Wenn Kinder traurig sind und sich zurückziehen, kann Missbrauch eine Ursache dafür sein. Experten betonen, wie wichtig gute Prävention im Vereinsleben ist. Foto: imago stock&people

Im Sommer hat der hundertfache Missbrauch von Kindern durch einen Handballtrainer ganz Deutschland geschockt. Wollen Fellbacher Vereine künftig Förderung durch die Stadt, müssen sie Schutzkonzepte vorlegen.

Er galt als ein Vorzeigetrainer, als Kümmerer, der viele Handballtalente aufgezogen hat – doch dann im Dezember des vergangenen Jahres der Schock: Der Mann, der jahrelang in Fellbach und an anderen Orten die Jugendhandball-Landschaft mitgeprägt hat, hatte sich anderthalb Jahrzehnte lang auch an seinen Schützlingen vergangen. Im April dieses Jahres begann schließlich der Prozess gegen den zu diesem Zeitpunkt 53-Jährigen – und im Mai fiel bereits das Urteil des Gerichts: fünf Jahre und vier Monate Haft.

 

Der Fall hat ein Schlaglicht darauf geworfen, dass auch verdiente, langjährige und durchaus beliebte Trainer Täter sein können – und zwar jahre- oder gar jahrzehntelang. „Auch bei der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Rems-Murr-Kreises hat der Fall zu einer erhöhten Nachfrage und zu einer noch höheren Sensibilität geführt“, so eine Sprecherin des Landratsamtes. Die Anlaufstelle berät seit Jahren sowohl Betroffene als auch Vereine – und Täter. Auch Eltern, die glauben, ihr Kind könnte Missbrauch erlebt haben, können sich an die dortigen Ansprechpartner wenden. Nach dem Bekanntwerden des Fellbacher Falls haben sich auch mehr Vereine aus unterschiedlichen Bereichen an diese Fachstelle gewandt.

Sportvereine können für Täter ein attraktives Umfeld sein. Sie finden sie dort Jugendliche und damit potenzielle Opfer: Rund 60 Prozent der Menschen zwischen 13 und 15 Jahren sind in irgend einem Sportverein aktiv. Gelegenheiten, bei denen Kriminelle übergriffig werden könnten, bietet das Vereinsleben oft. Seien es als Hilfestellung getarnte Berührungen bei sportlichen Übungen, Situationen in der Umkleide oder Dusche, private Spielbesprechungen, Einzeltrainings, vermeintlich hilfsbereite Mitfahrten vom Training oder die Intimität eines Trainingslagers.

Vereinsförderung wird an Prävention von Missbrauch geknüpft

Um so wichtiger ist es laut Experten, wirksame Mechanismen zur Prävention sexueller Gewalt bei den Vereinen einzurichten. Die Stadt Fellbach beschreitet dabei vom kommenden Jahr an neue Wege. Sie verknüpft die Förderung von Vereinen – also beispielsweise Zuschüsse pro Mitglied, das Bereitstellen von Räumen oder Hilfe bei der Finanzierung eigener Räume – mit dem Vorhandensein eines Schutzkonzepts gegen sexuelle und andere Gewalt. Zwar hieß es schon bisher in den Förderrichtlinien, die Vereine würden „aufgefordert, aktive Prävention gegen sexualisierte oder sonstige Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu betreiben“. Konkretisiert wurde das lange nicht. Ende Januar tritt aber die neue Fassung der Richtlinien in Kraft, die sich derzeit in der Abstimmung befindet. „Darin ist das Ganze klarer formuliert und deutlicher an die Förderbedingungen geknüpft“, sagt Stephan Gugeller-Schmieg, der das Amt für Bildung, Jugend, Familie und Sport leitet.

Schutzkonzepte sind für kleine Vereine schwer umzusetzen

Die neue Regel soll für alle Vereine gelten, die Kinder- und Jugendarbeit betreiben. „Nun sind die größeren Vereine bei dem Thema natürlich deutlich weiter, bei den kleineren gibt es da mehr Unterstützungsbedarf“, sagt Gugeller-Schmieg. Der SV Fellbach beispielsweise, der hauptsächlich von dem Missbrauchsfall betroffen war, hat nicht erst nach dem Bekanntwerden der Straftaten Präventionskonzepte geleistet. Durch eine entsprechend geschulte Mutter, die bei ihrem Sohn nachhakte, kam der Stein damals ins Rollen.

Für kleinere Vereine dürfte es allerdings eine schwere Aufgabe sein, wirkungsvolle Präventionskonzepte zu erarbeiten und sie auch umzusetzen. Damit auch sie die Möglichkeit haben, beim Schutz ihrer jungen Mitglieder nachzulegen, bekämen sie dafür mehr Zeit, betont Gugeller-Schmieg. „Bei größeren Vereinen greift die neue Regel zuerst, der zeitliche Ablauf ist auf drei Jahre angelegt“, so der Amtsleiter. Wie die einzelnen Konzepte und ihre Umsetzung dann in der Praxis überprüft werden sollen, stehe allerdings noch nicht fest. „Das wichtigste Ziel ist es, die Vereine für das Thema zu gewinnen, und das ist schon gelungen.“

Andernorts hält man eine solche Verpflichtung nur für bedingt sinnvoll: „Eine Pflicht hierzu halte ich nicht für ein Allheilmittel, dies hilft nur, wenn die Vereine dieses Thema auch leben“, meint etwa Jens Rith. Er ist Vorstandsmitglied bei der SG BBM in Bietigheim (Kreis Ludwigsburg), wo der Trainer ebenfalls tätig war und einen Jungen missbrauchte. „Aus meiner Sicht steht und fällt das Ganze mit der Ernsthaftigkeit, die Vereine diesem Thema zuspielen.“

Missbrauch durch den Trainer

Skandal
 Im Juli 2021 vertraute ein Jugendlicher, der beim SV Fellbach Handball spielte und Missbrauch durch seinen Trainer erfahren hatte, sich erst seiner Mutter, später auch der Polizei an. Das brachte den Stein ins Rollen – und Missbrauchsvorgänge ans Licht, die über einen Zeitraum von rund 15 Jahren stattfanden. An etwa zehn Spielern zwischen 13 und 18 hatte sich der Jugendtrainer insgesamt hunderte Male vergangen.

Prozess
 Der Ex-Trainer räumte alle Vorwürfe gegen ihn ein, er wurde in einem raschen Verfahren zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.