Mit externer Hilfe will der Hymnus-Chor die Vorwürfe gegen den scheidenden Chorleiter aufarbeiten. Doch das dauert – die Klärung der Nachfolge hat Vorrang.
Die für den Herbst angekündigte Aufarbeitung der Turbulenzen beim Stuttgarter Hymnus-Chor lässt auf sich warten. Ein halbes Jahr, nachdem der zuletzt umstrittene Chorleiter Rainer Johannes Homburg seinen Rückzug auf Ende Oktober angekündigt hatte, will sich der von der Evangelischen Kirche getragene Chor zunächst auf die Kür eines Nachfolgers konzentrieren. Der Auswahlprozess, die kommenden Konzerte und die verbleibenden Veranstaltungen zum 125-Jahr-Jubiläum verlangten „die volle Konzentration und zeitliche Kapazität aller Beteiligten“, teilte der Stadtdekan Søren Schwesig unserer Zeitung mit. Im Anschluss daran würden die weiteren Schritte erfolgen, bei denen auch der neue Chorleiter einbezogen werde. Die Beratungen dazu seien im Gange.
Vor dem zunächst nur intern bekannt gegebenen Rücktritt, der erst im Zuge von Recherchen unserer Zeitung öffentlich wurde, hatte es massive Kritik an Homburg gegeben. In einem neunseitigen Brief an die Eltern hatte fast der komplette Männerchor über Probleme mit ihm informiert. Darin ging es um seinen Führungsstil, sein Kommunikationsverhalten und seinen Umgang mit Kritikern. Homburg selbst hatte seinen Rückzug nach 15 Jahren mit den Worten begründet, man solle „gehen, wenn es am schönsten ist“; er wolle sich neuen Herausforderungen zuwenden. Die Kirche hatte seinen Weggang bedauert und als „Verlust“ bezeichnet, zugleich aber eine Aufarbeitung der Vorwürfe angekündigt.
Stadtdekan: Trauer und offen Fragen
Auch vom Elternbeirat war eine „umfassende, verbindliche und sachliche Aufarbeitung“ der Kritikpunkte des Männerchores gefordert worden; diese habe „bisher nicht stattgefunden“. Ohne einen unabhängigen, kompetenten Moderator werde dies kaum gelingen. Kurz vor den Sommerferien hatte Schwesig in einer Rundmail an Sänger, Eltern und Mitarbeitende geschrieben, dem Kuratorium des Hymnus-Chores sei „bewusst, dass der Abschied von Herrn Homburg mit Trauer und zahlreichen offenen Fragen verbunden ist“. Man plane einen „durch eine Person von außen begleiteten Prozess, der noch im Herbst beginnen soll“. Dabei wolle man „auf die Ereignisse der vergangenen Monate schauen“ und die Frage stellen, was der Chor für eine „gute Zukunft“ brauche. Zuvor hatte der Stadtdekan „eine Mediation durch Externe sowie die Einrichtung einer Krisenkommunikation“ angekündigt; dies erfordere Zeit, weshalb er um Geduld bitte. Wer ein solcher Vermittler sein könnte, ist bisher nicht bekannt.
Sieben Bewerber zum Probedirigat erwartet
Optimistisch zeigte sich Schwesig mit Blick auf die Nachfolge von Homburg (59), der im Oktober feierlich verabschiedet werden soll. Die Stelle war im Frühsommer ausgeschrieben worden; neben musikalischer Exzellenz wurde eine „ausgeprägte musikpädagogische und kommunikative Kompetenz im Umgang mit jungen Menschen“ verlangt. Nach Angaben des Stadtdekans haben sich 20 Bewerber – ausnahmslos Männer – gemeldet, von denen sieben in die engere Auswahl kamen. Sie werden nun am ersten Oktoberwochenende zu einem „Probedirigat“ erwartet. Danach werde eine Findungskommission einen Bewerber zur Anstellung empfehlen.
Die drei hauptamtlichen Kirchenmusiker in dem Gremium und die Vize-Chorleiterin hätten sich „sehr erfreut gezeigt über die hervorragende Qualität zahlreicher Bewerber“, berichtete Schwesig. Das Bewerber-Interesse zeige, dass es sich „um eine profilierte Stelle für einen Chor mit großer Tradition handelt“. Sie ist in Entgeltgruppe 14 der kirchlichen Anstellungsordnung eingestuft, was je nach Erfahrung Monatsbezügen von bis zu gut 7000 Euro entspricht. Homburg war erst der sechste Chorleiter in der 125-jährigen Geschichte des „Hymnus“.
Dirigent fürs Weihnachtskonzert gefunden
Nach seinem Ausscheiden wird der Chor zunächst von der Vize-Chorleiterin Diana Weindel geleitet. Für das traditionelle Weihnachtsoratorium am zweiten Feiertag in der Liederhalle habe man einen „sehr erfahrenen Chorleiter“ gewinnen können, berichtete Schwesig: Roderich Kreile, der von 1997 bis 2022 den Dresdner Kreuzchor leitete. Er kenne den Hymnus-Chor gut und werde spätestens Anfang Dezember in die Probenarbeit einsteigen.