Nach der Kritik am Stuttgarter „Tatort“: Zu Besuch im Drehort Bichishausen, einem Dorf im Lautertal. Beim Stammtisch im Gasthaus Hirsch fallen deutliche Worte.
Die Erinnerung an den Stuttgarter „Tatort“ bekommt im Drehort Bichishausen ein ganz besonderes Plätzchen: Über dem Holzofen im Gasthaus Hirsch soll’s hängen, das Ortsschild vom fiktiven „Waldingen“, wie das 130-Einwohner-Dorf im Kreis Reutlingen im Film heißt. Die Montage ist Chefsache. Gerade noch hat der Wirt Alfred Tress im weißen Kochkittel das gespülte Geschirr einsortiert, jetzt kommt er mit dem Akkuschrauber – und bringt das Andenken an die Dreharbeiten höchstpersönlich an. Alle haben sie sich auf dem Schild verewigt, die Schauspieler des aktuellen „Tatort“ aus Stuttgart – inklusive der Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). „Alfred, des isch kromm“, ruft einer der Gäste und eilt zu Hilfe, um das Schild gerade zu rücken. Hier im Hirschen ist es an diesem Abend Ende November mollig warm, Alfred Tress hat noch mal Holz nachgelegt, damit seine Stammtisch-Gäste nicht frieren.
„Die Schwoba durch den Dreck zoga wie die Deppa“
Fünf Männer, zwischen 57 und 70 Jahre alt, kommen hier im Gasthaus, das direkt an der Landstraße liegt, gegen 18 Uhr zusammen. Zum Stammtisch. Einer nach dem anderen gibt seine Bestellung auf, eine Halbe oder ein dunkles Weizen, der Schnupftabak geht rum. Biersaufen unterm Hirschgeweih wie im „Tatort“? Fehlanzeige. Dafür findet man hier an den Wänden „Die zehn Gebote des Wirths“. Erstes Gebot: „Du sollst nur bei mir einkehren und keine andern Wirthshäuser nebenbei besuchen.“
Seit Jahrzehnten treffen sich die Männer hier, manch einer ist schon als Kind mit seinem Vater gekommen. Das Thema an diesem Abend: der „Tatort“ aus Stuttgart. Denn die Folge der Krimireihe mit dem Titel „Lass sie gehen“, in der eine junge Frau getötet wird, die zuvor ihr Heimatdorf verlassen und einen Neuanfang in der Großstadt gewagt hatte, löste in der Dorfbevölkerung und bei einigen Menschen auf der Schwäbischen Alb nur Kopfschütteln aus. Regelrecht „verarscht“ habe man sich beim Anschauen gefühlt, sagt Alfred Tress. „Die Schwoba durch den Dreck zoga wie die Deppa. Wie wenn wir hinterm Mond leben“, schimpft Franz Schmid am Stammtisch. „Wie vor hondert Johr“, ergänzt Paul Müller.
„Das war der erste und letzte Tatort, den ich gesehen habe“
Tress hatte am Sonntag vor einer Woche extra die Scheune ausgeräumt, um die rund 100 eingeladenen Freunde und Bekannte zur Prime Time unterzubringen. Den „Tatort“ aus Stuttgart, in dem ihr Dorf ganz groß rauskommt, den wollten viele lieber zusammen auf der Leinwand anschauen als alleine zuhause auf der Couch.
Doch auch mehrere Tage nach der Ausstrahlung ist der Ärger in Bichishausen noch spürbar: „Das war der erste und letzte Tatort, den ich gesehen habe“, ruft an diesem Novemberabend eine Frau verärgert vom Nebentisch, wo eine Weihnachtsfeier stattfindet. „So liadrich“ sei diese Folge gewesen, was übersetzt aus dem Schwäbischen so viel wie „erbärmlich“ bedeutet.
„Aufschreiben“, diktieren die Männer am Stammtisch in den Block und signalisieren Zustimmung. „Viel mehr Klischee geht net“, sagt Roman Geiselhart. Das Bild, das die „Tatort“-Folge gezeichnet habe, entspreche überhaupt nicht der Realität. Bichishausen sei eine ruhige und zivilisierte Ortschaft. „Wir sind Gästen gegenüber aufgeschlossen“, betont Franz Müller. Das kann auch der Ortsvorsteher Emanuel Kraft bestätigen, der sich zum Stammtisch dazugesellt: „Die Leute hier sind weltoffen, das waren sie auch mir gegenüber als Reigschmeckten“, sagt der 34-Jährige, der zwar aus Münsingen stammt, aber im mehrere Kilometer entfernten Stadtteil Bichishausen halt trotzdem als ein „Reigschmeckter“ galt.
Wissenschaftler: „Der Tatort soll ja kein Regionalmarketing sein“
Kraft wünscht sich, dass die Diskussion rund um den Stuttgarter „Tatort“ langsam abflacht. Aber auch den Familienvater hat gestört, wie veraltet die Verantwortlichen das Leben auf dem Dorf darstellten. „Wir sind offen für Neues“, sagt der Ortsvorsteher. Man habe eine tolle Gemeinschaft, jeder helfe jedem. Der „Tatort“ aber habe es verpasst, ein angemessenes Bild des Landlebens zu zeigen. So sei die Folge nicht die „beste Werbung für die Alb“ gewesen, sagt er.
Diesen Anspruch dürfe man aber nicht unbedingt an einen Krimifilm haben, sagt Professor Jörn Birkmann, der an der Universität Stuttgart seit Jahren zur Entwicklung des ländlichen Raums forscht. „Ein bisschen altbacken und stereotyp war die Darstellung des Dorflebens schon“, gibt er zu. „Aber es geht um Spannung und Unterhaltung. Der Tatort soll ja kein Regionalmarketing sein“, sagt der 52-jährige Wissenschaftler. Er glaubt nicht, dass „junge Leute nach dem Film lieber in die Stadt wollen, weil es auf dem Land angeblich so schlimm ist“. Birkmann wirbt eher dafür, den Darstellungen selbstbewusster zu begegnen: „Die Schwaben, gerade rund um Münsingen, könnten sich mit mehr Selbstbewusstsein zurücklehnen, denn der ländliche Raum auf der Schwäbischen Alb, aber auch in ganz Baden-Württemberg muss sich nicht verstecken.“ Im Südwesten habe man wirtschaftlich starke, ländliche Regionen – anders als etwa in den ostdeutschen Bundesländern.
Alfred Tress ist bekannt für seine frischen Forellen, die er selbst fischt
Und gerade im Lautertal mit einem der schönsten Flüsse im Land beobachte er zudem ein „hohes Erholungsniveau“. Die Idylle in Bichishausen mit der plätschernden Lauter, die sich durchs Tal zwischen Wohnhäusern auf der einen Seite und Landstraße auf der anderen schlängelt, mit der Burgruine, die auf dem Hügel über dem Dorf thront – das schätzen nicht nur die Einheimischen, sondern auch die vielen Touristen, die es jedes Jahr in den Sommermonaten zum Radfahren und Wandern ins Lautertal lockt. „Hier lebt man, wo andere Urlaub machen“, sagt auch Ortsvorsteher Kraft. Viele legen bei ihren Ausflügen dann auch im Gasthaus Hirsch eine Pause ein. Alfred Tress ist bekannt für seine frischen Forellen, die er selbst wenige hundert Meter von seinem Gasthaus entfernt in der Lauter fischt.
Doch ein Nachfolger ist bis jetzt nicht gefunden, seine Kinder haben kein Interesse, die beliebte Wirtschaft weiter zu führen. Der 64-Jährige begegnet den Plänen der nächsten Generation mit einem Verweis auf den Titel des Tatorts: „Lass sie gehen“.
„Tatort“-Gucker schauen in Bichishausen vorbei
In den vergangenen Tagen hat der Wirt etliche „Tatort“-Gucker an seinen Fensterscheiben beobachtet. „Gaffer“ nennt er sie. „Guck, des isch die Wirtschaft“, hört er sie dann meistens sagen. Sobald sie merken, dass er sie entdeckt hat, „laufen sie rot an“, erzählt Tress. Und vielleicht ist das ja die positive Folge der ganzen Aufregung rund um den „Tatort“ aus Stuttgart: Mehr Kundschaft für das Gasthaus Hirsch in Bichishausen. „Wenn die eine heile Welt gezeigt und uns nicht so als Hinterwäldler dargestellt hätten, dann hätte das bestimmt auch nicht diese Aufmerksamkeit bekommen“, sagt einer der Männer am Stammtisch. Jetzt würden Leute hier vorbeikommen und schauen, „ob’s hier wirklich so zugeht“.
Gegen später, als die Diskussion sich dem Ende zuneigt, meint Franz Müller: „Also beim nächsten Tatort spielat mir mit“. Und Wirt Alfred Tress nickt zustimmend: „Da brauchen wir aber kein SWR, das können wir auch selber aufnehmen.“