptwache einer ist, der Stadt und Feuerwehr vor einigen Monaten reichlich aufgewühlt hatte. Im Juli waren fünf betrunkene Feuerwehrmänner mit einem Einsatzfahrzeug durch die Stadt gefahren und hatten Nazi-Parolen über den Lautsprecher skandiert.
Emotionale Zeiten für die Feuerwehr
Zur Aufarbeitung hatte die Stadt also Blume eingeladen, dieser dürfe nun Feuerwehr für die Feuerwehr sein, sagt er schmunzelnd. Dass die vergangenen Monate besonders für die Wehrleute keine leichten waren, ist zu Beginn des Abends zu spüren, eine Beobachtung, die Blume teilt: Einige Wehrleute sitzen mit verschränkten Armen da, die vordersten beiden Reihen im Konferenzraum bleiben erst einmal leer. Bis dann die Stimmung doch noch umschwingt: Von Anspannung zu Erleichterung, Offenheit, Interesse.
Denn aufgewühlt hatte der antisemitische Vorfall nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Mannschaft selbst. „Dieses nicht begreifen können, dass das bei einem selber passiert, war mit das Schlimmste“, erzählt der Gesamtkommandant Wolfgang Zimmermann. „Das sind ja Kameraden, Freunde.“ Die ein oder andere Träne unter den Wehrleuten habe es gegeben. „Es waren vorher keine Anzeichen da“, so der Feuerwehr-Chef. „Die Mannschaft treibt das um.“
Freund-Feind-Denken schlummert in jedem
Wie kann so etwas passieren, bei Menschen, die man eigentlich gut kennt? Um diese Frage drehen sich auch die Ausführungen von Michael Blume – eine klare Antwort kann aber selbst er darauf nicht geben. Aber er kann den Feuerwehrleuten einige Sorgen nehmen, etwa die der Schuldfrage. „Ich bin nicht da, um jemanden zu beschuldigen“, sagt der Antisemitismusbeauftragte vor versammelter Mannschaft. „Ich möchte nicht, dass Sie sich schuldig fühlen. Das sind Sie nicht.“ Stattdessen spricht Blume über die Geschichte eines über 2000 Jahre alten Judenhasses, den Verschwörungsglauben, der dem Antisemitismus unterliegt und über ein Freund-Feind-Denken, das in jedem Menschen steckt. „Das ist ein Erbe, das wir in uns tragen“, sagt Blume. Schuld muss man sich dafür nicht aufladen. Aber Verantwortung übernehmen, für andere und für die Aufrechterhaltung der Demokratie. „Antisemitismus war nie weg“, sagt Blume. „Die Frage ist: Wie geht man damit um?“
Für die Leonberger Feuerwehr und die Stadt hat Blume in diesem Zuge vor allem: viel Lob. Mustergültig aufgearbeitet hätten die Mannschaft und die Stadt den Vorfall im Juli. Nicht vertuscht wurde hier, sagt Blume, solche Fälle würde er nämlich immer wieder erleben. „Institutionen zu schützen, das geht meistens schief“, sagt er.
Stattdessen sei in Leonberg schnell und professionell gehandelt worden – obwohl gerade in uniformierten Einheiten oft eine besondere Gruppendynamik herrsche, in der man zunächst den Impuls habe, sich gegenseitig zu schützen. In Leonberg sei das nicht passiert. „So würde ich mir das überall wünschen“, so Blume.
Wie umgehen mit Antisemitismus?
Bei seinem Besuch bei der Leonberger Feuerwehr stellen auch die Wehrleute reichlich Fragen. Wie etwa geht man am besten damit um, wenn im eigenen Umfeld antisemitisches Gedankengut auftaucht? Für Blume ist klar: Haltung zeigen ist wichtig, besonders in der Öffentlichkeit. Antisemitischen Anmerkungen sollte man widersprechen. Man könne, je nach Situation, das Thema aber auch mal sein lassen. Denn dann kann der sogenannte „Backfire-Effekt“ auftreten. „Die Leute ziehen sich dann in ihre Wut zurück“, so Blume. Im richtigen Rahmen, unter vier Augen, über die zugrunde liegenden Ängste zu sprechen, kann helfen. „Man kann Radikalisierung bremsen“, meint der Antisemitismusexperte. „Aber nicht immer.“
Um der Verbreitung von Hass, insbesondere in Zeiten, in denen politische Botschaften über Tiktok und Co. verbreitet werden, vorzubeugen, setzt Blume auch auf die Aufklärung in Schulen – und die Fortbildung von Lehrkräften. „Teach the teachers“, nennt Blume das. Besonders für uniformierte Berufe wünscht er sich, dass diese sich in der Ausbildung zwingend mit dem Thema auseinander setzen müssen.
In Bruchsal etwa, berichtet er, denke man gerade über ein jüdisches Bildungszentrum nach. Dort wurde einst eine Synagoge bei den Novemberpogromen zerstört und später ein Feuerwehrhaus an gleicher Stelle gebaut. Über eine Kooperation mit der Feuerwehr denkt man dort ebenfalls nach.
Auch die Leonberger Feuerwehr will nicht nachlassen: „Wir wollen jetzt immer wieder solche Aktionen machen“, sagt Zimmermann. Auf der Veranstaltung im Feuerwehrhaus hatte etwa die anwesende Vorsitzende der KZ-Gedenkstätte gleich eine Einladung ausgesprochen.
„Man darf auch wieder die Hand ausstrecken“
Und nicht zuletzt geht es an diesem Abend um einen potenziellen Weg zurück. „Ich vertrete die Auffassung, dass wir alle Menschen sind. Wenn jemand einen Fehler macht, den eingesteht und sich entschuldigt, dann sollte es auch die Möglichkeit geben, in die Gesellschaft zurückzukehren“, sagt Blume. Wie sich Personen nach ihrem Fehler verhalten würden, darum ginge es. „Man darf dann auch wieder die Hand ausstrecken.“